Analysetechnik im TV

Wenn Abseits wirklich Abseits ist

Doppelpass zum Tor, der Stürmer zieht ab…und dann? Sind Bild und Ton weg. Was Millionen von Fußballfans an den Rande des Nervenzusammenbruchs führt, passiert bei Übertragungen von Fußballspielen im deutschen Fernsehen sehr selten. Damit sich die deutschen TV-Zuschauer voll und ganz auf das Spiel ihrer Mannschaft konzentrieren können, braucht es einen enormen technischen Aufwand, präzise Planung und innovative Technologien. Dahinter stecken unter anderem Ingenieure.

Einer von ihnen ist Bertram Bittel. Der Nachrichtentechniker ist Direktor Technik und Produktion des Südwestrundfunks (SWR) in Baden-Baden und ARD-Teamchef. Er verantwortet nicht weniger als die gesamte Technik und Produktion von Hörfunk, Fernsehen und Online bei der Fußball WM 2014 und im SWR. Grund genug beim Experten persönlich nachzufragen, welche technischen Höhepunkte uns bei der Übertragung der WM-Spiele in der ARD und dem ZDF erwarten, wie sie funktionieren und wie man eigentlich an einen Job kommt, der Millionen von Menschen vor die Mattscheibe fesselt.

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Bertram Bittel ist als ARD-Teamchef für die Live-Übertragung aller Spiele der Fußball-WM verantwortlich (Bild: SWR).

 

Herr Bittel, Sie waren sowohl für die Übertragung der Olympischen Sommerspiele in Athen, die Fußball-EM in Österreich und der Schweiz und zuletzt für die Fußball-WM in Südafrika verantwortlich. Sind Sie bei so viel Erfahrung eigentlich noch nervös? Ein solches Großevent ist keineswegs business as usual, sondern eine riesige Herausforderung, nicht nur für mich sondern für alle Beteiligte. Selbstverständlich hat sich bei den bisherigen Großveranstaltungen, die der SWR bereits als Federführer durchführen durfte wertvolles Know-how bei den beteiligten Kolleginnen und Kollegen in Redaktion, Produktion und Technik aufgebaut auf das wir in den einzelnen Bereichen zurückgreifen können. Auch bei der Zusammenarbeit auf ARD-Ebene und mit dem ZDF können wir durch das entstandene Vertrauen von vielen Synergieeffekten profitieren.

Trotzdem stehen wir bei jedem Großprojekt aber auch immer wieder vor neuen Herausforderungen, die wir lösen müssen. In Südafrika waren wir beispielsweise, was Planung und Vorbereitung angeht, etwas schneller, als im vergleichbaren Zeitrahmen in Brasilien, denn die zu lösenden Probleme sind größer als in Südafrika.

Neben der großen Verantwortung und der steigenden Anspannung freue ich mich doch sehr über diese Aufgabe. Es ist zwar eine riesige Herausforderung, aber wer darf schon so ein hervorragendes Team führen, bei einer Fußball-Weltmeisterschaft – und dann auch noch in Brasilien?! Das ist einfach nicht zu toppen.

12 Spielorte und 3.000 Kilometer, die es zu überbrücken gibt. Wahrscheinlich nicht die einzige Schwierigkeit bei der Live-Übertragung der WM-Spiele. Was sind die größten Herausforderungen bei Ihrer Arbeit? Ein ganz wichtiges Thema was wir bei aller brasilianischer Lebensfreude und Fußballfieber nicht vernachlässigen dürfen, und alle Kolleginnen und Kollegen dafür sensibilisieren müssen, ist das Thema Sicherheit. Denn trotz Samba und Caipi-Stimmung ist Brasilien kein ungefährliches Pflaster. Hierfür haben wir unsere Kolleginnen und Kollegen u.a. mit einem E-Learning-Modul, das im Vorfeld zur Reise von allen absolviert werden musste, vorbereitet. Des Weiteren steht vor Ort ein erfahrener Sicherheitskoordinator als direkter Ansprechpartner über die gesamte Zeit zur Verfügung.

Eine besondere Herausforderung ist – wie Sie es bereits angesprochen haben – die Größe des Landes. Brasilien ist 24-mal so groß wie Deutschland. Dies erfordert eine ausgefeilte logistische Planung, damit zum einen das technische Equipment aber auch unsere Kolleginnen und Kollegen zur richtigen Zeit am richtigen Ort sind. Wir mussten bei Reisen innerhalb Brasilien z.B. einen zusätzlichen Reisetag einplanen, aufgrund der gegebenen Verkehrsinfrastruktur. Und natürlich lässt sich auch die Telekommunikationsinfrastruktur nicht 1:1 mit Deutschland vergleichen. Aber keine Sorge, durch entsprechende Havarie-Möglichkeiten, haben wir im Fall des Falles natürlich eine Ausweichmöglichkeit, so dass unsere Zuschauer und Zuhörer von eventuell auftretenden Problemen im besten Fall nichts mitbekommen werden.

Der SWR ist federführend bei der Übertragung der WM. Die ARD setzt erstmals eine 3D-Anlysetechnik ein. Wie funktioniert diese Technik und was sind die Vorteile für den Zuschauer? Mit der ARD-3D-Analysetechnik kann man mit der Kamera nahezu jede Perspektive einnehmen. Aus dem realen Bild, das die TV-Kamera aus dem Stadion liefert, wird auf ein virtuelles Bild umgestiegen. So kann mittels der Software jeder beliebige Blickwinkel eingenommen werden. Zum Beispiel kann die genaue Abseitslinie bestimmt, aus allen Ecken geschaut werden, ob ein Foul vorliegt, oder die Kamera übers Tor „fliegen“ und die Software den Torpfosten wegrechnen. Dank der ARD-Analysetechnik kann man nicht nur genau sehen, ob ein Ball im Tor war, sondern auch berechnen, wie weit der Ball die Linie überschritten hat. Die Auswertung der Spielszene des DFB-Pokal-Finales Borussia Dortmund – Bayern München mit der Analysetechnik konnte im Nachgang eindeutig beweisen, dass der Treffer von Dortmund eindeutig im Tor war und hätte zählen müssen.

Wie funktioniert das Ganze eigentlich?
Entsprechende Analysesysteme gibt es bereits mehrere Jahre auf dem Markt, die sich bislang aber überwiegend auf eine 2D-Darstellung begrenzt haben. Das System, das beim SWR zum Einsatz kommt, ist voll 3D-fähig. Dies erlaubt es z.B., in Spielszenen reinzufliegen, Perspektiven zu wechseln und natürlich erklärende Grafiken hinzuzufügen. Die hierbei angewendete Technik bezieht ihre Informationen zur Berechnung der virtuellen Kameraperspektiven und zur Angabe genauer Entfernungsangaben vollständig aus dem realen Kamerabild. Hierbei werden bei der Berechnung z.B. die Tor- und Spielfeldlinien als Bildreferenz zur Berechnung herangezogen. Eine zusätzliche Infrastruktur, die die Position und die Bewegung der realen Kamera (ein sogenanntes Kamera-Trackingsystem) erfasst und an das Grafiksystem zur Echtzeitberechnung der virtuellen Kameraperspektive und Einblendung der Analyse-Grafik weitergibt, ist nicht notwendig. Dies vereinfacht die Einbindung dieses Systems in eine vorhandene Infrastruktur immens. Ferner entfällt auch das aufwendige Kalibrieren des Trackingsystems.

Bei den Grafik- und Analyse-Optionen kann auf vorgefertigte Elemente innerhalb der vorhandenen System-Datenbank zurückgegriffen werden. Hierdurch können Spielszenen schnell und einfach analysiert werden. Eine entsprechende Anbindung an Drittsysteme, die es z.B. erlaubt, über eine App das System zu steuern, ist auch vorhanden. So lässt sich eine intuitive und individuelle Steuerungsmöglichkeit für den Moderator oder Experten erstellen.

Wie werden sich diese Assistenzsysteme in Zukunft noch verändern?
Basierend auf der bisherigen Entwicklung im Bereich der virtuellen Studiotechnik und der Grafiksysteme lässt sich feststellen, dass sich die technologische Weiterentwicklung in erster Linie auf die Performancefähigkeit des Systems auswirkt. D.h. die Rechenpower wird größer und es lassen sich z.B. aufwendigere 3D-Grafiken einbinden. Die Rechenleistung ist ferner auch entscheidend für die Geschwindigkeit zur Berechnung der virtuellen Kameraperspektive. Neben der Optimierung der Leistungsfähigkeit des Systems wird sich die Weiterentwicklung aber sicherlich auch auf die Integrationsmöglichkeiten von Drittplattformen erweitern, die zur Steuerung des Systems verwendet werden.

Herr Bittel, Sie tragen nicht nur sehr viel technische Verantwortung, sondern sind indirekt auch für die Stimmung zuständig, wenn sich Millionen von Fußballfans zum privaten oder öffentlichen Fußball-Gucken treffen. Wie sind Sie eigentlich an Ihren Job gekommen und welche Voraussetzungen sollte man dafür mitbringen?
Über eine Stellenanzeige in der Zeitung bin ich 1981 als Projektingenieur beim damaligen SWF gelandet. Nach einigen Zwischenstationen beim SWF und jetzigen SWR wurde ich im Sommer 2000 zum Stellvertreter und zum 1. Januar 2001 zum Direktor Technik und Produktion des SWR berufen.

Die wichtigste Voraussetzung, die man mitbringen sollte, ist die Freude am Job. Als Ingenieur mit zusätzlicher betriebswirtschaftlicher Ausbildung macht es mir nach wie vor sehr große Freude in der Medienbranche zu arbeiten. Durch die immer schneller voranschreitenden technischen Entwicklungen ist man immer wieder mit neuen Herausforderungen konfrontiert, die den Arbeitsalltag nicht langweilig werden lassen. Aber natürlich habe ich als Direktor Technik und Produktion im SWR und als ARD-Teamchef der Fußball WM auch Führungsaufgaben und Verantwortung für meine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Insbesondere bei Großveranstaltungen wie z.B. der Fußball WM spielt der Teamgeist eine ganz große Rolle. Nur wenn alle Kolleginnen und Kollegen, egal ob aus Produktion, Technik oder Redaktion Hand in Hand zusammenarbeiten, lassen sich Veranstaltungen in dieser Größenordnung realisieren. Ich bin sehr dankbar darüber ein hervorragendes Team zu haben, auf das ich mich verlassen kann und darauf bin ich natürlich sehr stolz.

Zum Schluss noch Ihr ganz privater Tipp: Wie schneidet die Deutsche Fußballnationalmannschaft in Brasilien ab?
Deutschland wird natürlich Weltmeister – und das am besten in einem deutsch- brasilianischen Finale übertragen von der ARD unter der Federführung des SWR … das wäre doch was! Denn 60 Jahre nach dem Wunder von Bern möchten wir uns mit einem reibungslosen Ablauf  der Fußball WM 2014 den „Traum von Rio“ erfüllen und Jogi wird natürlich auch mitmachen. Ganz persönlich ist es mir aber neben der reibungslosen Übertragung der Fußball WM 2014 am allerwichtigsten, dass das gesamte Team wieder gesund nach Hause kommt.

Cathrin Becker_2Das Interview führte: Cathrin Becker
Position beim VDI: Pressereferentin
Aufgaben beim VDI: Presse- und Öffentlichkeitsarbeit, interne Kommunikation

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