Wiederverwertung bereits in die Wiege legen

Rohstoffe oft recyceln

Unsere Wegwerfgesellschaft durchläuft einen Wandel: Aus alt mach neu ist nicht nur ein Trend, den die Regierung setzt. Wiederverwertung steht auch auf der Wunschliste der Verbraucher.

Bild: worradirek / Shutterstock150817_VDI_RL_702x363-V1-T16

Hand auf’s Herz: Wie sorgfältig trennen Sie Ihren Müll? Werfen Sie leere Batterien zum Beispiel in die dafür vorgesehenen Boxen im Supermarkt? Bringen Sie Flaschen, Behälter aus Weißblech, Flüssigkeitskartons, Blisterverpackungen, Kunststoffflaschen, Plastiktüten und sogar Joghurtbecher zum Recyclinghof? Achten Sie darauf, Produkte zu kaufen, die keine beziehungsweise kaum Umverpackung haben? Also nehmen Sie zum Beispiel lieber lose Äpfel anstelle des verschweißten Sechserpacks, die Sie dann selbstverständlich im mitgebrachten Korb nach Hause transportieren? Wenn Sie nun auch noch Akkus statt Batterien und Pfandflaschen verwenden, dann reduzieren Sie nicht nur Müll, Sie tragen auch dazu bei, dass in Deutschland 64 Prozent des Hausmülls wiederverwertet werden. Nicht viel angesichts der Möglichkeiten, aber ein guter Anfang.

Von der Abfall- zur Kreislaufwirtschaft
Mülldeponien aus den 1960er- und 1970er-Jahren sind mittlerweile wahre Goldgruben. Mülltrennung war damals noch ein Fremdwort und so lagern dort gut konserviert Elektroschrott, Plastik, Glas, Papier und Metallreste. Dieses Erbe der Wegwerfgesellschaft sichert uns womöglich bald unsere Zukunft, denn der Mangel an Rohstoffen lässt bereits jetzt die Preise für gewisse Produkte in die Höhe steigen. Dabei schlummern auf einer einzigen alten Müllhalde je nach Preisentwicklung Rohstoffe im Wert zwischen 25 bis 80 Millionen Euro! Nicht nur auf alten Mülldeponien lagern wertvolle Rohstoffe, die sich durch Rückgewinnung wieder neu nutzen lassen. Metalle wie Kupfer, Blei, Zinn, Zink oder Aluminium wurden über Jahrhunderte verbaut und können es wieder und wieder und wieder. Urban Mining nennt sich dieses Konzept und beschreibt den Gedanken weg von der Abfallwirtschaft hin zur Kreislaufwirtschaft. Urban deshalb, weil vor allem in den Städten vorhandene Rohstoffe wieder in Produktionsprozesse zurückgeführt werden können und nicht teuer importiert werden müssen. Bestes Beispiel: der Abriss eines alten Gebäudes. Wertvolle Stoffe werden nicht als Bauschutt entsorgt, sondern vor Ort getrennt und neu verarbeitet.
Doch dieses Konzept hat auch seine Schattenseiten. So lagern in den Deponien Gifte und Gase wie Asbest, PCB oder Methan, deren Sicherung und Entsorgung aufwendig und kostspielig ist. Auch bei Bau- und Abbruchabfällen entstehen Emissionen, die gemindert werden müssen. Damit wir eines Tages ein „sauberes“ Erbe weitergeben, erfand der Umweltexperte und Chemiker Michael Braungart das Cradle-to-Cradle-Konzept: Jedes Produkt wird so entwickelt, dass es möglichst keine Schadstoffe enthält und nach Gebrauch zu 100 Prozent wieder in neue Kreisläufe geht. Ein Novum ist dieser „Von der Wiege bis zur Wiege“-Gedanke im Grunde nicht, die Notwendigkeit der Umsetzung aber schon bald Gesetz.

Zurück zum Händler statt in die Tonne
Bis vor knapp zehn Jahren landeten kaputte Handys, Kaffeemaschinen, Toaster und so weiter hauptsächlich im Hausmüll. Seit im März 2006 das Elektro- und Elektronikgerätegesetz, kurz ElektroG, in Kraft trat, stehen auf den Wertstoffhöfen mehrere Container bereit, in denen wir Haushaltskleingeräte, Computer und Geräte der Telekommunikation sowie Lampen/Leuchtmittel gebührenfrei entsorgen können. Aktuell wird dieses Gesetz reformiert, mit dem Ziel, Händler zur Rücknahme alter Elektrogeräte zu verpflichten.
Für den Verbraucher ergibt sich so noch eine weitere Möglichkeit bei der Entsorgung von Altgeräten, Elektrokleingeräten und der nachhaltigen Entsorgung von Elektrogeräten.

Schätzungen zufolge fallen in Deutschland rund 23 Kilogramm Elektromüll pro Kopf an. Mit dem neuen Gesetz sollen bis 2016 mindestens 45 Prozent des anfallenden Elektroschrotts erfasst und wenn möglich wiederverwertet werden, bis 2019 soll die Quote auf 65 Prozent steigen. Weil ein Händler aber kein Entsorgungsunternehmen ist, wird dieser Ball wohl den Herstellern zugespielt werden. Und das bedeutet, dass diese in Zukunft ihre Geräte so bauen sollten, dass sie leicht zu demontieren und zu recyceln sind – falls sie das nicht schon längst nach der VDI 2243 gemacht haben.

Am Anfang schon ans Ende denken
Recyclingorientierte Produktentwicklung lautet die Zauberformel, die es erlaubt, so viele Komponenten wie möglich aus dem alten in das neue Produkt fließen zu lassen. Das natürliche Vorkommen wichtiger Elektronik-Rohstoffe wie Seltene Erden, die in LCD-Bildschirmen, Handys, Batterien, Energiesparlampen oder Elektromotoren stecken, wird durch deren Wiederverwendung nicht unnötig ausgeschlachtet. Langfristig reduziert sich auch ihr Preis, was letzten Endes dem Verbraucher zugute kommen kann. Wie aber müssen Produkte entwickelt werden, damit sie sich für einen idealen Kreislaufprozess eignen?
Die Richtlinie VDI 2243 erklärt genau dies und zeigt anhand von Rechenbeispielen, ab wann die stoffliche Verwertung eines Materials auch wirtschaftlich ist. Die ebenfalls darin gegebenen Gestaltungsempfehlungen und Praxishinweise gehen vor allem auf die Materialauswahl und die Demontage ein. Demnach ist ein recyclinggerechtes Produkt modular aufgebaut, die Komponenten und Materialien sind zugänglich und leicht demontierbar, ebenso Kabelbäume und elektrische Netze und die Demontagerichtung sind einheitlich. Dass Schad- und Gefahrenstoffe vermieden werden sollten, versteht sich von selbst, trotzdem müssen alle Materialien eindeutig gekennzeichnet sein. Reduziert werden sollten neben der Materialvielfalt auch Anzahl und Vielfalt der Verbindungselemente. Wer zerstörungsfrei lösbare Verbindungen, möglichst wenige unlösbare Verbindungen sowie Schnapp- statt Schraubverbindungen bereits bei der Konstruktion berücksichtigt, hat im Gedanken schon die Demontage durchlaufen und im Sinne der neuen Gesetzgebung die Verantwortung für die Wiederverwertung der Geräte übernommen.

Also: Sollten Sie zufällig ein defektes Haushaltsgerät besitzen und sich darüber ärgern, dass Sie es wegen fehlender Schraubverbindungen nicht selbst reparieren können: Schimpfen Sie nicht auf den Hersteller, denn es ist gut möglich, dass dies keine böse Absicht, sondern bereits guter Wille war.

Iris_LindnerAutorin: Iris Lindner
Die Diplom-Ingenieurin (FH) ist für uns in Sachen Berichterstattung rund um die VDI-Richtlinien in den sozialen Netzwerken unterwegs.

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6 Gedanken zu “Rohstoffe oft recyceln

  1. Das ist ja alles sehr schön und sicher erforderlich. Nur stehen Obsoleszenz und Kurzlebigkeit vieler Produkte konträr im Widerspruch hierzu. Z.B. lassen sich bei älteren Geräten die Gehäuse öffnen und Reparaturen ausführen, bei fast allen neuen Geräten ist dies nicht mehr oder nur sehr schwer möglich.

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