Warum Frauenstudiengänge ein Mittel sind, verkrustete Rollenbilder aufzubrechen

„Und Sie als Frau, haben Sie das jetzt auch verstanden?“

Wir schreiben das 21. Jahrhundert, Männer und Frauen sind in Deutschland theoretisch schon lange gleichgestellt. Mädchen haben gleichberechtigten Zugang zu Schule und Universität, wobei sie in Bezug auf ihre schulischen Leistungen die Jungen schon längst überholt haben. Trotzdem sind Frauen in technischen Studiengängen und Berufen unterrepräsentiert. Laut Statistischem Bundesamt sind beispielsweise nur 11% der Studienanfänger im Fach Elektrotechnik weiblich.

Generell scheint das Thema Frauen und Mädchen in der Technik sehr vorurteilsbehaftet zu sein. Frauen werden nach wie vor von der Gesellschaft in bestimmte Rollen gesteckt und bereits in ihren Familien geschlechtsspezifisch sozialisiert. Die Beschäftigung mit Technik gehört tendenziell nicht zu dem weiblichen Rollenbild. Später ergreifen dann die „puppenspielenden rosa Prinzessinnen“ eher „frauentypische“ Berufe, wohingegen die „autospielenden Jungen“ Maschinenbau oder Elektrotechnik studieren. Statistisch gesehen verdienen Frauen in Deutschland immer noch weniger als Männer, was auch mit den schlechter bezahlten „frauentypischen“ Berufen zusammenhängt.

Da in Deutschland vor allem im MINT-Bereich händeringend Nachwuchs gesucht wird und den deutschen Unternehmen die Ingenieure ausgehen, ist die Situation schon lange nicht mehr nur ein Problem der Geschlechtergleichberechtigung, sondern auch ein wirtschaftliches.

Neben verschiedenen Initiativen wie dem bundesweiten „Girls‘ Day“ oder „Komm mach MINT“  stellen sogenannte Frauenstudiengänge eine mögliche Lösung für die Geschlechtermisere in den Ingenieurwissenschaften dar. Nach dem Vorbild amerikanischer „Women’s Colleges“ werden seit den 90er Jahren auch an deutschen Hochschulen solche monoedukativen Studiengänge eingerichtet, so beispielsweise in Berlin, Bremen, Furtwangen, Stralsund oder Wilhelmshaven. Ziel dieser Studiengänge ist es, Frauen die Berührungsängste vor Technik zu nehmen, indem in kleinen Frauenlerngruppen die spezifischen Stärken und Interessen gefördert werden können, ganz ohne männliche Kommilitonen.

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Spezielle Frauenstudiengänge in den Ingenieurwissenschaften könnten Abhilfe für den Mangel an Ingenieurinnen schaffen.(Foto: Rodigast)

Auch an der Ernst-Abbe-Hochschule Jena wird es ab dem Wintersemester 2015/16 am Fachbereich Elektrotechnik/Informationstechnik einen Frauenstudiengang geben, der neben einer zweisemestrigen monoedukativen Studieneingangsphase ein umfassendes Mentoring durch Absolventinnen und Studentinnen höheren Fachsemesters bietet. Nach zwei Semestern werden die Studiengruppen gemischt, sodass ab dem 3. Semester und im anschließenden Vertiefungsstudium gemeinsam mit den Männern studiert wird. Zusätzlich können interdisziplinäre Studienschwerpunkte in Interkultureller Kommunikation oder BWL gewählt werden. Die leistungsstarke lokale Industrie und die angesehenen Forschungseinrichtungen im Raum Jena bieten vielfältige Möglichkeiten, das erworbene Wissen im Rahmen des Industriepraktikums anzuwenden und nach dem Studium in den Beruf einzusteigen.

Diplom-Ingenieurin Elke Bartmann-Fischer, die an der Ernst-Abbe-Hochschule als Laboringenieurin die Praktika der elektrotechnischen Grundlagenausbildung betreut, begrüßt dieses Experiment: „Als ich mich 1993 für das Elektrotechnikstudium entschieden habe, war das für mich ein Sprung ins kalte Wasser. Ich hatte zwar vorher eine Ausbildung zur physikalisch-technischen Assistentin absolviert, aber ich war keine vorgebildete Technikbastlerin, wie man das meistens von Männern erwartet, die sich für ein solches Studium entscheiden.“ Probleme hatte sie als einzige Frau in ihrem Jahrgang trotzdem nicht. Sie passte sich in ihrer Art und Weise zu kommunizieren einfach den Männern an. „Eine beste Freundin hätte ich mir im Studium aber schon gewünscht, da ich einige Themen mit Männern nicht teilen konnte.“ Den gängigen Vorurteilen begegnete sie in ihrem Studium selten. Nur einmal habe ein ehemaliger Lehrbeauftragter in einer Vorlesung sie direkt angesprochen: „Und Sie als Frau, haben Sie das jetzt auch verstanden?“

Je mehr Ingenieurinnen es gibt, desto schneller können solche verkrusteten Rollenbilder aufgebrochen werden. Der Weg dahin könnte beispielsweise über ein Ingenieurinnenstudium in Jena führen.

Nähere Informationen zum Frauenstudiengang Elektrotechnik/Informationstechnik

Bild: Sophie ReimerBartmann-FischerInterviewpartnerin: Elke Bartmann-Fischer (links, hier mit dem Studenten Alex Dörrheim am Gerät FPGA-Entwicklungsboard) ist Laboringenieurin am Fachbereich Elektrotechnik und Informationstechnik (Foto: Sophie Reimer)

Kommentare & Pingbacks

4 Gedanken zu “„Und Sie als Frau, haben Sie das jetzt auch verstanden?“

  1. Im Prinzp finde ich all diese Anstrengungen und Ideen das Interesse der Frauen für MINT-Fächer zu wecken wirklich gut. Allerdings kann das ganze auch schnell nach Hinten losgehen. Ich hatte auf meinem bisherigen Berufsweg glücklicherweise sehr selten mit Vorurteilen zu kämpfen. Aber Frauenstudiengänge und die Frauenquote können gerade diese auch fördern. Ich jedenfalls möchte es aus eigenen Kräften und durch mein Können schaffen und will nicht als „Quotenfrau“ gesehen werden.

  2. Dem kann ich nur zustimmen. Die Entscheidungshilfe und das Heranführen an technische Studiengänge sollte früher erfolgen. Viele meiner Schulfreundinnen waren genau wie ich gut in Mathematik und Physik, aber hätten dennoch nie in Betracht gezogen Maschinenbau zu studieren. Bei mir wurde das Interesse durch den Vater einer Freundin geweckt. Nach dem Abi absolvierte ich dann ein Studienvorbereitungs Jahr namens Pro Technicale, bei dem ich über den Zeitraum von einem Jahr einen Einblick in technische Berufe erhielt. Das Programm absolvierte ich zusammen mit 13 anderen Mädchen aus ganz Deutschland, die Förderung War sehr individuell. Das hat gut getan, auch mal Mädchen kennenzulernen, die sich ebenfalls für Technik interessieren. Dennoch wollte ich nie einen reinen Frauenstudiengang studieren. Ich möchte ja auch später in meinem Beruf ernst genommen werden und auch dort muss ich mit dem Männrrüberschuss zurecht kommen und mich behaupten. Darüber hinaus habe ich bis jetzt absolut positive Erfahrungen gemacht. Ich wurde von meinen Kommilitonen nicht ein einziges Mal gefragt, warum ich als Frau mich jetzt grade für den Studiengang Maschinenbau entschieden habe. Auch nicht von den Profs. Und ich habe auch schon sehr nette Mädchen in meinem Studiengang kennengelernt!

    Also die richtige Förderung sollte die Angst vor dem noch leicht vorherrschenden Männrrüberschuss nehmen und das Interesse wecken, da viele Mädchen sich nicht wirklich etwas unter dem Ingenieursberuf vorstellen können. Anschließen sollte meiner Meinung nach jedoch ein ganz normales Studium erfolgen, die Frauen müssen nicht in Watte gepackt werden.

  3. Hallo und vielen Dank für diesen Beitrag über so ein wichtiges Thema. Meine Tochter ist bald mit ihrem Abitur fertig und möchte danach Elektrotechnik studieren. Ich finde das total toll, und bin mir ganz sicher dass sie eine tolle Karriere haben wird. Erfahrungsberichte und Geschichten von anderen Ingenieurinnen freuen sie immer, und ich werde auch diesen Artikel mit ihr teilen. Viele Grüße, Sophie

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