Gebrauchstauglichkeit von Stadien

Wie viel Freude verträgt die Fankurve?

Fußballstadien werden immer größer, die statischen Lasten steigen dadurch. Aber vor allem die dynamischen Einwirkungen (lies: jubelnde Fans) müssen beim Bau berücksichtigt werden.

Bild: ANDRE DURAO / Shutterstock.comWievielFreudeverträgtdieFankurve_Blog

Jubelstürme erzeugen Schwingungen
Man muss nicht bei der Bundeswehr gewesen sein, um zu wissen, dass man nicht im Gleichschritt über eine Brücke geht. Man muss auch kein Fußballfan sein, um zu wissen, dass man jubelt, wenn ein Tor fällt. Während es bei der Truppe reicht, das Kommando aufzulösen, ist es in einem Fußballstadion unmöglich, den Fans zu sagen, sie sollen nicht gleichzeitig jubeln.So wie hier bei einem Spiel des BVB, bei dem die Fans die Tribüne buchstäblich zum schwanken bringen:

Der Reihe nach das Tor zu feiern würde auch nicht funktionieren, denn das Ergebnis wäre das gleiche: eine Schwingung. Und die setzt sich wie eine La-Ola-Welle über das Bauwerk hinweg. Was im schlimmsten Fall dadurch passieren kann, zeigte sich in der Vergangenheit leider schon mehrmals: Das Station stürzt ein.

Was passiert, wenn sich mehrere Tausend Fans gleichzeitig freuen?
Vor einigen Jahren fanden Bauingenieure der Ruhr-Universität Bochum (RUB) anhand von Simulationen heraus, dass die dynamischen Lasten der hüpfenden Zuschauer um das Dreieinhalb- bis Viereinhalbfache höher sind als die statischen Lasten. Die Reaktionen des Tragwerks darauf können dann je nach Masse, Steifigkeit und Dämpfung der Konstruktion um das 20- bis 80-Fache größer sein als die statischen Wirkungen. Springt also beispielsweise ein 80-kg-Mann auf der Tribüne herum, belastet er diese mit 240 bis 400 kg. Wenn dies nur zehn Fans miteinander und synchron machen, werden aus ihren 800 kg schnell einmal zweieinhalb Tonnen oder mehr. Und nun stellt Euch doch mal das WM-Station in São Paulo vor, das 70.000 jubelnde Fans – im wahrsten Sinne des Wortes – ertragen soll!

Planung statt Diät
Da sich das Jubeln nicht verbieten lässt, sollen die Fans etwa zwei Wochen vor dem Spielbesuch eine Diät machen, um die dynamischen Einwirkungen zu reduzieren? Könnte schwierig werden. Und um mit Samba fünf Kilo zu verlieren, reicht vermutlich die Zeit des Aufenthalts in Brasilien nicht. Wie gut, dass sich die dynamischen Einwirkungen in der Praxis bereits bei der Planung berücksichtigen lassen, nämlich mit der Richtlinienreihe VDI 2038. Darin werden nicht nur Personen als Anregungsart behandelt, sondern auch der Wind. Ebenso Beachtung findet die Minderung von sekundärem Luftschall. Denn dieser Körperschall führt bei manch älteren Stadien dazu, dass man nicht darin sitzen muss, um die Stimmung dort am eigenen Leib zu spüren.

Iris_LindnerAutorin: Iris Lindner
Die Diplom-Ingenieurin (FH) ist für uns in Sachen Berichterstattung rund um die VDI-Richtlinien in den sozialen Netzwerken unterwegs.

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