Planung von elektrischen Anlagen in Gebäuden

Elektrotankstelle im Eigenheim?

Aktuelle Studien und Testprojekte zeigen, dass 85 Prozent der Elektroautofahrer ihr Elektromobil oder Hybridauto zu Hause und nicht an öffentlichen Ladestationen aufladen. Aber geht das so einfach?

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Wussten Sie, dass Landau in der Pfalz mit einem Anteil von 0,784 Prozent an Elektroautos unter den dortigen Gesamtzulassungen Spitzenreiter in Deutschland ist? Insgesamt sind hierzulande 149.202 Elektroautos zugelassen, 839 davon tragen sogar ein D auf dem Kennzeichen. Das einstige K.-o.-Kriterium der stromtankenden Autos, nämlich das der begrenzten Reichweite, scheint sich aufgrund der zahlreichen öffentlichen Lademöglichkeiten zerschlagen zu haben. Schaut man jedoch etwas genauer hin, bemerkt man, dass das Angebot an Elektrotankstellen dem Bedarf nicht ganz gerecht wird. Beispiel Düsseldorf: Hier sind laut dem Online-Dienst Smart Tanken 10 Elektrotankstellen zu finden. Das bedeutet in der Theorie, dass sich mehr als 80 Elektromobile eine Ladevorrichtung teilen müssen. Nehmen wir an, dass die Akkus für den Schnellladevorgang vorgesehen und somit innerhalb von 30 Minuten zu 85 Prozent wieder geladen sind, wäre für den ersten Fahrer in der Schlange nach fast zwei Tagen die „Zapfsäule“ wieder frei. Könnte knapp werden, denn die Reichweite von 160 km, die sich zum inoffiziellen Industriestandard für Elektroautos entwickelt hat, hat man selbst im Stadtverkehr schnell erreicht. Abgesehen davon, dass mit der Schnellladung auch höhere Energieverluste einhergehen, besteht für die Akkus auch die Gefahr der frühzeitigen Alterung.

Das Problem der flächendeckenden Versorgung hat übrigens auch der US-amerikanische Elektroauto-Hersteller TESLA erkannt: TESLA-Gründer Elon Musk verkündete jetzt ohne Angabe konkreter Details, dass künftig jeder daheim mit einer Superbatterie für die Stromversorgung seines E-Autos sorgen kann. Das Geheimnis soll am 30. April gelüftet werden.

In der Ruhe liegt die Kraft
Wer auf die Schnellladung verzichtet, wartet gut und gern einmal bis zu 10 Stunden, bis die Akkus seines Elektroautos wieder voll geladen sind. So lange kann und will sich niemand an der Tanke die Zeit vertreiben. Also muss zu Hause (im Eigenheim) oder am Arbeitsplatz oder am Park-and-ride-Platz geladen werden. Aber geht das denn so ohne Weiteres? Im Prinzip, ja! Elektroautos lassen sich an haushaltsüblichen Stromanschlüssen laden. Über Nacht – am besten noch mit einem entsprechenden Nachttarif des Stromanbieters – kein Problem. Doch Vorsicht! Nicht jede Steckdose ist für die über einen langen Zeitraum fließenden Strommengen ausgelegt. Wie ein Versuch des Stromanbieters E.ON zeigt, erreichen manche Steckdosen mit angeschlossenem Elektroauto innerhalb von 15 Minuten eine Temperatur von 81 °C. Diese Überhitzung kann schnell mal einen Garagenbrand auslösen. Deshalb empfehlen sowohl der TÜV Süd als auch die Autohersteller, die Belastbarkeit der Steckdose und des Stromnetzes prüfen zu lassen. Der Fachmann kann auch feststellen, ob und wie viele andere Geräte noch an dem Stromkreis hängen. Die meisten Steckdosen sind, ebenso wie die Ladekapazität eines Elektroautos, für 16 A ausgelegt. Das bedeutet, dass man sich entscheiden muss, ob man nun lieber die Spülmaschine einschaltet oder das Elektroauto lädt, damit die Sicherung nicht herausspringt. In einem Eigenheim lässt sich diese Problematik jedoch umgehen. Und wie sieht es in einem Mietshaus aus? Ist das Laden in der gemeinsamen Tiefgarage überhaupt erlaubt?

Laden in der Grauzone
Im Grunde dürfen Besitzer eines Elektroautos ihre Autos überall abstellen, um sie zu laden. Es gibt weder ein Gesetz, das das Laden verbietet, noch eines, das es ausdrücklich erlaubt. Das bedeutet, dass das Elektroauto in der Tiefgarage eines Mehrfamilienhauses geladen werden darf. Sofern den Nachbarn nicht der Strom geklaut wird! Gibt es also keinen separaten Stromzähler am Stellplatz, müssen alle Mieter und Eigentümer der Wohnanlage für den Strom aufkommen. Und da ist dann das Sprichwort „Wer zahlt, schafft an“ Gesetz! In diesem Fall können nämlich die übrigen Parteien das Laden in der Tiefgarage verbieten. Das Anbringen eines Stromzählers ist auch nur die halbe Miete, denn auch hier muss vorab geklärt werden, ob der Stromanschluss die zusätzliche Last aushält und ob noch weitere Elektro- oder Hybridautos oder auch E-Bikes hinzukommen werden, die dort ebenfalls geladen werden sollen. Besser ist es, hier eine sogenannte Wallbox zu installieren. Diese speziell für E-Autos entwickelte Ladevorrichtung wird direkt an der Wand der Garage beziehungsweise des Carports angeschraubt und lädt das Elektroauto über die gängigen Typ-2-Stecker. Wallboxen haben nicht nur den Vorteil, dass sie den Ladevorgang verkürzen, sie verhindern auch, dass das Stromnetz überlastet wird, wenn mehrere E-Autos in derselben Garage laden.

Tankstelle am Arbeitsplatz
Auf vielen Firmenparkplätzen existieren bereits Ladeanschlüsse. In der Regel kommt an Unternehmensparkplätzen eine Ladestation auf zwei Elektroautos. So kann eins am Vormittag und eins am Nachmittag geladen werden. Die Nutzung ist aber nicht immer garantiert, denn auch Besucher haben das Recht, ihr Elektroauto dort zu laden. In den USA hat man hierfür mit der „Schlüsselschüssel-Methode“ eine einfache Lösung gefunden: Der Mitarbeiter legt seinen Schlüssel in eine Schale am Empfang, damit ein Auto umgeparkt werden kann, falls ein anderer für sein Auto dringend Strom braucht. Um das intelligente Laden von Fahrzeugen der Mitarbeiter, Besucher, Lieferanten und des Werksverkehrs standortübergreifend zu ermöglichen, hat die Daimler AG ein Projekt aufgesetzt. Zusammen mit dem Fraunhofer IAO untersucht sie in dem Projekt charge@work die komplexen Nutzungsmodalitäten, die innerhalb des Konzerns durch unterschiedliche Fahrzeug- und Nutzergruppen abgebildet werden können. Ein weiterer Fokus dieses Projekts liegt auf der Erforschung und Implementierung eines intelligenten Lade- und Lastmanagements zur Sicherstellung effizienter Ladevorgänge und Vermeidung von Lastspitzen.

Am unproblematischsten hinsichtlich Netzbelastung, Verfügbarkeit und Sicherheit ist es natürlich, die Ladevorrichtungen bereits bei der Planung eines Gebäudes zu berücksichtigen. Die Richtlinie VDI 2166 Blatt 2 zeigt auf, wie sich die Ladeinfrastruktur für Elektrofahrzeuge in oder an Gebäuden zukunftsfähig integrieren lässt. Denn bereits jetzt stellen die öffentlichen Ladestationen im Alltag mehr eine Absicherung, als eine Notwendigkeit dar.

Iris_LindnerAutorin: Iris Lindner
Die Diplom-Ingenieurin (FH) ist für uns in Sachen Berichterstattung rund um die VDI-Richtlinien in den sozialen Netzwerken unterwegs.

Kommentare & Pingbacks

10 Gedanken zu “Elektrotankstelle im Eigenheim?

  1. Interessant!
    Über die Temperaturen und die Belastung an einer normalen Steckdose habe ich mir noch gar keine Gedanken gemacht! Das ist ein Thema, dem es mehr Beachtung zu schenken gilt.

    Leider wohnen sicher viele potenzielle E-Mobilitätskunden in innerstädtischen Mehrfamilienhäusern und dazugehörigen „Parkplatzflächen“ am Straßenrand. Oder da, wo im Umkreis Platz ist. Laden wird dort unmöglich. Vielleicht schafft es die Straßenlaternenmastenladeinfrastruktur sich durchzusetzen?

  2. Pingback: Was man beim Aufladen des Elektroautos beachten sollte - Mein Elektroauto 

  3. Der Artikel zeigt vor allem eines: Die Autoindustrie (besonders die deutsche) ist nach wie vor nicht in der Lage, „Elektroauto“ denken zu können!
    Induktives Laden wird sich sehr schnell durchsetzen und in Verbindung mit autonomem Fahren ist das „Besetzen“ von Ladestationen auch bald kein Thema mehr.
    Viel wichtiger für die E-Auto-Besitzer wäre, ihnen zu sagen, dass Lithium-Ionen-Akkus länger leben, wenn man sie nicht dauernd voll lädt! Besser nur auf 60-70% laden, wenn man nicht gerade akut wirklich die gesamte Reichweite braucht. Das hätte gleich noch den Vorteil, dass man schon vom Start weg Rekuperation einsetzen kann – was bei voller Batterie nicht geht.

  4. Da sind wir doch noch ganz am Anfang. Erst gilt es in der Praxis bekannter zu werden und zu zeigen, was geht. Die Vorteile und der Nutzen sind in der Fläche noch nicht ausreichend verbreitet. Beim Eigenheim gilt es z.B. zu prüfen und zu „vermarkten“ wie Photovoltaik (Eigenverbrauch) und gespeicherte Energie (Akkus) zukünftig gut integriert werden können. Ist bislang aber wohl eher theoretisch, da es nicht den praktischen Realitäten entspricht.

  5. Bei LEMnet.org finde ich für Düsseldorf weit über 30 Stromtankstellen. 85% aller Ladungen finden zu Hause statt. Somit bleibem für 125 E-Fahrzeuge rund 25 Stromtankstellen mit ca. 50 Lademöglichkeiten. Also muss eine Station 2,5 Fahrzeuge pro Tag bedienen. Sollte gerade eben so hinkommen.

    Aktuell gibt es kein deutsches oder europäisches Fahrzeug, was mit „echten“ 16 Ah einphasig Strom zieht.
    ( Ich glaube BMW bietet es an der Wall-Box an.) Wenn ich 10 Stunden mit 16 Ah lade, brauche ich eine 3 * 10 = 30 kWh-Akku.

    Welches Fahrzeug sollte dies sein? Mir fällt da nur ein californischer Hersteller ein und der lädt in der Regel nicht mit nem Schuko-Stecker. ;-)

    Die Netzproblematik sehe ich nicht so unkritisch wie im Artikel dargestellt. Jeder Haushalt ist im Niedervolt-Bereich mit 2-3 kWh mittlere Last ausgelegt. Wenn dann alle am frühen Abend nach Hause kommen und mit 22 kwH laden, kann das schon mal eng werden im Häuserblock.

    Marc

  6. Wo haben Sie die bundesweiten Zahlen von 150.000 E-Fahrzeuge her? Wäre ja zu schön um wahr zu sein. Reden wir wirklich über Fahrzeuge im Straßenverkehr oder wurden hier alle elektischen Rollstühle und Gabelstabler mit gezählt?

    Marc Grübel

    • Hallo Herr Grübel,

      haben Sie vielen Dank für Ihre Kommentare und Ihre Fragen. Wir recherchieren gerne für Sie nach und melden uns mit den Antworten sobald wir sie haben.

      Einen guten Start in die Woche und viele Grüße aus Düsseldorf!

  7. Es ist ja ganz prima, das sich mal wieder die Vorschriftenheimer zu Wort melden. VDI Richtlinien haben ja durchaus ihren Sinn. Schließlich geht es um Sicherheit. Was man hier nur mal wieder deutlich heraushört, sind die Bedenkenträger. Wie schafft es eine Profitruppe wie die E.ON eine Steckdose zum Schmelzen zu bringen. Dann war doch zu viel Last drauf. Mit der korrekten Technik, nämlich dem entsprechenden Ladegerät wäre das nicht passiert. Diese Geräte sind beim Hersteller oder anderer Ausstatter zu bekommen. Dann passiert da nichts. Ich habe ein Jahr lang an einer normalen Schukosteckdose einen Renault Fluence geladen mit einer Verkabelung aus den Siebzigern. Es flossen nur 2kW. E.ON gehört wohl nicht zu den Experten.
    Die regenerative Stromversorgung ist dezentral. Massive Leistungen an Knotenpunkten sollten also eher selten sein. Stadtbewohner der Zukunft besitzen eher kein Auto mehr, sondern bewegen sich intermodal. Das Elektroauto von heute ist kein Stadtauto, sondern ein Peripheriefahrzeug. In der Fläche um die Städte sind Garagen eher die Mehrheit.
    Wie sich allerdings alles entwickeln wird, kann mal wieder keiner voraussehen. Sämtlich Verkehrsvisionen der Siebziger haben sich auch nicht bewahrheitet. Warum also jetzt. Die Leute werden das kaufen, was für sie am günstigsten und bequemsten sein wird. Wie immer.

  8. Pingback: Anonymous 

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