Interview mit Prof. Dr. Gerd Jendritzky

Der Erfinder des Klima-Michels

Vor einigen Wochen haben wir Euch den Klima-Michel vorgestellt. Nun haben wir mit seinem Erfinder, Prof. Dr. Gerd Jendritzky, gesprochen.

Herr Prof. Jendritzky, Stellen Sie Sich doch bitte kurz vor.
Ich bin ehemaliger Leiter der Abteilung Medizin-Meteorologie des Deutschen Wetterdienstes und Honorarprofessor an der Universität Freiburg.

Klima-Michel

Der Klima-Michel als Modell

Sie sind der Erfinder des Klima-Michels. Wie kam es dazu?
In den siebziger Jahren wurden sehr einfache Verfahren zur human-biometeorologischen Bewertung der thermischen Umweltbedingungen eingesetzt, die offensichtlich weder die thermophysiologischen Erfordernisse erfüllten noch den Wärmeaustausch zwischen Mensch und Atmosphäre komplett beschrieben. Ich wurde auf das Buch: „Thermal Comfort“ von P.O. Fanger (1970) aufmerksam, in dem über viele Diagramme und Tabellen (PCs waren damals noch nicht erfunden) Ergebnisse von Berechnungen mit einer aus Klimakammeruntersuchungen abgeleiteten Behaglichkeitsgleichung (PMV) dargestellt wurden. Als Angehöriger des DWD mit Zugriff auf einen Großrechner hatte ich die Gleichung schnell programmiert und dann zur Berechnung der mittleren Strahlungstemperatur, mit der sämtliche kurz- und langwelligen Strahlungsflüsse auf den Menschen bezogen werden, ein Strahlungsmodell geschrieben, dass übliche meteorologische Mess- und Beobachtungsdaten (SYNOP-Schlüssel) verarbeitet. Das gelang mithilfe von Dr. Kasten, dem späteren Vorsitzenden des Richtlinienausschusses VDI 3789 Blatt 2. Im Namen Klima-Michel steckt der deutsche Michel, weil für das Modell gewisse Standardisierungen bzgl. typischer Verhaltensweisen (Gehgeschwindigkeit, Bekleidung) der Bevölkerung notwendig waren. Die erste Anwendung war die Bioklimakarte der (damaligen) Bundesrepublik Deutschland im 1-km-Raster.

Was sind klassische Fragen, womit Leute in diesem Zusammenhang auf Sie zu kommen?
Sämtliche Fragen der Bewertung der thermischen Umweltbedingungen in Stadt- und Regionalplanung, in Kurorten, bei der Wohnsitzauswahl, in der Klimawirkungsforschung im Humanbereich, bei Hitze- und Kältewarnsystemen etc.

Welche Themen werden Ihrer Meinung nach in der Klimaforschung künftig eine wichtige Rolle spielen?
Aus Sicht der Klimawirkung auf den Menschen ist „Adaptation“ der zentrale Begriff. Wie müssen sich Bauweisen und Städtebau ändern, um eine Beeinträchtigung von Gesundheit, Wohlbefinden und Leistungsfähigkeit der Bevölkerung in einem zukünftigen Klima zu minimieren.

Was bedeutet das für Sie, in diesem Zusammenhang mit Ingenieuren, z.B. Architekten, zusammenzuarbeiten?
Problemlösungen findet man nur multidisziplinär, auch wenn dabei erfahrungsgemäß häufig sehr unterschiedliche Denkweisen aufeinander stoßen. Auch bei dem Nachfolger des Klima-Michel-Modells, dem Universellen Thermischen Klimaindex UTCI, welcher den Fortschritt in der thermophysiologischen Modellierung der letzten dreißig Jahre reflektiert, haben Physiologen, Bekleidungswissenschaftler, Arbeitswissenschaftler, Meteorologen / Klimatologen und Mathematiker zusammengearbeitet.

Simon JaeckelDas Interview führte: Simon Jäckel
Position im VDI: Wissenschaftlicher Mitarbeiter (Technik und Wissenschaft)
Aufgabe im VDI: Erarbeitung von VDI-Richtlinien zu umweltmeteorologischen Fragestellungen in enger Zusammenarbeit mit den ehrenamtlichen Experten des VDI

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