Verursachergerechte Zuordnung von Heizkosten

Was ist daran „gerecht“, wenn ich plötzlich mehr zahlen soll?

Der Schock kommt mit der Post: die Heizkostenabrechnung. Der erste Blick geht nach unten rechts in die Zeile mit der Summe. Viel mehr als im letzten Jahr. Die Preise für Öl und Gas sind nicht so sehr gestiegen und der Winter war auch nicht so hart!? Wie kommt das?

Bild: privatWas ist daran „gerecht“, wenn ich plötzlich mehr zahlen soll?

Bei näherem Hinsehen sieht man dann einen neuen Text auf der Heizkostenabrechnung: Rohrwärmekorrektur nach VDI 2077 Beiblatt. Eine schnelle Recherche im Internet führt auf die Seite www.vdi.de/2077, auf der man Hintergrundinformation zur Richtlinie bekommt. (Der Link funktioniert übrigens mit jeder vierstelligen Richtliniennummer.) Da aber die Richtlinie nicht für Laien geschrieben wurde, sei eine kurze Erläuterung gestattet.

Bezahlen soll, wer die bezahlte Wärme nutzt
Die HeizkostenV fordert, dass Heizkosten „verursachergerecht“ zugeordnet werden. Bezahlen soll, wer die bezahlte Wärme nutzt. Soweit die Theorie. In der Praxis weiß der Vermieter aus Abrechnungen seiner Lieferanten genau, wie viel Brennstoff er in einem Jahr der Heizung zugeführt hat. Würden alle Mieter gleich heizen, wäre jetzt schon alles klar: Man könnte einfach nach beheizter Fläche umlegen. Tatsächlich empfindet aber der eine 19 °C als angenehm, der andere fühlt sich erst bei 21 °C wohl. Also müssen Messgeräte her, die bestimmen, wie viel Wärme wer bekommt. Diese Messgeräte sind in den weitaus meisten Fällen an den Heizkörpern angebracht. Sie sollen einen Rückschluss aus der Oberflächentemperatur des Heizkörpers auf die in den Raum abgegebene Wärmemenge erlauben.

Ungedämmt verlegte Rohrleitungen
Wenn die Heizkörper wirklich der einzige Weg wären, auf dem Wärme in den Raum gelangt, wäre auch alles bestens. Aber jetzt kommt das Problem: Vielfach liegen – speziell in älteren Gebäuden, in den neuen Bundesländern aber auch in vielen Bestandsgebäuden aus nicht so weit zurückliegenden Jahrzehnten – ungedämmt verlegte Rohrleitungen in den Wänden. Diese Rohrleitungen wirken wie kleine Heizkörper. Das gilt nicht nur, wenn sie wie das berüchtigte Modell „Dresdener Gardinenstange“ frei sichtbar im Raum verlaufen, sondern selbst dann, wenn sie in der Wand oder im Fußboden liegen. Die von diesen Leitungen abgegebene Wärme beheizt auch den Raum, wird aber von Heizkostenverteilern an den Heizkörpern nicht erfasst.

Verbesserung der Gebäudedämmung
In alten, insgesamt schlecht gedämmten Gebäuden ist der Wärmebeitrag über die Rohre meist relativ klein und fällt gegenüber der Wärmelieferung über die Heizkörper nicht auf. Mit steigenden Energiepreisen und in Verfolgung des politischen Ziels der Energie- und CO2-Reduzierung wurde nun vielen Bestandsgebäuden zunächst einmal eine warme Jacke angezogen, sprich die Dämmung und Dichtigkeit der Gebäudehülle wurden verbessert. Die Heizung selbst wurde aber oft nicht modernisiert. Als Erfolg ist zu verzeichnen, dass weniger Wärme nötig ist, um thermisch behagliche Innenraumtemperaturen zu erzeugen. Heizkörper werden also weniger aufgedreht, die Heizkostenverteiler messen geringeren Verbrauch. Die alten Heizungen stecken noch im Gebäude, und sie haben oft hohe Vorlauftemperaturen. Die Dresdener Gardinenstange (und andere ungedämmt verlegte Rohre) liefern dann nach der Sanierung der Gebäudehülle nahezu dieselbe absolute Wärmemenge in die Räume wie vorher. Die Wärme wird aber nach wie vor nicht erfasst. Der für den Vermieter (auf den Heizkostenverteilern) „unsichtbare“ Anteil der Wärme ist also im Verhältnis zum sichtbaren viel größer geworden.

Kostenverzerrungen möglich
Verschlimmernd kommt hinzu, dass die Anzeigewerte der Heizkostenverteiler aufgrund individueller Gewohnheiten viel mehr streuen als vor der energetischen Sanierung der Gebäudehülle. Sind diese individuellen Abweichungen gering, passiert meist nichts gravierend Schlimmes, doch wenn im selben Haus Sparheizer  und Wärmeliebhaber wohnen, können erhebliche Kostenverzerrungen auftreten, weil die Rohrwärme der Sparer zum Teil den Wärmeliebhabern zugerechnet werden wird.

VDI 2077 liefert Korrekturverfahren
Hier tritt die VDI 2077 Beiblatt auf den Plan: Das vorhandene Heizsystem sollte bekannt sein. Damit kann ein kundiger Mensch eine Anfälligkeit für Rohrwärmeprobleme abschätzen. Ein Blick auf die gemessenen Anzeigewerte anhand von statistischen Kriterien kann ebenfalls Hinweise liefern. Ist von einer Rohrwärmeproblematik auszugehen, kann durch Anwendung des Korrekturverfahrens nach VDI 2077 Beiblatt die Abrechnungsgerechtigkeit erheblich verbessert werden. Das führt allerdings insbesondere bei den eher „kühlen Köpfen“ (Sparheizern) dazu, dass die Rechnung durch die neuerdings ihnen zugeordneten Wärmemengen höher ausfallen als gewohnt.

Die naheliegende Lösung wäre natürlich direkt an jedem Rohr einen Wärmemengenzähler anzubringen, um die Wärmeabgabe des Rohrs zu messen. Doch die Messgeräte und das Ablesen kosten Geld. Die HeizkostenV sieht auch vor, dass die Genauigkeit der Abrechnung in einem vernünftigen Verhältnis zu den Kosten für die Messung stehen muss.

Bild: VDIThomas WollsteinAutor: Thomas Wollstein
Position beim VDI: Technisch-wissenschaftlicher Mitarbeiter in der VDI-Gesellschaft Bauen und Gebäudetechnik, Betreuer Fachbereich Facility Management, Mitarbeit im Fachbereich Technische Gebäudeausrüstung.
Aufgabe beim VDI: Technische Regelsetzung, Mitgliederbetreuung und -gewinnung

Kommentare & Pingbacks

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*