VDI-Kongress Getriebe in Fahrzeugen

„Das Getriebe kommt auch ins Elektroauto“

Handschalter oder Automatik – lange Zeit eine Glaubensfrage. Weltweit setzt jedoch die Mehrheit der Neuwagenkäufer mittlerweile auf Automatikgetriebe. Bosch profitiert davon überproportional, erklärt Christoph Kirsch, Mitglied des Bereichsvorstandes beim Geschäftsbereich Gasoline Systems.

Bild: privatGS_Kirsch_080713_52Herr Kirsch, schalten Sie eigentlich noch von Hand?
Ich favorisiere klar die Automatik. Damit gehöre ich neuerdings übrigens zur Mehrheit. Denn 2013 hatten erstmals mehr als die Hälfte der neuen Pkw und leichte Nutzfahrzeuge eine Automatikschaltung an Bord. Und automatische Getriebe werden den Handschalter weltweit zunehmend verdrängen. Insbesondere in Asien erwarten wir mit Blick auf 2020 jedes Jahr zweistellige Wachstumsraten.
Gleichzeitig wird der Markt jedoch differenzierter. Früher lautete die Frage: Handschalter oder Automatik? Heute können sich Kunden bei der Automatik zwischen verschiedensten Konzepten entscheiden: Doppelkupplungsgetriebe, das stufenlose CVT oder automatisiertes Schaltgetriebe sind nur drei von vielen Beispielen.

So funktionieren CVT-Kupplungen:

Wie ist diese steigende Komplexität zu bewältigen?
Wir haben Präferenzen gesetzt und konzentrieren uns auf das Volumengeschäft. Da fällt beispielsweise das automatisierte Schaltgetriebe als Nischenanwendung weg. Neben der bewährten Automatik mit mindestens sechs Gängen setzen wir auf Komponenten für Doppelkupplungsgetriebe und stufenlose CVTs. Bei den stufenlosen Getrieben erwarten wir ein starkes Wachstum in Asien und Nordamerika. Weltweit wird 2020 jedes vierte automatisierte Neufahrzeug mit CVT ausgerüstet sein. Auch der Markt für Doppelkupplungsgetriebe wächst rasant. Schon heute hat es jedes zehnte automatisierte Neufahrzeug weltweit an Bord. Im Jahr 2020 wird der Anteil auf 20 Prozent wachsen. Da wir für diese Variante zum Beispiel Steuergeräte, mechatronische Module sowie elektro-hydraulische Aktuatoren liefern, profitiert auch Bosch von diesem Wachstum. Und zwar überdurchschnittlich: Allein letztes Jahr sind wir mit unserem Getriebegeschäft doppelt so schnell gewachsen wie der Markt.

Sie sagen, Bosch konzentriert sich auf das Volumengeschäft. Was sind aus Ihrer Sicht die kommenden Megatrends im Bereich Getriebesteuerung?
In den entwickelten Märkten: Gänge, Gänge und nochmals Gänge – das ist klar. Letztlich ist der größte Treiber für moderne Getriebe die CO2-Reduktion. Mit dem Getriebe verfolgt man ja hauptsächlich ein Ziel: Den Motor auf einem möglichst optimalen Betriebspunkt zu halten. Wir sehen bereits sehr effiziente neunstufige Schaltungen im Markt. Und die zehn Stufen werden auch kommen. Dafür leistet die Getriebesteuerung von Bosch einen zentralen Beitrag. Denn moderne Getriebe mit Doppelkupplung verlangen eine exorbitante Rechenleistung und Sensorik ab. Gleichzeitig richten wir den Blick jedoch auch auf die Emerging Markets mit ihren Megacities. Hier gilt es in Kompaktautos Komfort mit Effizienz auf niedrigem Preisniveau zu kombinieren. Dies kann bei einem Sechsgang-Getriebe oder CVT der Fall sein, aber auch bei neuen Entwicklungen wie der elektronischen Kupplung eClutch von Bosch. Diese bietet eine preiswerte Basisautomatisierung, spart bis zu sieben Prozent Kraftstoff und ermöglicht das Anfahren, ohne selbst einzukuppeln.

Ungeachtet Ihres Produktportfolios bleibt der Markt eng und die Konkurrenz hart. Insbesondere da Sie ja einen weltweiten Anspruch formulieren und ein starkes Wachstumstempo anstreben. Wie wollen Sie diese Geschwindigkeit halten?
Wir haben eine klare Leitlinie: Der Name Bosch steht schon immer für Qualität und Zuverlässigkeit. Darüber hinaus bieten wir ein breites Portfolio innovativer und gleichermaßen zuverlässiger Komponenten. Wir wollen den Getriebeherstellern ein zuverlässiger Partner sein und bei Innovationen optimal unterstützen. Zudem arbeiten wir selbst auf Zukunftsfeldern, wie der Vernetzung von Getriebe und Navigationsdaten. Diese so genannte prädiktive Navigation wird die Anforderungen an die Rechenleistung im Getriebe-Steuergerät nochmals erhöhen. Denn mittlerweile wird die Gangwahl mit den Umfelddaten des Navigationssystems koordiniert, um noch mehr CO2 einzusparen.
Neben der Vernetzung ist die Elektrifizierung einer der großen Trends der Autobranche. Elektromotoren drehen aber anstandslos bis 20 000 Umdrehungen pro Minute. Das lässt die Frage aufkommen, ob da überhaupt noch ein Getriebe nötig ist.
Dass Getriebe und die Elektrifizierung Gegensätze sind, ist ein Trugschluss. Denn ob Elektrofahrzeug oder Verbrenner – mit dem passenden Getriebe wird jeder Motor effizienter. Zudem umfasst die Elektrifizierung ja mehr als nur reine Elektroautos. Für 2020 gehen wir bei Bosch davon aus, dass weltweit 6,5 Millionen Strong-Hybride, 3 Millionen Plug-In Hybride sowie 2,5 Millionen reine Elektrofahrzeuge verkauft werden. Zusätzlich verbleiben rund 100 Millionen Verbrenner. Wir werden also weiterhin gute Geschäfte mit Getrieben für Verbrenner machen. Doch gerade auch in Hybriden sind hochpräzise Automatik-Getriebe von elementarer Bedeutung, um den Verbrennungs- und Elektromotor aufeinander abzustimmen. Um es ganz klar zu sagen: In der Elektrifizierung – egal ob mit Hybrid oder Elektrofahrzeug – sehen wir eine Chance.

Mehr zu dem Thema erfahren Sie außerdem auf dem VDI-Kongress „Getriebe in Fahrzeugen“, einem der weltweit größten Treffpunkte für Getriebeentwickler für mobile Anwendungen.

Bild: VDI Wissensforum GmbHDr  Wolfgang_FrechDas Interview führte: Dr. Wolfgang Frech
Position im VDI: Mitglied der Geschäftsführung und Abteilungsleiter der Fahrzeug- und Energietechnik in der VDI Wissensforum GmbH
Aufgabe im VDI: Strategische Planung und Leitung der Bereiche Fahrzeug- und Energietechnik bei der VDI Wissensforum GmbH

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4 Gedanken zu “„Das Getriebe kommt auch ins Elektroauto“

  1. Pingback: Getriebe auch für Elektroautos und Hybride ein Thema > News > Bosch, CO2-Emissionen, CVT, Doppelkupplungsgetriebe, Effizienz, Elektroauto, Elektrofahrzeug > Autophorie.de 

  2. Der Titel „Das Getriebe kommt auch im Elektroauto“ klingt für mich wie schlechtes Deutsch. Müsste es nicht heißen „Das Getriebe kommt auch _ins_ Elektroauto“?
    Schließlich ist die Fragestellung ja, wo Getriebe eingebaut werden, also wohin sie kommen, nicht etwa, „wo sie kommen“ (menschlich interpretiert eine schlüpfrige Aussage, bei Maschinen natürlich unverdächtig).

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