Technikgeschichte im VDI

Vertrauen verlieren ist einfacher, als es zu gewinnen

Technikgeschichte ist für uns im VDI eine wichtige Disziplin, die sowohl im Haupt- als auch im Ehrenamt aktiv bearbeitet wird. In der letzten Woche fand die Technikgeschichtliche Jahrestagung unter dem Motto „Vertrauen in Technik?“ statt.

In diesem Zusammenhang haben wir Dr. Lars Bluma, Vorsitzender des VDI-Ausschusses Technikgeschichte und in dieser Funktion auch Leiter der Technikgeschichtlichen Jahrestagung, sowie Dr. Hartmut Knittel, Sprecher der Arbeitskreisleiter Technikgeschichte in den VDI-Bezirksvereinen, einmal zum Thema Technikgeschichte interviewt.

Bild: VDITechnikgeschichte_Bluma_Knittel

Unsere Interviewpartner Dr. Hartmut Knittel (links) und Dr. Lars Bluma (rechts).

Herr Dr. Bluma, Herr Dr. Knittel, bitte stellen Sie sich doch kurz vor.
Dr. Lars Bluma: Seit 2012 bin ich Leiter des Forschungsbereichs Technikgeschichte am Deutschen Bergbau-Museum Bochum. Meine Forschungsinteressen sind in der Technik-, Wissenschafts- und Medizingeschichte angesiedelt.

Dr. Hartmut Knittel: Ich bin Ingenieur für Vermessungstechnik und betreibe Forschung und Lehre an der Universität der Bundeswehr Hamburg.  Meine Dissertation habe ich über die Fertigungsprozesse der Heeresrüstung Deutschlands im Zweiten Weltkrieg geschrieben. Außerdem bin ich Konservator am TECHNOSEUM in Mannheim  und dort zuständig für Schienenverkehr und Binnenschifffahrt.

Wie kamen Sie zum VDI?
Dr. Hartmut Knittel:
Durch persönliche Begegnungen in Ostfriesland, damals im VDI Bezirksverein Weser-Ems. Später habe ich den Arbeitskreis Technikgeschichte im Bezirksverein Hamburg aktiv mitgestaltet und war temporär Sprecher aller Arbeitskreise und in dieser Funktion Mitglied des Vorstandes im BV Hamburg.

Dr. Lars Bluma: Als Technikhistoriker hatte ich schon sehr früh in meiner wissenschaftlichen Karriere über die technikhistorische Jahrestagung Kontakt  zum VDI. Meinen ersten Vortrag im Rahmen der VDI-Tagung habe ich 2002 über „Rauschen auf allen Kanälen: Transaktionskosten der Telekommunikation“ gehalten.

Was ist ihr genaues Ehrenamt?
Dr. Lars Bluma: Ich bin seit 2013 Vorsitzender des VDI-Ausschusses Technikgeschichte und organisiere in dieser Funktion die jährliche VDI-Tagung Technikgeschichte.

Dr. Hartmut Knittel: Ich bin Arbeitskreisleiter der Arbeitskreise „Technikgeschichte“ und „VDI Brennpunkt aktuell“ im VDI-Bezirksverein Nordbaden-Pfalz. Außerdem bin ich Mitglied des Redaktionsteams der VDI-BV-Zeitschrift „technikforum“ und zur Zeit Sprecher aller deutschlandweit aktiven Arbeitskreise Technikgeschichte. In dieser Funktion bin ich auch mitverantwortlich für die Jahrestreffen der Arbeitskreisleiter Technikgeschichte der Bezirksvereine. Außerdem bin ich  in dieser Funktion Mitglied des VDI-Ausschusses Technikgeschichte im Hauptverein.

Die technikgeschichtliche Jahrestagung 2014 stand unter dem Motto „Vertrauen in Technik?“ Welche Faktoren spielen beim Schaffen von Vertrauen in technische Entwicklungen eine Rolle?
Dr. Hartmut Knittel: Das Verstehen von Technik ist eine Voraussetzung, um das Vertrauen zur Technik zu gewinnen bzw. Vertrauen in technische Innovationen zu haben. Somit gilt die Schulbildung über die MINT-Fächer als Grundfaktor, die Funktionalität der Technik besser zu erkennen. In der gesamten Medienlandschaft werden ingenieurwissenschaftliche Fragestellungen/Herausforderungen zu wenig didaktisch heruntergebrochen; auch die breite Öffentlichkeit sollte nicht nur die Bedenken, sondern auch zukünftige Chancen von technischen Innovationen erkennen. Damit kann auch die Vertrauensfrage in Technik auf einem höheren Niveau gestellt und adäquater beantwortet werden.

Dr. Lars Bluma: Vertrauen in Technik ist ein sehr komplexes Phänomen, welches auf verschiedenen gesellschaftlichen Ebenen eine Rolle spielt. Vertrauen in Technik kann sich z.B. auf bestimmte Institutionen, Expertensysteme, Berufsgruppen und einzelne technische Produkte beziehen. Wenn wir davon ausgehen, dass kein technisches System fehlerfrei ist, das Misstrauen im Sinne eines technischen Versagens also jeder Technik inhärent ist, so ließe sich schlussfolgern, dass nur eine angemessene Kommunikation und Partizipation von relevanten Interessengruppen Vertrauen in Technik schafft.

Welche Learnings können diesbezüglich aus der Vergangenheit abgeleitet werden?
Dr. Lars Bluma: Wenn im Hinblick auf Vertrauen in Technik überhaupt etwas aus der Geschichte gelernt werden kann, dann, dass es einfacher ist Vertrauen zu verlieren als Vertrauen zu gewinnen.

Dr. Hartmut Knittel: Technik an sich ist angewandte Naturlehre bzw. Technologie ist angewandte Naturwissenschaft und damit wertfrei. Es kommt darauf an, was die Menschen damit machen. Über die Verbesserung der Bildung breiter Bevölkerungskreise kann die Gesellschaft auch geplante technische Großsysteme (Kernkraftwerke, Magnetschwebebahn, spektakuläre Brücken- und Tunnelbauten aber auch Bahnhofs- und Flughafenbauten) qualifizierter beurteilen und dann der Planung zustimmen oder sie verwerfen – in demokratischen Prozessen, an die sich auch höchste Entscheidungsträger aus Politik und Wirtschaft halten sollten.

Wie kann der VDI dazu beitragen, das Vertrauen in Technik zu stärken?
Dr. Lars Bluma: Vertrauen in Technik kann nur gestärkt werden, wenn alle relevanten gesellschaftlichen Gruppen an den Diskussionsprozessen über Technik einbezogen werden. Dazu gehört natürlich auch, dass die Diskussionsteilnehmer über ein entsprechendes Wissen über die komplexen Verschränkungen von Technik und Gesellschaft verfügen. Technikgeschichte kann hier sicherlich einen entscheidenden Beitrag zur notwendigen technischen Bildung leisten.

Dr. Hartmut Knittel: Der VDI muss dafür sorgen, dass mehr Ingenieure in der gesamten Medienlandschaft zu Wort kommen – und nicht erst, wenn „ein Kind in den Brunnen gefallen“ ist. Großtechnische Systeme und technische Innovationen an sich werden in der Öffentlichkeit von Politologen, Soziologen, Volkskundlern, Juristen, Kunsthistorikern und anderen Geisteswissenschaftlern interpretiert und bewertet – die Ingenieure und Naturwissenschaftler als soziale Träger der Technik bleiben oft in Gremien und medial im Hintergrund. Insofern sollte auch die Technikgeschichte wieder mehr von Ingenieuren betrieben und vertreten werden.
Die VDIni-Clubs für Kinder, VDI-ZUKUNFTSPILOTEN für Jugendliche und verstärkte VDI-Kooperationen in der Schullandschaft vor Ort zeigen erfolgversprechende Wirkung. Weiterhin sollte der VDI im Rahmen seiner Möglichkeiten auf die Lehrerausbildung und Fortbildung der Pädagogen hinwirken, dass Unterrichts- und Lehrpläne dergestalt „entrümpelt“, dass Sensibilität und Qualifikation für technische Fragestellungen und technologische Herausforderungen unserer Zeit im Rahmen der Allgemeinbildung erhöht werden (technische Allgemeinbildung). Dies dürfte sicherlich das Vertrauen der Bevölkerung in Technik erhöhen. Im Übrigen sollte das Humboldtsche Bildungsideal für die moderne Gesellschaft des 21. Jahrhunderts dementsprechend fortgeschrieben werden:  Prinzipiell etwas weniger Wilhelm von Humboldt – dafür mehr Alexander von Humboldt!

Welche Themen werden Ihrer Meinung nach künftig in Ihrem Bereich eine wichtige Rolle spielen?
Dr. Hartmut Knittel: Die Arbeitskreise „Technikgeschichte“ in den Bezirksvereinen sind Öffentlichkeitsarbeit und dienen der interessierten Teilnehmerschaft als Kultur- und Bildungsveranstaltung in der jeweiligen Region. So ist im VDI-Bezirksverein Nordbaden-Pfalz im Rahmen der politischen Debatte zur Energieerzeugung auch der Neubau des Blocks 9 des Großkraftwerks Mannheim ein Thema. Oder, nach Arbeitsplätzen gefragt: Welche Drucktechnologien sichern der Heidelberger Druckmaschinen AG die Zukunft?
Je nach Region thematisieren andere Bezirksvereine die immer häufiger in Erscheinung tretende marode öffentliche Infrastruktur wie die Leverkusener Rheinbrücke oder den baulichen Zustand der Schleusen des Nord-Ostsee-Kanals. Reparatur, Wartung und Instandsetzung – auch Restaurierung – im Hoch-, Tief- und Ingenieurbau sowie in der technischen Gebäudeausrüstung sind technikgeschichtliche Themen in den Bezirksvereinen.
Allgemein geht es um die Genese, die Gegenwart und mittels Technik um die Sicherung der Lebensgrundlagen für unsere Zukunft: weiterhin sauberes Trinkwasser, Reinhaltung und Verbesserung der Luftqualität, ökologisch nahe Ernährung sowie organisierte und individuelle Mobilität der Menschen.

Dr. Lars Bluma: Ganz abstrakt formuliert sind es die vielfältigen historischen Wechselverhältnisse zwischen Technik, Gesellschaft und Kultur, die im Mittelpunkt des VDI-Ausschusses Technikgeschichte stehen werden.

Fritz_NeußerDas Interview führte: Fritz Neußer
Position im VDI: Wissenschaftlicher Mitarbeiter
Aufgabe im VDI: Referent für Technische Bildung

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