Technik und Ingenieurkunst als Motiv

Interview mit Industriefotograf Thomas Ernsting

Thomas Ernsting ist einer der besten Industriefotografen. Er hält Technik und Ingenieurleistungen in beeindruckenden Bildern fest.

Ingenieurleistungen zu beschreiben ist das eine, sie zu zeigen, das andere. Oft kann man mit vielen Worten nicht das ausdrücken, was ein großartiges Foto an Atmosphäre, Details und Faszination vermittelt. Deshalb überlegen wir uns im VDI ganz genau, welche Bilder wir verwenden, um die Leistungen unserer Ingenieure zu zeigen. Was für ein Glück, dass wir dafür den perfekten Fotografen gefunden haben.

Bild: Thomas Ernsting / LAIFSchiffsschraube_rot_gelb_Hebebühne

Thomas Ernsting /LAIF

Filigrane Arbeiten im Labor oder tonnenschwere Maschinen in der Fabrikhalle – für den Reportage- und Industriefotografen Thomas Ernsting gibt es keine Motive, die ihn nicht interessieren, wenn es darum geht Technik, Forschung, Wissenschaft und Industrie abzulichten. Er fotografierte für das Magazin GEO über 70 große Reportagen, wurde bereits zwei Mal als bester Technikjournalist ausgezeichnet und gewann gleich vier Mal den World Press Award.

Das klingt beeindruckend! Wir haben uns mit Thomas Ernsting über seine Motivation, Herausforderungen und beeindruckende Erlebnisse unterhalten.

Bild: Lothar WelsThomas Ernsting

Industriefotograf Thomas Ernsting (Foto: Lothar Wels)

Herr Ernsting, Sie sind bekannt und ausgezeichnet für Ihre Arbeit als Industriefotograf. Haben Sie eigentlich gleich mit diesen Motiven begonnen oder wie wurde Ihr Interesse daran geweckt?
Ich stieg in die Industriefotografie erst ein, nachdem ich zehn Jahre fast ausschließlich für das Magazin GEO fotografiert hatte. Hätte ich nicht für GEO arbeiten können, wäre ich wohl nicht Fotograf geworden. Damals habe ich viel in Asien, Australien und Afrika gearbeitet, wollte dann aber gerne eine Familie gründen. Diese vielen langen Reisen waren jedoch schwer zu vereinbaren mit einem Familienleben mit Kindern und so begann ich mit technischen Themen wie dem Bau von Containerschiffen, der Fraunhofer Gesellschaft oder die Zukunftsvisionen in der Automobilindustrie.

Worin liegen die größten Herausforderungen Ihrer Arbeit?
Nur sehr wenige Motive beeindrucken sofort, wenn man sie sieht. Meistens arbeitet man in unspektakulären Industriehallen oder Labors mit total langweiligem Licht. Die Herausforderung liegt also hauptsächlich daran, optisch wenig beeindruckende Motive mit Licht und einer interessanten Bildkomposition für den Betrachter des Fotos so spannend zu gestalten, dass er neugierig wird und sich das Bild gerne ansieht. Wenn Menschen in das Bild integriert werden – und das ist ganz häufig der Fall – arbeite ich nicht mit Models sondern immer mit den authentischen Mitarbeitern. Die sind es oft aber nicht gewohnt, vor einer Kamera zu stehen und fühlen sich manchmal unwohl, – was man dann auch sehen würde. Hier besteht die Herausforderung darin, sie ganz natürlich wirken zu lassen, entspannt und konzentriert bei der Arbeit. Auch das gelingt mit etwas Zeit so gut wie immer.

Was ist Ihrer Meinung nach die größte Ingenieurleistung, die Sie fotografieren durften?
Als Einzelprojekt war es wohl der Bau des neuen Gotthardtunnels, des längsten Tunnels der Welt. Gigantische Tunnelbohrmaschinen von mehreren hundert Metern Länge bohrten sich durch das Gestein und schafften den Durchbruch dann zentimetergenau, manchmal millimetergenau. Ich war beeindruckt. Unglaublich finde ich auch das Innovationspotential der Fraunhofer Gesellschaft in ihren zahlreichen Instituten.

Für Ihre Arbeit reisen Sie viel. Welches Land hat Sie bisher am meisten beeindruckt und welche Motive haben Sie dort fotografiert?
Ich arbeite besonders gerne in Skandinavien und Südostasien. Gerade dieses Jahr habe ich recht umfangreich die Arbeit des TÜV Rheinland in Asien fotografiert. Es war spannend, wie vielfältig die Projekte dort sind. Wir haben in Indonesien Arbeiter bei der nächtlichen Rohgummiernte in Gummibaumplantagen begleitet, wobei der TÜV Rheinland sicherstellte, dass es für die Bäume möglichst schadlos ablief und auch die Qualität des Rohgummis stimmte. Wir haben in Textilfabriken in Vietnam die Arbeitsbedingungen kontrolliert und überprüft, dass keine Kinderarbeit stattfand. Wir sind bei der Ernte von Cahew-Nüssen auf entlegene Plantagen gefahren, um Stichproben für Test auf Pestizide etc. zu nehmen oder waren in hochmodernen Labors für Lebensmitteltests. Und dies sind nur einige Beispiele. Mein letztes Motiv in Skandinavien war im September in Norwegen der Bau der riesigen Konverterstation Dolwin 2 durch ABB. Sie dient dazu, den Strom von Offshore-Windparks möglichst verlustfrei an Land leiten zu können.

Welches Motiv haben Sie noch nicht fotografiert, würden es aber gerne noch tun?
Ich hätte gerne die Entwicklung des Airbus 380 begleitet, aber trotz einer anfänglichen Zusage blieben die Türen dann doch verschlossen. Mir ist klar, dass die fotografische  Begleitung einer technischen Neuentwicklung oft an der Geheimhaltung scheitert. Aber manchmal klappt es, beispielsweise bei der Entwicklung des Bugatti Veyron. Das war damals das schnellste Auto der Welt. Mein Wunsch wäre es, auch in Zukunft bei der Entwicklung spannender Projekt von Anfang bis Ende dabei sein zu können.

Sind Sie eigentlich noch aufgeregt, wenn Ihre Reportagen in großen Magazinen wie GEO und National Geographic erscheinen?
Nein, wirklich aufgeregt bin ich nicht mehr. Das gab sich recht schnell. Aber es gehört auch jetzt noch zu den schönsten und motivierendsten Momenten meiner Arbeit, eigene große Reportagen in diesen Magazinen aufzublättern und zu wissen, dass Millionen von Menschen sie betrachten werden. Bei reinen Industriefotografen fehlt dieser Aspekt meistens. Diese Veröffentlichungen – es sind ja nicht ausschließlich technische Themen – und die Vielfältigkeit der Arbeit sind die entscheidenden Faktoren, dass mir die Arbeit auch nach über 25 Jahren noch extrem viel Freude macht.

Cathrin Becker_2Das Interview führte: Cathrin Becker
Position beim VDI: Pressereferentin
Aufgaben beim VDI: Presse- und Öffentlichkeitsarbeit, interne Kommunikation

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Ein Gedanke zu “Interview mit Industriefotograf Thomas Ernsting

  1. Pingback: Was ist die Industriefotografie? | yourfoto.de 

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