"Blei macht blöd!"

Zum Umgang mit Bleileitungen im Haus

„Opa Franz“, so weiß mein Chef immer in schönstem Ruhrpott-Idiom zu berichten, „war ein super Klempner. Der konnte Bleirohre löten wie nix!“ Heute reicht das nicht mehr aus, um ein „super Klempner“ zu sein. Heute muss ein Kl…, Entschuldigung: ein Installateur einen Haufen sogenannter anerkannter Regeln der Technik kennen, in denen steht, wie man nach Ansicht der Mehrheit der Fachleute arbeiten muss. (Meine Lieblingsregel beim Trinkwasser ist die VDI/DVGW 6023.) Und Bleirohre für Trinkwasser sind inzwischen ein No-go.

Bild: Paul-Georg Meister / pixelio.de177481_original_R_by_Paul-Georg Meister_pixelio.de

Alte Leitungen können noch Blei enthalten. (Foto: pixelio.de/Paul Georg Meister)

 

Bleirohre haben Geschichte
Bleirohre wurden schon von den Römern verwendet. Blei ist weich und gut formbar, und man kann es schon bei niedrigen Temperaturen löten. Schon im 18. Jahrhundert warnte Herzog Carl von Württemberg, dass Blei Mensch und Tier krank machen könne. 1878 wurden Bleirohre in Württemberg und Bayern verboten, 1973 wurde in der DIN 2000 die Bedenklichkeit festgestellt, womit dann der Einbau in Deutschland ein Ende hatte.
Wer sich nun fragt, ob er in einem Haus mit Bleileitungen lebt, der schaue auf das Baujahr seiner Trinkwasser-Installation: vor 1945 wurden häufig Bleirohre verbaut, bis 1973 nicht mehr ganz so oft, bei einem Baujahr nach 1973 sollten keine Bleirohre mehr eingebaut worden sein.

Kann ich auch meinen Vermieter fragen, ob wir Bleileitungen im Haus haben?
Können Sie. Aber eigentlich hätte der Ihnen das schon vor rund einem Jahr gesagt haben müssen, denn seit 1. Dezember 2013 hat er auch die Pflicht, sie über das Vorliegen solcher Leitungen unverzüglich zu informieren. (Und auch wenn „unverzüglich“ nicht wirklich scharf abgegrenzt ist, dürfte keiner Zweifel haben, dass die Information inzwischen hätte erfolgen müssen.)

Dass wir alle, die mit Trinkwasserrohren aus Blei groß wurden, hoffen dürfen, nicht verblödet zu sein, verdanken wir der Tatsache, dass sich mit dem Karbonat im Trinkwasser auf der Innenseite von Bleirohren recht schnell eine recht widerstandsfähige, nahezu unlösliche Bleikarbonatschicht ausbildet. So gelangt sehr wenig Blei ins Trinkwasser. Dennoch: Wenig ist nicht nichts. Die Trinkwasserverordnung hat die Grenzwerte für Blei in mehreren Schritten abgesenkt, weil man sowohl in der Analytik als auch hinsichtlich der toxischen Wirkung dazu gelernt hat. (Und ja, Pragmatismus mag auch im Spiel gewesen sein; man kann nicht von heute auf morgen tausende von Trinkwasser-Installationen für illegal erklären.) Seit 1. Dezember 2013 liegt der Grenzwert für Blei im Trinkwasser bei 0,010 mg/l was eine Trinkwasser-Installation mit Bleirohren nicht einhalten kann. Blei im Trinkwasser kann übrigens nicht nur aus Rohren stammen, sondern z. B. auch aus Armaturen, die es als Legierungsmaterial oder als Kontamination enthalten.

Inzwischen muss man Bleirohre also eigentlich austauschen, weil sie nicht dem Stand der Technik entsprechen.

Gefahren testen
Warum „eigentlich“ und nicht „immer“? Weil unsere Rechtsprechung aus Respekt vor dem Eigentum den Bestandsschutz kennt: Erfüllte eine Anlage zum Zeitpunkt ihrer Errichtung die geltenden anerkannten Regeln der Technik, so genießt sie zunächst einmal Bestandsschutz, es sei denn, es geht von ihr eine Gefahr aus. Nun sieht die novellierte Trinkwasserverordnung vor, dass jede Trinkwasser-Installation, aus der Wasser abgegeben wird, beprobt wird. Zeigt sich durch Probenahmen, dass das Trinkwasser in einer Installation mit Bleirohren Bleikonzentrationen oberhalb des heute geltenden Grenzwerts enthält, so ist es vorbei mit dem Bestandsschutz.

Trinkwasser-Installation richtig sanieren
Dann ist also die Trinkwasser-Installation zu sanieren. Wie geht das? Am sichersten durch Rückbau und Ersetzen der Leitungen durch solche aus Materialien nach heutigem Stand der Technik. Im Kontakt mit Trinkwasser dürfen dabei nur solche Materialien eingesetzt werden, die in einer vom Umweltbundesamt herausgegebenen Liste genannt sind. Das bedeutet aber, dass Wände aufgestemmt werden und es eine Menge Dreck im Haus gibt, von Kosten wollen wir erst einmal gar nicht reden.

Im Zweifel: Herausreißen und neu bauen
Schön wäre es ja, man könnte einfach die Bleirohre in der Wand lassen und sie auf der Innenseite mit einem Material beschichten, das keine schädlichen Nebenwirkungen hat. Eine Zeit lang glaubte man, in Epoxidharzen ein solches Material gefunden zu haben. Leider hat sich inzwischen herausgestellt, dass Epoxidharze u. a. Bisphenol-A (BPA) freisetzen können, eine Substanz, die ebenfalls kritisch zu bewerten ist. Das Landgericht Mannheim hat auch in einem recht aktuellen Urteil deutlich ausgeführt, dass Epoxidharz-Innenbeschichtungen für Trinkwasserrohre in keiner Weise den anerkannten Regeln der Technik entsprechen. Daher bleibt zunächst nur die Option „herausreißen und neu bauen“.

Thomas WollsteinAutor: Thomas Wollstein
Position beim VDI: Technisch-wissenschaftlicher Mitarbeiter in der VDI-Gesellschaft Bauen und Gebäudetechnik, Betreuer Fachbereich Facility-Management, Mitarbeit im Fachbereich Technische Gebäudeausrüstung.
Aufgabe beim VDI: Technische Regelsetzung, Mitgliederbetreuung und -gewinnung

 

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