Einblick in Erstellung und Nutzung

Was sind eigentlich Richtlinien?

Sie beherbergen das gesammelte Wissen der Ingenieurwelt und sind zugleich ein wichtiger Helfer in komplexen Fragestellungen. Des Weiteren geben sie stets ein gutes Gefühl und konkrete Hilfestellung, egal wie groß, schwer oder komplex eine neue Aufgabe auch ist. Doch was sind die Richtlinien genau? Diese Frage und noch viele mehr wollen wir in den kommenden Wochen beantworten.

Bild: Vitalliy / Shutterstock.com20150224_VDI_RL_702x363-V1-T1

Das Konstrukt
Unter den Nutzern gelten sie als Multifunktionswerkzeug. Quasi das Schweizer Taschenmesser des Ingenieurs. Eine VDI-Richtlinie gilt als „anerkannte Regel der Technik“, also als technische Festlegung, die „von einer Mehrheit von Fachleuten als Wiedergabe des Stands der Technik angesehen wird“. Damit dieses Ansehen auch erreicht wird, binden wir die Richtlinien-Nutzer von Beginn an mit ein in den Erstehungsprozess. Das kann man sich ähnlich vorstellen wie die Wikipedia, bei der unter der Aufsicht eines wachsamen Redaktionsteams Experten aus allen Bereichen die Einträge erstellen, anpassen und aktualisieren. Jeder, der ein technisches Problem hat, das eine Art „Übereinkunft“ nötig macht, kann zum VDI kommen. Wir, der VDI, prüfen dann, wie wir die Problemlösung normieren können und ob es sinnvoll ist, dies zu tun.

So werden Aktualität und Qualität garantiert
Damit der Entstehungsprozess korrekt abläuft und koordiniert werden kann, gibt es die VDI 1000, sozusagen die Mutter aller Richtlinien. Die regelt nämlich, wie Richtlinien gemacht werden – auch das braucht man als Regelsetzer. Der erste Schritt der Entstehung ist immer die Gründung eines Gremiums, dass sich je nach Problemstellung aus Ingenieuren, Naturwissenschaftlern, Physikern, Chemikern u.v.m. zusammensetzen kann. Diese Leute brauchen wir, um nicht nur unseren eigenen Ansprüchen, sondern auch denen der Nutzer gerecht zu werden. Diese Experten steuern dann ihr Wissen und ihre Erfahrungen bei, um einen ersten Entwurf zu erstellen, der das Problem behandelt und Lösungen definiert. Und jetzt kommt, wir erinnern uns an das Beispiel der Wikipedia, wieder die Allgemeinheit ins Spiel: Die VDI 1000 legt fest, dass in einer Entwurfsphase jeder noch Einsprüche zu den Inhalten erheben kann. Diese sogenannte „öffentliche Einspruchsfrist“ läuft in der Regel sechs Monate. Das Richtlinien-Gremium prüft in dieser Zeit alle eingereichten Stellungnahmen bzw. Einsprüche und nimmt diese wenn nötig in den Richtlinien-Entwurf auf, bevor dieser als „echte“ VDI-Richtlinie veröffentlicht wird. Nach spätestens fünf Jahren überprüfen wir die Inhalte des Regelwerks auf ihre Gültigkeit hin – gegebenenfalls beginnt der Richtlinien-Erstellungsprozess dann wieder von vorn. Weil Aktualität und Qualität dadurch sichergestellt sind, können Nutzer VDI-Richtlinien ruhigen Gewissens als Grundlage für die Ausführung von technischen Anlagen, Verfahren, Prozessen, Gütern usw. verwenden.

Und wie finde ich die passende Richtlinie zu meinem Problem?
Eine Übersicht über unsere Themen, dem VDI-Richtlinienwerk, bekommt man am besten auf unseren Internet-Seiten unter www.vdi.de/richtlinien. Jede unserer VDI-Richtlinien trägt eine vierstellige Ziffer (von 2000 aufwärts) als Identifikationsmerkmal, also beispielsweise VDI 2230 Blatt 1. Bei einigen Richtlinien ist in der Bezeichnung ein anderer Verband mit aufgeführt, zum Beispiel bei der VDI/VDE/DGQ 2618 Blatt 9.1. Das bedeutet, dass die Richtlinie in diesem Fall in Zusammenarbeit mit einem Mitträger erstellt wurde.
Alle VDI-Richtlinien gibt es entweder in Papierform oder als Richtlinien-Download per pdf.

Einfluss auf unseren Alltag
In den kommenden Monaten wollen wir in einer Beitragsreihe einmal aufzeigen, welche Themen und Problemstellungen eigentlich durch VDI-Richtlinien lösbar sind und inwiefern diese unseren Alltag (teilweise unbemerkt) beeinflussen. Dabei geht es uns darum aufzuzeigen, dass unsere Richtlinien sowohl die Arbeit von Experten und Spezialisten als auch das Leben in der Gesellschaft maßgeblich mitgestalten und beeinflussen.

Über den Autor:
Bernd LenhartBernd Lenhart machte nach seinem Maschinenbaustudium in Duisburg eine Zusatzqualifikation zum Technischen Redakteur. 1999 kam er zum VDI und übernahm 2002 die Leitung der Redaktion VDI-Richtlinien. Heute ist er zusätzlich in der Bereichsleitung des Bereichs Technik und Wissenschaft im VDI tätig.
Update: Liste aller Beiträge der Richtlinien-Reihe
Was tun, wenn die Heizkostenabrechnung zu hoch ist?
Luftverunreinigungen im Innenraum
Arbeiten im Reinraum
Was tun, wenn die Heizkostenabrechnung zu hoch ist?
Elektrotankstelle im Eigenheim?
Schlechte Luft im Büro?
Gerüche aus dem Stall
Gut gesichert in den Urlaub
Hygieneanforderungen an Klimaanlagen
Legionellen im Trinkwasser
Sauberes Wasser muss fließen
Wie viele Freudensprünge verträgt die Fankurve?
Temperaturmessung
Rohstoffe oft recyceln
Halb voll oder halb leer?
Heizen mit Holzpellets
Kleine Verbindung, großer Halt?
Wenn die Pracht zum Risiko wird
Brandgefahr verhindern
Richtig lüften
Küchenabluft
Additive Fertigungsverfahren
Datenmanagement in der Produktionsanlage von morgen
Mit richtigen Temperaturmessungen Heizkosten minimieren
FAQ zum Heizen mit Holzpellets
10 Tipps zum Heizkosten sparen
Wie viel Mechatronik steckt in einer Bremse?
Automatisierung des innerbetrieblichen Materialtransports
VDI-Verbrauchtertipp: FAQ zur LED-Beleuchtung
Elektrotankstelle im Eigenheim
VDI-Verbrauchertipp: Häufig gestellte Fragen zum Einsatz von Wärmepumpen


Kommentare & Pingbacks

4 Gedanken zu “Was sind eigentlich Richtlinien?

  1. Richlinien werden bei werden von Richtern häufig als Dokumente über den Stand der Technik heran gezogen. Sie erlangen daher m.E. Gesetzesrang. Es ist für mich nicht verständlich warum Richtlinien in Form von minderwertigen Kopien zu einem Preis über 1€ pro Seite gekauft werden müssen. Ich plädiere für die Kostenfreie Abgabe und Verbreitung von Richtlinien!

    E.Breitenfeld

  2. Sehr geehrter Herr Breitenfeld,

    vielen Dank für Ihren Kommentar. Wenn Richter den Stand der Technik zur Urteilsfindung und Begründung heranziehen, erlangen unsere VDI-Richtlinien dadurch nicht den Rang eines Gesetzes. Sie dienen dem Richter als Unterlage, mit deren Hilfe er ein Handeln nach dem Stand der Technik überprüfen kann und daraus das Urteil ableiten kann. Ansonsten sind VDI-Richtlinien, wie andere technische Regeln auch, zur freiwilligen Anwendung bestimmt.

    Leider können die VDI-Richtlinien nicht kostenlos bereitgestellt werden. Der VDI e.V. finanziert die Erarbeitung, die Erstellung und die Aktualisierung mithilfe von Erlösen durch den Verkauf. Über öffentliche Auslegestellen besteht allerdings die Möglichkeit der kostenlosen Einsichtnahme in VDI-Richtlinien. Eine Übersicht finden Sie auf unseren Internetseiten: https://www.vdi.de/technik/richtlinien/auslegestellen/ .

  3. Wenn Gerichte den Stand der Technik zugrunde legen, läuft etwas falsch. Üblicherweise werden bei Gerichtsverfahren die allgemein anerkannten Regeln der Technik berücksichtigt. Das ist nicht gleichbedeutend mit dem Stand der Technik.

    Mit freundlichen Grüßen

    Ralf Wagner

    • Sehr geehrter Herr Wagner,

      vielen Dank für Ihren Kommentar. Technische Regeln, die den Stand der Technik beschreiben, sind per Definition sinngemäß „Fachleuten bekannt und richtig“, während allgemein anerkannte Regeln der Technik sinngemäß „den Stand der Technik erfüllen und sich über einen ausreichenden Zeitraum bewährt haben“.
      Ob sich ein Gericht am Stand der Technik oder an den allgemein anerkannten Regeln der Technik orientiert, entscheidet es selbst.

      Gruß
      Bernd Lenhart

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