Eroberung der Männerdomäne Automobil

Conrad-Matschoß-Preis für Anke Hertling

Keine Frage, Technik ist spannend. Sie verständlich, unterhaltsam und interessant darzustellen jedoch eine Herausforderung. Mit dem Conrad-Matschoß-Preis, benannt nach einem der VDI-Direktoren, fördert der VDI technikhistorische Forschung und das Interesse der Öffentlichkeit für die Technikgeschichte. Nicht technische Erfindungen stehen im Vordergrund, sondern Technik erklärt für jedermann und der Blick von Ingenieuren über ihre fachliche Disziplin hinaus in Richtung Kultur.

Ausgezeichnet gelungen ist dieser Spagat Dr. Anke Hertling, wissenschaftliche Mitarbeiterin des Theodor-Fontane-Archivs der Uni Potsdam. Mit ihrer Dissertation zum Thema „Eroberung der Männerdomäne Automobil“ überzeugte sie die Jury des Conrad-Matschoß-Preises des VDI dieses Jahr einstimmig.

Bild: Monacensia. Literaturarchiv und Bibliothek MünchenAutomobil_Diss-Hertling

Begeisterte Selbstfahrerin: Autorin Erika Mann (Bild: Monacensia. Literaturarchiv und Bibliothek München)

Grund genug, bei Anke Hertling einmal nachzufragen, wie man sich diesem spannenden Thema nähert, wie aktuell es heutzutage noch ist und was man von Autorinnen und frühen Autofahrerinnen wie zum Beispiel Erika Mann lernen kann.

Bild: privatFoto_Hertling

Dr. Anke Hertling (Bild: privat)

Frau Hertling, wie sind Sie auf das Thema „Eroberung der Männerdomäne Automobil“ gestoßen?
Bereits während meines Studiums der Germanistik und Kulturwissenschaften habe ich mich intensiv mit Reisekulturen und Reiseliteratur beschäftigt. Besonders haben mich reisende Frauen interessiert, weil Reisen für Frauen immer auch eine Möglichkeit waren, aus tradierten Rollenbildern und Rollenerwartungen auszubrechen. Zunächst fiel mir auf, dass es kaum Forschungen über reisende Frauen im 20. Jahrhundert gibt. Bei meinen Recherchen bin ich schnell auf Frauen aufmerksam geworden, die in den 1920er und 1930er Jahren mit dem Automobil reisten. Die Frage, was es für die Frauen bedeutete, mit dem Automobil zu reisen, führte mich schließlich zu dem Thema „Frau und Automobil“ und zu einer neuen Forschungslücke. Ich sah es als notwendig an, das Thema grundlegend zu untersuchen und dabei verstärkt kultur- und technikhistorisch zu arbeiten.

Wie reagierte die männlich dominierte Gesellschaft auf die neuen Selbstfahrerinnen?
Auch zur Jahrhundertwende war es Frauen keinesfalls verboten, Auto zu fahren. Es galt aber als „unweiblich“, wenn sich Frauen hinters Steuer setzten. Autofahrerinnen widersprachen zum einen dem Ideal von der bürgerlichen Frau als Hausfrau und Mutter, das um 1900 noch gesellschaftlich verankert war. Zum anderen verstanden sich die frühen Autofahrer als „Herrenfahrer“, die sich tollkühn und wagemutig die Hoheit der Straße erkämpfen. Sowohl das zeitgenössische Verständnis von „Weiblichkeit“ als auch das öffentlich propagierte Selbstbild vom „Herrenfahrer“, der Kraft, Mut und Nervenstärke beweist, zementierte die Vorstellung vom Automobil als Männersache. Mit pseudowissenschaftlichen Erklärungen wurde schließlich behauptet, dass Frauen körperlich und nervlich nicht in der Lage wären, ein Auto zu steuern. Dieser Diskurs von der „weiblichen Fahrunfähigkeit“ hielt sich vor allem hartnäckig im Rennsport und im Bereich der beruflichen Nutzung des Autos. Auch als sich in der Weimarer Republik die sogenannten Selbstfahrerinnen verstärkt durchsetzen konnten, standen Rennfahrerinnen oder etwa Taxifahrerinnen weiterhin im Fokus der Ressentiments.

Wuchs mit der Eroberung des Fahrersitzes auch das Interesse der Frauen an der Technik eines Automobils?
In der Weimarer Republik waren Automobile technisch immer noch sehr anfällig. Reifenpannen waren genauso an der Tagesordnung wie verstopfte Düsen und verölte Kerzen. Darüber hinaus gab es vor allem auf dem Land kaum Autowerkstätten. Die Frauen mussten sich also selbst zu helfen wissen und sich mit der Technik auseinandersetzen. Dass technischer Sachverstand zum Selbstverständnis einer Selbstfahrerin gehörte, zeigt sich auch darin, dass die Allgemeine Automobil-Zeitung im Jahr 1930 eine Rubrik für Frauen einrichtete, in der durchaus mit Fachvokabular die Automobiltechnik erklärt wurde.

Warum glauben Sie, gibt es heutzutage immer noch Vorbehalte gegenüber Frauen am Steuer?
In meiner Arbeit habe ich aufgezeigt, dass die Vorbehalte gegenüber Autofahrerinnen im engen Zusammenhang mit der herrschenden Geschlechterordnung und geschlechtsspezifischen Rollenbildern steht. Die fortwährenden Vorurteile gegenüber Frauen am Steuer sind also eine Form von Sexismus, der das andauernde ungleiche Verhältnis der Geschlechter einerseits widerspiegelt und andererseits fortwährend reproduziert. Kurz gesagt, dienen auch die Vorbehalte gegenüber Autofahrerinnen dazu, die gesellschaftliche Macht der Männer aufrecht zu erhalten.

Was können Autofahrerinnen, aber auch Autofahrer von den von Ihnen vorgestellten Autorinnen Ruth Landshoff-Yorck, Erika Mann und Annemarie Schwarzenbach lernen?
Mir war es wichtig zu zeigen, dass das Automobil eben keine „natürliche“ Männersache ist. Die von mir vorgestellten Autorinnen belegen, dass Frauen schon früh ihren Anspruch auf den Fahrersitz geltend machen und es eine lange Tradition von Autoliebhaberinnen, Rennfahrerinnen und automobilreisenden Frauen gibt. Besonders Ruth Landshoff-Yorck und Erika Mann geben in ihren Texten Tipps, wie man sich als Frau in der Männerdomäne durchsetzen kann. Selbstbewusstsein, Schlagfertigkeit sowie eine Portion Humor sind Ratschläge der Autorinnen, auf die Autofahrerinnen auch heute noch wirkungsvoll zurückgreifen können.

Fahren Sie selbst mit einem anderen Bewusstsein Auto, nachdem Sie entdeckten, wie schwierig der Beginn der Selbstfahrerinnen war?
Obwohl ich einen Führerschein habe, besitze ich kein Auto undich  versuche, Autofahren zu vermeiden. Während für die meisten Selbstfahrerinnen das Auto Symbol für Unabhängigkeit, individuelle Freiheit, Abenteuer und Selbstverwirklichung war, hat Annemarie Schwarzenbach bereits in den 1930er Jahren auf die mit dem Auto verbundenen ökologischen, ökonomischen und sozialen Probleme aufmerksam gemacht. Diese kritische Perspektive kennzeichnet meinen Umgang mit dem Auto mehr als die Vorteile und Werte des Autos, die die Selbstfahrerinnen für sich beansprucht haben. Bei aller Anerkennung der frühen Autofahrerinnen und ihrem Engagement gegen die Vorurteile sehe ich es heute als notwendig an, unser Verhältnis zum Auto grundlegend zu überdenken.

Cathrin Becker_2Das Interview führte: Cathrin Becker
Position beim VDI: Pressereferentin
Aufgaben beim VDI: Presse- und Öffentlichkeitsarbeit, interne Kommunikation

 

Kommentare & Pingbacks

Ein Gedanke zu “Conrad-Matschoß-Preis für Anke Hertling

  1. Hinter jedem starken Mann, steht eine starke Frau. Herr Erwin Pelzig erweiterte diese Feststellung mit der Bemerkung, dass hinter jeder starken Frau ein toter Mann liegt (der mal stark war).

    Es wird so getan, als ob die gesellschaftliche Macht der Männer gegen die Frauen gerichtet ist. Ist es nicht eher so, dass Frauen und Männer eine Familie gründen, um sich gegeneinander zu stützen und ergänzen?

    „Eltern und Kinder schulden einander Beistand und Rücksicht“, §1618 a BGB. („Beistand“, „Rücksicht“ findet man bei google).

    Wäre die Familie ein Hort des Geschlechterkampfes um Geschlechtermacht, hätten wir garantiert keine Überbevölkerung.

    Was genau wollen wir den nächsten Generationen vorleben? „Beistand und Rücksicht“ oder Machtkampf der Geschlechter? Ich finde, wer eine Partnerschaft eingeht, um sein Geschlechtermachtkampf auszutragen, sollte auch keine Kinder in die Welt setzen. Solche Kinder werden vor lauter Machtkampf der Eltern niemals „Beistand und Rücksicht“ vorgelebt bekommen.

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