WM-Stadien

Neue Tempel in Regenwald und Wüste

Am 12. Juni werden die Augen der ganzen Welt auf São Paulo gerichtet sein. Um 22:00 Uhr MEZ wird in der 11-Millionen-Metropole das Eröffnungsspiel der Fußball-WM 2014 angepfiffen: Brasilien gegen Kroatien. Das 65.000 Zuschauer fassende Stadion, in dem die Partie stattfindet, wurde ebenso wie das legendäre Maracanã in Rio de Janeiro und die WM-Arenen in Brasília, Manaus, Belo Horizonte und Salvador mit deutschem Ingenieur-Know-how errichtet.

Zieht man die fünf Weltmeistertitel des Landes in Betracht, dann muss man feststellen, dass der Fußballgott vermutlich Brasilianer ist. Doch beim Stadionbau mit seinen rasant steigenden Anforderungen hinsichtlich Ästhetik, Funktion und Sicherheit sind es regelmäßig vor allem deutsche Unternehmen, die aufgrund ihres hohen technischen Standards für die entscheidenden Akzente sorgen. Zu den weltweit führenden Adressen zählt dabei das Stuttgarter Ingenieurbüro schlaich bergermann und partner (sbp), das in den vergangenen Jahren Dach- und Tragwerkskonstruktionen unter anderem für die WM- und EM-Sportstätten in Berlin, Warschau und Johannesburg realisiert hat.

Ein Stützenwald in Brasília
Eine besonders anspruchsvolle Lösung zeigt das neu errichtete Nationalstadion in Brasília. Wie schon bei mehreren anderen Projekten zuvor arbeitetet sbp dabei eng zusammen mit den Architekten von Gerkan, Marg und Partner (gmp). In Brasília erwies sich vor allem die Einbettung des Entwurfs in den bestehenden städtebaulichen Kontext als große Herausforderung: „Die seit 1956 innerhalb von nur drei Jahren erbaute brasilianische Hauptstadt zählt mit ihren monumentalen plastischen Bauten von Oscar Niemeyer zu den wichtigsten Architektur-Ikonen der Moderne“, beschreibt gmp-Projektleiter Martin Glass den Reiz der zum UNESCO-Weltkulturerbe zählenden Metropole. „In enger Auseinandersetzung mit diesem einmaligen Umfeld haben wir eine architekturhistorisch angemessene Lösung für die umgebende Esplanade des Stadions mit dem charakteristischen ‚Stützenwald‘ entwickelt.“

Bild: copa2014.gov.brDas EstádioNacional in Brasilia aus der Vogelperspektive

Das Estádio Nacional in Brasília aus der Vogelperspektive (Bildquelle: copa2014.gov.br)

Das darauf ruhende Seilnetz-Hängedach folgt dem Prinzip eines Speichenrads: Ähnlich wie beim Fahrrad wird dabei ein Tragwerk aus Trag- und Spannseilen zwischen einem inneren und einem äußeren Ring verspannt, sodass sich Zug- und Druckkräfte durch Eigengewicht und Windlasten optimal verteilen können. Die so entstehende flache Dachscheibe liegt beweglich auf dem Stadionrund auf und kann große Flächen effizient und stabil überdachen.

Fußballtempel Maracanã
Für die kommende Weltmeisterschaft in Brasilien war das Büro unter anderem bei den Umbauarbeiten am legendären Stadion in Rio de Janeiro beteiligt. Nach seiner Fertigstellung für die WM 1950 fasste das damals größte Stadion der Welt ursprünglich 200.000 Zuschauer, nach zahlreichen Modernisierungen finden heute immerhin noch rund 80.000 Menschen Platz in dem weiten Rund. Um für die WM und die Olympischen Spiele 2016 eine Überdachung sämtlicher Sitzplätze zu ermöglichen, dabei aber das äußere Erscheinungsbild des Stadions möglichst wenig zu verändern, entwarf sbp ein flaches Ringseildach, dessen Membran die neuen Tribünen voll überdeckt.

Bild: copa2014.gov.br#sthash.QU5uRq5k.dpufBeeindruckend: Das legendäre Maracana-Stadion in Rio de Janeiro

Beeindruckend: Das legendäre Maracana-Stadion in Rio de Janeiro (Bildquelle: copa2014.gov.br)

Wie in Brasília basiert auch diese Konstruktion technisch auf dem Prinzip des Speichenrads. Optisch wurde sie an die vorhandene Architektur angepasst: „Das Maracanã ist das berühmteste Stadion der Welt und eine Art Nationalheiligtum in Brasilien“, berichtet der verantwortliche Ingenieur Knut Stockhusen. „Deshalb haben wir mit unserem Entwurf ganz bewusst die Strukturen und Linien des ursprünglichen Dachs aufgegriffen.“ Bei dem Umbau ging es aber auch um die Erhöhung der Sicherheit durch zusätzliche Zugänge und um die Schaffung von Platz für Servicebereiche. Dafür wurden die Sitzreihen näher ans Feld gezogen.

Mitten im Regenwald
Als Tandem arbeiten gmp und sbp auch am Neubau der „Arena da Amazônia“ in Manaus. Für die mitten im brasilianischen Regenwald gelegene Metropole konzipierten die Planer ein einfaches, aber hocheffizientes Stadion, dessen organisch geschlossene Außenhülle als Hommage an die Formenvielfalt der umgebenden Natur entwickelt wurde. „Die Dach- und Fassadenkonstruktion setzt sich zusammen aus Hunderten sich gegenseitig stützenden Stahlträgern“, beschreibt Martin Glass die gelungene Synthese aus Formgebung und Konstruktion. „Jeder einzelne Träger musste dabei als Unikat gefertigt und an der vorgesehenen Stelle montiert werden. Die dazwischen liegenden Felder sind mit halbtransparentem Glasfasergewebe verspannt.“
„Das Projekt in Manaus war aber nicht nur technisch und gestalterisch, sondern auch logistisch eine große Herausforderung“, ergänzt Knut Stockhusen. „Darüber hinaus müssen wir uns hier extremen klimatischen Bedingungen mit heftigem Regen, bis zu 40 Grad Hitze und 95 Prozent Luftfeuchtigkeit stellen.“ Der sintflutartige Niederschlag setzt nicht nur den 1.700 Arbeitern zu, er schlägt sich sogar im Entwurf nieder: „Denn um eine schnelle Entwässerung zu ermöglichen, fungieren die einzelnen Stahlträger der Außenhülle gleichzeitig als breite Regenrinnen“, erklärt Martin Glass.

Letzte Arbeiten in São Paulo
Im deutlichen Kontrast zur organischen Außenhülle in Manaus steht die von den brasilianischen CDC Arquitetos überwiegend mit Beton errichtete neue Arena in São Paulo. Nach Aussage der Architekten wurde diese Gestaltung für das 65.000 Zuschauer fassende Stadion gewählt, um die vorherrschende Betonästhetik der Millionenstadt aufzugreifen. Die Pläne für das 200 × 245 Meter große Stadiondach mit seiner imposanten freien Spannweite von 170 Metern stammen dabei vom Ingenieurbüro Werner Sobek aus Stuttgart. Zu berücksichtigen war dabei unter anderem das große Gewicht der Betonkonstruktion. In das Bauwerk wurden auch Einkaufsmöglichkeiten sowie ein Kongresszentrum integriert.

Deutschland gegen Portugal in Salvador
Bereits eingeweiht ist dagegen die Spielstätte in Salvador da Bahia, der ersten Hauptstadt Brasiliens. Mit dem Entwurf des Neubaus war nach der einzigen öffentlichen Ausschreibung für die WM-Stadien das Büro Schulitz Architekten aus Braunschweig beauftragt worden. „Der Auftrag bedeutete eine große Herausforderung, die neben entsprechendem Know-how auch viel Idealismus erforderte“, berichtet Büroinhaber Claas Schulitz, der für das Projekt sogar Portugiesisch gelernt hat. Das vorhandene Stadion war bereits einsturzgefährdet.
Erschwerend kam hinzu, dass die Gesetzesgrundlage vor Ort in einigen Bereichen nicht klar geregelt war. Trotz dieser schlechten Ausgangsbedingungen konnte der Auftrag jedoch auf beeindruckende Weise umgesetzt werden.

Bild: copa2014.gov.brDie Arena Fonte Nova in Salvador

Die Arena Fonte Nova in Salvador: Hier wird die deutsche Mannschaft im ersten Gruppenspiel auf Portugal treffen. (Bildquelle: copa2014.gov.br)

Die Hufeisenform des Stadions mit einer Öffnung zum südlich gelegenen See sorgt für eine gute Durchlüftung und vielfältige Nutzbarkeit. Auch aufgrund seiner energiesparenden Dachkonstruktion wurde der Bau im Februar 2014 mit der LEED-Zertifizierung in Silber für ökologisches Bauen ausgezeichnet. Mesut Özil und Co. dürfen sich also auf eine würdige Kulisse in ihrem ersten WM-Spiel gegen Portugal freuen.

Bild: BrunelBrunel DarkGrey CMYK_CS4Autor: Robert Uhde im Auftrag der Brunel GmbH
Der freie Journalist mit Schwerpunkten in der deutschen und niederländischen Architektur berichtet regelmäßig für das Brunel Magazin „Der Spezialist“.

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