Thomas Froese, Big Data-Fachausschussvorsitzender

Big Data: „Die Lage im Mittelstand ist katastrophal“

Das Stichwort lautet „Big Data“. Big ist dabei nicht nur das Volumen der Datenmenge, sondern auch die Komplexität, Varietät und Qualität der relevanten Daten. Das Thema ist derzeit in aller Munde. Auch wir beim VDI beschäftigen uns mit dem intelligenten Umgang von großen, teils heterogenen Datenbergen. Besonders im Hinblick auf den Deutschen Ingenieurtag (DIT), bei dem wir am 19. Mai mit Experten u. a. über die Digitalisierung der der Wirtschaft sprechen wollen, soll dieses Interview ein kleiner Vorgeschmack sein.

Bild: atlan-tec Systems GmbHThomas Froese, Big Data-Fachausschussvorsitzender (Copyright: atlan-tec Systems GmbH)

Thomas Froese, Big Data-Fachausschussvorsitzender (Copyright: atlan-tec Systems GmbH)

Wir haben mit Thomas Froese gesprochen, ehrenamtlicher Vorsitzender des VDI/VDE-Fachausschusses Big Data, der im Februar 2015 gegründet wurde. Als Geschäftsführer der atlan-tec Systems GmbH beschäftigt er sich mit der Analyse und Optimierung von verfahrenstechnischen Prozessen mit dem Ziel der Erhöhung der Wirtschaftlichkeit in verschiedenen Betrieben.

Herr Froese, warum hat die VDI/VDE-Gesellschaft Mess- und Automatisierungstechnik den Fachausschuss Big Data gegründet?
VDI/VDE hat den Ausschuss gegründet, weil in der Industrie erheblicher Bedarf zur Diskussion über das Thema Big Data besteht. Die Unternehmensführungen, vor allem im Mittelstand, haben hier noch viel aufzuholen und zu investieren. Der erste Schritt zur Erzeugung einer solchen Veränderungskultur ist es, eine Plattform für neutrale Informationen bereitzustellen.

Wir verstehen uns als Arbeitskreis für rein industrielle Themen. Insofern spielt das kritische Thema Datenschutz nur eine untergeordnete Rolle. Wir wollen keine Verhaltensdaten von Menschen analysieren, sondern Messdaten und Laborwerte aus Produktionsprozessen. Mit diesen Daten können Prozesse zum Wohle aller Beteiligten verbessert werden, um Energie einzusparen, Rohstoffe effizienter zu nutzen und Produkte kostengünstiger herstellen zu können.

Der Fachausschuss hat sich erst im Februar dieses Jahres gebildet. Womit beginnt die Arbeit?
Die Teilnehmer des Ausschusses kommen von sehr erfahrenen Dienstleistern und großen Unternehmen und sind sehr unterschiedlich weit bei der Einführung von Big Data in den eigenen Unternehmen. Daraus ergibt sich das Problem, dass sie sich erst einmal grundlegend verständigen müssen. Die ersten Schritte bestehen nun darin, eine einheitliche Nomenklatur für Begriffe zu schaffen und Beispielanwendungen zu sammeln. Auf dieser Basis kann es dann dazu kommen, vereinheitlichte Empfehlungen und Workflows zu schaffen. Mit Positionspapieren und einer Richtlinie gibt der VDI der deutschen Industrie eine Entscheidungsgrundlage für eigene Investitionen in die Zukunft. Nur so lässt sich der Rückstand, den wir hier in Deutschland haben, aufholen.

Worin liegen für Unternehmen die Vorteile, wenn sie moderne Big Data-Methoden nutzen?
Der Vorteil von modernen Big Data-Methoden im Vergleich zu den klassischen statistischen Methoden des vergangenen Jahrhunderts liegt darin, dass meistens keine Versuche mehr durchgeführt werden müssen. Es können Daten aus der Produktion verwendet werden, die häufig schon vorliegen. Viele Unternehmen lagern riesige Datengräber und wissen nicht so recht, was sie damit anfangen können. Big Data weist den Weg zu einer Nutzung der Daten. Aus Daten werden Modelle und mit Modellen können technische Prozesse erheblich verbessert werden.

Welche Bereiche der Industrie kann ein professioneller Umgang mit Big Data nach vorne bringen?
Von Big Data kann jedes Industrieunternehmen profitieren, das komplexe Produkte herstellt. Immer wieder fällt auf, dass die Herstellkosten pro Tonne oder Stück stark schwanken und keiner genau weiß, warum das so ist – wenn diese Tatsache denn überhaupt bekannt ist. Hier kann Big Data Antworten liefern und vor allem die Antwort auf die Frage geben: „Warum produzieren wir nicht immer zum geringsten Kostensatz der jemals aufgetreten ist?“ Daher ist Big Data in höchstem Maße überlebensrelevant für viele Firmen im harten internationalen Preiskampf, auch wenn das von vielen noch nicht verstanden worden ist. Genau das aber wollen wir verändern.

Während viele große Unternehmen schon erste Anwendungen in diesem Bereich vorweisen können und zumindest im Rahmen von Industrie 4.0 auch Strukturen geschaffen haben, die Hoffnung machen, ist die Lage im Mittelstand katastrophal. Die Bereitschaft zur Investition ist hier nahezu nicht vorhanden, wie mir persönlich einschlägige Erfahrungen z. B. in der Kunststoffindustrie gezeigt haben. Echte Vorbilder gibt es in Deutschland leider nicht. Hier ist die Botschaft eher: „Das machen wir seit 50 Jahren so…“ Wir stellen ganz hartnäckige Beratungsresistenz fest und haben schon mit ähnlichen Kunden hier in Deutschland und in China die Erfahrung gemacht, dass die Chinesen unsere Vorschläge schon umsetzen, während die Deutschen noch immer diskutieren.

Mehr Infos rund um den 27. Deutschen Ingenieurtag, der am 19. Mai in Düsseldorf stattfindet, gibt es unter: https://ingenieurtag.vdi.de/.

philipp-busse-foto.256x256Das Interview führte: Philipp Busse
Position im VDI: PR-Volontär
Aufgaben im VDI: Presse- und Öffentlichkeitsarbeit, interne Kommunikation, Social Media

Kommentare & Pingbacks

3 Gedanken zu “Big Data: „Die Lage im Mittelstand ist katastrophal“

  1. Dem letzten Absatz über die Kunststoffindustrie kann ich leider nur umfassend zustimmen. Hier verlieren wir im Vergleich zu Asien zunehmend den Vorsprung den wir mal hatten.

  2. Auch „Big Data“ fängt einmal klein an. Wichtig, und immer noch nicht ausreichend ausgeprägt, ist die Wertschätzung von Daten an sich. Schließlich – was verbleibt im Unternehmen, wenn alles Produkt verkauft ist? Na, die Daten über Herstellung, Auftrag und Verkauf. Keine Information ist preiswerter und schneller zu erlangen als die durch Auswertung von Daten. Und wenn man in der Entwicklung und Qualitätssicherung die Analysen dann durch geplante Versuche absichert, dann stellt sich der Erfolg umgehend ein. Kürzere Reaktionszeiten, ein besseres Verständnis der Eingriffsmöglichkeiten und -grenzen: schneller kann man nicht besser werden.

    Es bleibt nur eins: sich nicht von „Big Data“ erschrecken zu lassen, sondern gleich anzufangen, mit dem, was man hat.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *


*