Neue Vorsitzende der VDI Frauen im Ingenieurberuf

Interview mit Kira Kastell

Dürfen wir vorstellen? Kira Kastell. Die neue Vorsitzende unserer VDI Frauen im Ingenieurberuf. Wir haben mit ihr über Ingenieurinnen, Netzwerke und ihre neue Rolle gesprochen.

Bild: VDIKira Kastell aktuell 2

Frau Kastell, bitte stellen Sie sich doch kurz vor.
Ich habe Elektrotechnik an der Frankfurt University of Applied Sciences (FRA-UAS, vormals Fachhochschule Frankfurt am Main) und berufsbegleitend an der FernUniversität in Hagen studiert. Von 1998-2002 war ich Projekt-Ingenieurin bei Mannesmann Arcor (und Nachfolgeunternehmen) und baute in dieser für die Telekommunikationsbranche spannenden Zeit der Marktöffnung ein Mobilfunknetz für die Deutsche Bahn mit auf. Als Stipendiatin im DFG-Graduiertenkolleg „Systemintegration für ubiquitäres Rechnen in der Informationstechnik“ wechselte ich 2002 an die Technische Universität Darmstadt. Dort koordinierte ich danach als wissenschaftliche Mitarbeiterin u.a. die internationalen Studiengänge des Fachbereichs Elektrotechnik und Informationstechnik. 2007 habe ich mit dem Thema „Sichere, schnelle, ortsbasierte Handover in hybriden Netzen“ promoviert.
Im selben Jahr wurde ich als Professorin für Mobilkommunikation an die Beuth Hochschule für Technik Berlin (vormals Technische Fachhochschule Berlin) berufen, bevor ich 2009 für das Fachgebiet Übertragungstechnik an die FRA-UAS zurückkehrte.
Seit 2013 bin ich als Vizepräsidentin für Studium und Lehre an meiner Hochschule verantwortlich. Neben dem Thema Umbenennung, das sich fast wie ein roter Faden durch meine Arbeitgeberinnen zieht (die FernUni hat das „in“ Hagen zugefügt, die TU hatte sich gerade umbenannt), sind Netzwerke ein weiteres großes Thema. Mit ihnen beschäftige ich mich sowohl in meiner Forschung und Lehre (Telekommunikationsnetze, Mobilfunknetze, Verkehrsnetze) als auch darüber hinaus als Mitglied neben dem VDI u.a. seit seiner Gründung 1998 im MentorinnenNetzwerk für Frauen in Naturwissenschaften und Technik, dem VDE und dem IEEE.

Welche Rolle spielen für Sie die VDI Frauen im Ingenieurberuf bzw. welche Aufgaben sollte das Netzwerk ausführen?
Wir sind immer noch vergleichsweise wenige Frauen, die dem Ingenieurberuf nachgehen. Das Netzwerk sollte daher weiterhin zu ihrem Sprachrohr werden und durch gute Beispiele von Ingenieurinnenkarrieren die Sichtbarkeit von Frauen in diesem Attraktiven und vielfältigen Berufsfeld erhöhen. Die Vernetzung, das ist ja der Grundgedanke eines Netzwerkes, sollte dabei auf unterschiedlichen Ebenen stattfinden: Berufseinstieg, Karriereperspektiven, Vereinbarkeit von Familie und Beruf, aber auch Erschließung interdisziplinäre Arbeitsfelder, Gründung, es gibt viele spannende Themen, die ein Netzwerk vorantreiben und unterstützen kann. Dabei ist es mir wichtig, dass das Thema Vereinbarkeit von Familie und Beruf nicht ausschließlich ein Frauenthema ist: Es betriff Männer genauso, und es geht auch nicht nur um Kinder, sondern immer häufiger auch um Eltern und deren Pflege.

Was sind Ihre Ziele als neue Vorsitzende des Netzwerks?
Ich möchte das Netzwerk für die Mitglieder noch besser nutzbar machen, die regionalen Netzwerke vor Ort unterstützen und wenn möglich auch besuchen, dabei gibt es auch noch Gebiete, in denen die Netzwerke auf- und ausgebaut werden müssen. Auf der anderen Seite möchte ich auf dieser Basis die überregionale Vernetzung stärken, es gibt sicher Veranstaltungen, die auch für regional weiter entfernte Frauen (und Männer) von Interesse sind. Ein Netzwerk lebt vom Erfahrungsaustausch.
Darüber hinaus sollten wir analysieren, wo wir noch Nachholbedarf in unseren Angeboten haben. Frauen in meinem (dem mittleren?) Alter haben andere Bedarfe als Berufseinsteigerinnen, aber auch die Gruppe im mittleren Alter ist sehr unterschiedlich, im Beruf etablierte Frauen und Wiedereinsteigerinnen haben ebenfalls unterschiedliche Fragestellungen und Unterstützungswünsche. Ich möchte zusammen mit den Bezirksvereinen die Bedarfe vor Ort genauer ermitteln und spezifische Angebote für die ermittelten Berufs-/Lebenslagen entwickeln.

Frauen sind nach wie vor in Sachen Karriere häufig im Nachteil, zum Beispiel wenn es um die Bezahlung geht. Was muss Ihrer Meinung nach passieren, um diese Missverhältnisse zu ändern?
Hier müssen wir deutlich machen, dass es um die erbrachte Leistung geht, unabhängig vom Geschlecht. Zum einen müssen wir auf die doch meistens noch männlich dominierten Entscheidungsgremien zugehen, z.B. durch eine Erhöhte Sichtbarkeit der Leistungen von Frauen. Einen ersten Aufschlag machen wir hier auf der Hannover Messe. Dort stellen wir jedes Jahr Beiträge von Frauen in den Ingenieurwissenschaften vor und prämieren diese auch. Gleichzeitig müssen wir die Frauen in Ihrem Auftreten stärken, Ihre Leistungen auch entsprechend darzustellen, deshalb werden die Exponate für die Hannover Messe in einem Wettbewerb ermittelt und somit den Frauen eine Möglichkeit geboten, die Darstellung ihrer Leistungen zu erproben.

Was raten Sie jungen Frauen, die sich für eine Karriere als Ingenieurin entscheiden?
Frauen, die sich für eine Ingenieurkarriere entschieden haben, bringen schon eine gewisse Motivation mit. Oft ist das die Neugier auf ein Fachgebiet und die rasanten Entwicklungen. Diese Neugier und Freude an der Ingenieurinnentätigkeit sollten sich die Frauen erhalten. Das Tätigkeitsfeld ist ausreichend groß, um auch links und rechts des eingeschlagenen Weges zu schauen. Das ist das Schöne am Ingenieurberuf, man/frau ist nicht wirklich auf ein sehr enges Thema festgelegt und es gibt immer mehr spannende interdisziplinäre Projekte, in denen sich Frauen oft besonders gut einbringen können.

Tatjana_BelovencevaDas Interview führte: Tatjana Belovenceva
Aufgabe im VDI: Koordinatorin des VDI-Netzwerks Frauen im Ingenieurberuf (fib)

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3 Gedanken zu “Interview mit Kira Kastell

  1. Viel Erfolg und Spaß bei der neuen Aufgabe.
    Als Arbeitskreisleiterin für Regensburg bin ich mir sicher, dass alle Arbeitskreisleiterinnen unsere neue Vorsitzende nach Kräften unterstützen werden.
    Bei der Gelegenheit möchte ich auf unsere Präsenz und die Veröffentlichung von Veranstaltungen in den Sozialen Medien hinweisen:
    Facebook: https://www.facebook.com/groups/164404740341417/
    Xing: https://www.xing.com/communities/forums/100654070

  2. Herzlichen Glückwunsch Ihnen und uns allen zur neuen Vorsitzenden vom VDI fib Lübeck!
    Die Einstimmung durch das Interview macht neugierig auf die weiteren Aktivitäten für die Frauen im Ingenieurberuf. Vernetzung ist unser aller großes Thema – erfordert jedoch zunächst grundlegende Kenntnisse zu den sinnvollen Netzwerken für jede von uns. An dieser Stelle sehe ich vordringlich Bildungsbedarf.
    Ein herzlicher Gruß aus dem Norden

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