Die Gefahr, die wir riechen können

Luftverunreinigungen im Innenraum

Ob neues Auto oder neue Couch – durch den Geruch, den sie in der Innenraumluft verströmen, vermittelt uns unser Gehirn das Gefühl, dass daran alles sauber ist. Dabei sollte uns unser Verstand etwas anderes sagen.

Bild: Valua Vitaly / Shutterstock.com20150224_VDI_RL_702x363-V1-T5

Welcher Duft ruft wohl mehr Wohlbefinden hervor? Der, den der Innenraum eines neuen Autos verströmt, oder der, der sich im ganzen Haus ausbreitet, wenn die Wände frisch gestrichen wurden? Vermutlich der erste, denn wir wissen sofort, das ist unbenutzt, sauber und frisch. Wenn Farbe verdunstet, empfinden wir das als unangenehm. Nicht nur, weil der Geruch etwas streng ist. Auch weil wir unterbewusst an die darin enthaltenen Lösemittel denken. Wir lüften also erst einmal alle Räume ordentlich durch. Ähnlich ist unser Verhalten auch bei neuen, lackierten oder verleimten Möbeln. Ihr Neugeruch ist zwar nicht so penetrant, dennoch wischen wir sie erst einmal mit gut riechendem Möbelreiniger ab. Beim neuen Teppich greifen wir zur Duftkerze oder zum Textilerfrischer. Und schon haben wir gute Luft im Raum. Denkste! Denn damit machen wir alles eigentlich noch schlimmer.

Umgeben von flüchtigen organischen Verbindungen
Möbel, Textilien, Baustoffe, Farben, Wasch-, Putz- und Reinigungsmittel, Haushalts- und Bürogeräte, ja selbst Mottenkugeln sind Emissionsquellen von flüchtigen organischen Verbindungen, kurz VOC. Zu ihnen gehören unter anderem Alkane, Terpene, Naphthalin, Aldehyde, Ester und halogenierte Verbindungen. Die gesundheitsschädigende Wirkung von Formaldehyd ist längst bekannt, dennoch ist es in den meisten Nagellacken enthalten. Der Grund, weshalb es für diesen Zweck trotzdem zugelassen ist, liegt in der Konzentration. Aber wie so oft gilt auch hier: Die Menge macht’s! Das Belastungspotenzial von VOCs wird von Medizinern zunehmend als Ursache für die wachsende Zahl von Allergikern (in Deutschland über 25 Prozent) erkannt. Wer also auf einen oder mehrere dieser Stoffe allergisch reagiert, oder auch „nur“ müde wird oder Kopfschmerzen davon bekommt, sollte beim Kauf darauf achten, dass die Produkte schadstoffgeprüft sind. Da das Verbraucherverhalten heute durch ausgeprägtes Gesundheitsbewusstsein bestimmt wird, nutzen Hersteller von Alltagsprodukten die Kennzeichnung sogenannter emissionsarmer Produkte als Marketinginstrument. Trotz der Tatsache, dass die meisten VOCs in sehr geringen Konzentrationen in unserer Atemluft auftreten, steigerte sich das öffentliche Interesse an emissionsarmen Produkten kontinuierlich, da einige der identifizierten organischen Verbindungen reizend oder gar toxisch wirken und teilweise hohe Geruchsintensitäten aufweisen.

Die Grenzen des guten Geruchs
Ein Kinderwagen lässt sich unter Umständen noch in seine Einzelteile zerlegen, um die Stoffbezüge in die Waschmaschine stecken zu können. Aber wer putzt denn schon sein neues Auto? Sogar in Verkehrsflugzeugen kann es zu sogenannten „Fume-Events“ kommen, bei denen Gerüche, Rauch oder Nebel in der Kabinenluft auftreten. So wurden beispielsweise im Zeitraum von 2006 bis 2013 der Bundesstelle für Flugunfalluntersuchungen 845 Unfälle und Störungen in der Zivilluftfahrt gemeldet, von denen 663 mit mangelnder Kabinenluftqualität in Verbindung gebracht wurden. Einige Fluggesellschaften haben hierzu eigene Untersuchungen durchgeführt. Die Medien berichten häufig über einen direkten Zusammenhang der „Fume-Events“ mit der Vergiftung des Bordpersonals und der Passagiere. Es wird die Hypothese vertreten, dass Turbinenölinhaltsstoffe sowie deren Abbauprodukte in die Kabinenluft eingetragen werden und verantwortlich für die mutmaßlichen Vergiftungsfälle sind. Wissenschaftliche Studien können diese Hypothese bislang jedoch nicht eindeutig bestätigen. Wie viel Geruch – und damit letzten Endes auch Schadstoffe – kann ein Verbraucher ertragen, dauert es doch mitunter sehr lange, bis sich auch die letzte organische Verbindung verflüchtigt hat? Um dies festzustellen und um vor allem aber auch die zum Teil geltenden Richtwerte oder Grenzwerte einhalten zu können, muss gemessen werden. Und zwar mit der sogenannten Gaschromatografie, einer Analysenmethode, die zum Auftrennen von Gemischen in einzelne chemische Verbindungen dient. Selbst minimale Substanzmengen lassen sich mit ihr nachweisen. Die Grundlagen zu diesem Messprinzip beschreibt die Richtlinie VDI 2100 Blatt 1. Sie behandelt ausführlich die Bestimmung der oben genannten Stoffe und zeigt damit sehr deutlich, dass nicht alles faul sein muss, was zum Himmel stinkt.

Iris_LindnerAutorin: Iris Lindner
Die Diplom-Ingenieurin (FH) ist für uns in Sachen Berichterstattung rund um die VDI-Richtlinien in den sozialen Netzwerken unterwegs.

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