Wenn Landluft aufdringlich wird

Gerüche aus dem Stall

Strahlend blauer Himmel, saftige grüne Wiesen, genüsslich wiederkäuende Rinder und freilaufende, glückliche Hühner – viele Menschen haben vom idyllischen Landleben regelrecht die Nase voll.

Bild: Cyran / Shutterstock.com150523_VDI_RL_702x363-V1-T8

Man muss nicht unbedingt auf dem Land aufgewachsen sein, um zu wissen, wie es aus einem Schweine- oder Hühnerstall riecht. Und deshalb will auch kaum einer in direkter Nachbarschaft mit den Tieren leben. Auf der anderen Seite achten aber viele Verbraucher beim Einkaufen darauf, dass die Produkte aus der Region stammen. Regionale Qualität: ja, Massentierhaltung vor der eigenen Tür: nein. Da hilft nur eines: Die Gerüche aus Tierhaltungsanlagen müssen so weit es geht reduziert werden.

Emissionen aus der Tierhaltung
Was ist Emission eigentlich? Wikipedia definiert wie folgt: „Emission (von Lateinisch emittere „herausschicken, -senden“), im Deutschen Austrag oder Ausstoß, bedeutet allgemein Aussendung von Störfaktoren in die Umwelt“. Neben Gerüchen werden aus Tierhaltungsanlagen diverse luftverunreinigende Stoffe freigesetzt, insbesondere ;Ammoniak (NH3) und Staub. Als emittierte Klimagase sind Methan (CH4) und Lachgas (N2O) am bedeutendsten. Methan entsteht durch Wiederkäuen (Fermentation im Pansen), Gülle und Stallmist. Knapp 40 Prozent aller landwirtschaftlichen Methan-Emissionen sind durch die Tierhaltung bedingt, größtenteils durch die Rinder, von denen jedes täglich 60 l Gülle produziert. Die Fütterung von Hochleistungsfutter, vor allem Maissilage, erhöht den Methan-Ausstoß zusätzlich. Lachgas entsteht durch die intensive und künstliche stickstoffhaltige Düngung und Überdüngung des Futtermittelanbaus. Der Stickstoff, der von den Tieren über das Futter aufgenommen wird, kann nur zu etwa 20 bis 30 Prozent in Form von Proteinen in Milch und Fleisch verwertet werden. Der Rest wird über Harn und Kot wieder ausgeschieden. 2012 stammten rund 53 Prozent der gesamten Methan-Emissionen und über 77 Prozent der Lachgas-Emissionen in Deutschland aus der Landwirtschaft.

Der Austrag des verfütterten Stickstoffs in Form von Ammoniak kann auch überregional Umweltwirkungen hervorrufen. Bei der Haltung einer Milchkuh werden jährlich rund 36 kg Ammonium-Stickstoff emittiert. Deswegen trägt die Landwirtschaft mit einem Anteil von etwa 95 Prozent den größten Teil zum Ammoniak-Ausstoß in Deutschland bei. Darüber hinaus hemmen zu hohe Ammoniak-Konzentrationen in der Stallluft das Wachstum der Tiere und können durch die Bildung von Sekundärpartikeln Atemwegserkrankungen auslösen. Dauernd erhöhte NH3-Konzentrationen, wie sie im Nahbereich von Tierhaltungsanlagen auftreten, beeinträchtigen auch die Vitalität empfindlicher Pflanzen und sorgen für eine Überdüngung der Umgebung.

Um die NH3-Emissionen zu verringern, lassen sich mehrere Maßnahmen miteinander kombinieren. Bei der Rindviehhaltung bietet die Abdeckung von offenen Güllelagern sowie die rasche Ableitung der Ausscheidungen im Aufenthaltsbereich eine wirksame Minderung der NH3-Emissionen. Bei der Schweinehaltung können Abluftreinigungsanlagen maßgeblich zur Minderung der NH3-Emissionen beitragen. Umfassende Maßnahmen zur Emissionsminderung für Geruch, Ammoniak und Staub hält die Richtlinie VDI 3894 Blatt 1 bereit.

Die Grenzen des schlechten Geruchs
Die Richtlinie zeigt auch Maßnahmen auf, wie sich die Immissionssituation beeinflussen lässt, zum Beispiel durch die Standortwahl. Gerüche spielen in der Luftreinhaltung nämlich überall dort eine Rolle, wo sich die Wohnbebauung im Einwirkungsbereich der Abluftfahnen von Betrieben oder eben Tierhaltungsanlagen befindet, die Geruchsstoffe ausstoßen. Für Anwohner können sie zu Belästigungen führen und in deren Folge auch zu Beschwerden. Obwohl zum Beispiel Ammoniak oder Schwefelverbindungen in Tierhaltungsanlagen in großen Mengen emittiert werden, so lassen sie sich nicht als Leitsubstanz für Geruchsstoff-Emissionen ausmachen. Es handelt sich dabei nämlich aus ein Gemisch von über 150 verschiedenen Komponenten. Auch wenn diese bekannt sind und ihre Einzelkonzentration bestimmt werden kann, so ist es nicht möglich, daraus eine Geruchswahrnehmung abzuleiten. Der Grund: Geruch ist keine Stoffeigenschaft, sondern eine physiologische Reaktion des Menschen.
Trotzdem lassen sich Gerüche, wie andere luftverunreinigende Stoffe auch, reduzieren. Dazu werden in der Richtlinie VDI 3894 Blatt 1 Maßnahmen aufgeführt, die an verschiedenen Stellen greifen. So kann eine angepasste Fütterung ebenso ihren Beitrag leisten wie eine aufwendige Behandlung der Abluft. Denn auch wenn die Gesetzgebung die Landwirtschaft in vielen Fällen behandelt wie Industrieanlagen, so muss neben Immissionsschutz und Wirtschaftlichkeit stets das Wohl des Tieres im Auge behalten werden.

Schwein ist nicht gleich Schwein
Darüber hinaus bietet die Richtlinie VDI 3894 Blatt 1 umfangreiche Hilfen für Betreiber und Planer von Ställen sowie für Genehmigungsbehörden an, da neben den bereits erwähnten Emissionsminderungsmaßnahmen sogenannte Konventionswerte für Emissionsfaktoren aufgeführt werden. Diese beschreiben, mit welchen Emissionen an Staub, Ammoniak und Geruch pro Tier in Abhängigkeit von Tier- und Haltungsart sowie Größe und Geschlecht zu rechnen ist. Denn beispielsweise ist Schwein nicht gleich Schwein; bei der Schweinemast ist mit anderen Emissionen zu rechnen als bei der Ferkelaufzucht. So können die Beteiligten schon vor der Errichtung oder dem Umbau eines Stalls ermitteln, mit welchen Emissionen zu rechnen ist.
Diese Emissionsfaktoren können dann bei der Anwendung der Richtlinie VDI 3894 Blatt 2 dazu verwendet werden, Abstände zu bestimmen, um die Belästigung von Anwohnern durch Gerüche auf ein vertretbares Maß zu mindern. So können die Verbraucher regionale Produkte genießen, ohne dass ihnen der Genuss verdorben wird.

Das Oberverwaltungsgericht Münster entschied übrigens aktuell zum Thema „Gestank in der Tiermast“, dass üble Gerüche zumutbar seien.

Iris_LindnerAutorin: Iris Lindner
Die Diplom-Ingenieurin (FH) ist für uns in Sachen Berichterstattung rund um die VDI-Richtlinien in den sozialen Netzwerken unterwegs.

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Ein Gedanke zu “Gerüche aus dem Stall

  1. NH3 Emissionen in der Tierhaltung können mit diätetischen Futterzusätzen auf gegen 0 ppm NH3 reduziert werden. Dadurch müssen auch die Tiere nicht die NH3 Emissionen aushalten, bekommen besser Luft, fressen besser und der Gesundheitszustand ist wesentlich besser. Die Kosten für die Futterzusätze betragen nur einen Bruchteil gegenüber einer Filteranlage und werden durch höhere Leistung mehrfach erwirtschaftet.

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