Gabriele Graube zur neuen Pisa-Studie

„Wir brauchen Technik-Pisa!“

Auch die verbesserten Ergebnisse der neuen Pisa-Studie können nicht darüber hinweg täuschen, dass es deutschen SchülerInnen nach wie vor an technischer Bildung fehlt. Wir haben dazu unsere Bildungsexpertin Gabriele Graube befragt.

Foto: Thomas Ernsting

Foto: Thomas Ernsting

Bild: privatGraube_GabrieleFrau Graube, bitte stellen Sie sich doch kurz vor.
Ich bin Vorsitzende des VDI-Fachbeirats „Technische Bildung“. An  der TU Braunschweig forsche ich als Privatdozentin im Bereich technische Allgemeinbildung vor dem Hintergrund von gesellschaftlichem Wandel, technischem Wandel und einem Wandel in der Wissenschaftskultur.

Wissen wir mit der neuen Pisa-Studie mehr über technische Allgemeinbildung in Deutschland?
Nein. Deshalb sollte man „Technik-Pisa“ einführen. Auch ein Pisa mit dem Schwerpunkt Naturwissenschaften misst nicht explizit technische Allgemeinbildung. Statt über eine Ausstattung mit Technikgeräten nachzudenken, wäre zunächst die Einigung über eine bundesländerübergreifende Strategie anzustreben, wie sie der VDI in dem Positionspapier zur technischen Allgemeinbildung 2012 fordert.

Was hat sich gegenüber früheren Herausforderungen geändert?
Unsere Kinder werden sowohl die rein technischen Probleme der Zukunft zu lösen haben – ich denke da nur an Energie, Klimawandel, Mobilität – als sich auch kritisch und konstruktiv mit den damit verbundenen Wirkungen auf Mensch, Natur und Gesellschaft auseinandersetzen müssen. Das wird nur gelingen, wenn alle über ein Mindestmaß an technikwissenschaftlicher Bildung verfügen.

Woher aber nimmt man die entsprechenden Lehrer?
Die Klage, dass Lehramtsinteressenten für Mathematik, Natur- und Ingenieurwissenschaften fehlen, führt doch nur zu der Konsequenz, dass in der Schule mehr für diese Fächer getan werden muss. Interessenentwicklung ist ein früh einsetzender Prozess. Er sollte in der Schule nicht nur früh einsetzen, sondern es sollten auch konsequent Handlungs- und Erfahrungsräume für eine Auseinandersetzung mit Natur- und Technikwissenschaften geschaffen werden.

Ein Vorwurf der Hochschulen lautet, Schüler hätten von Mathematik und Technik, wie sie für die Ingenieurwissenschaften benötigt werden, zu wenig Ahnung. Können Sie das nachvollziehen?
Ja. Das kann man Schülern und Lehrern aber nicht allein anlasten. Unser heutiges Schulsystem bietet keinen ausreichenden Raum für eine natur- und technikwissenschaftliche Bildung. Technik gilt als ungeliebtes Kind der Bildung, in Folge dessen gleicht Technikbildung in Deutschland einem löchrigen Flickenteppich. Und das an einem Hochtechnologiestandort!

Was läuft da falsch?
Viele denken bei Technik an Blaukittel, Werkbank und Sägen, Bohren und Feilen. Technik ist heute aber vor allem Ergebnis wissenschaftlichen Forschens und Entwickelns. Und Technik hat selbst einen Wissenschaftsbereich – die Ingenieurwissenschaften, die Technikgeschichte und die Technikphilosophie. Und genau das wird in der Schule meist nicht vermittelt. Und kann auch von Schule allein nicht vermittelt werden. Dazu braucht es außerschulische Partner aus Hochschule und Wirtschaft.

In den Koalitionsverhandlungen wurde in letzter Minute das Vorhaben gestrichen, Schüler mit mobilen Endgeräten auszustatten. Gefährdet das die technische Bildung in Deutschland?
Ich begrüße diese Entscheidung sehr. Eine Aufrüstung des Unterrichts durch digitale Whiteboards, Tablets oder Phones birgt immer die Gefahr, in die Technisierungsfalle zu tappen. Der Unterricht verändert sich zwar mit digitalen Medien, aber gelernt wird dadurch nicht automatisch mehr und schon gar nicht etwas über Technik. Medien, gleich welcher Art, brauchen immer eine didaktisch begründete Einbindung in den Unterricht. Insofern sind solche medienwirksamen Forderungen eher gefährlich für die technische Bildung.

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