Interview zum Senior Experten Service (SES)

Ingenieure geben Hilfe zur Selbsthilfe – weltweit

Sie haben das Wissen, sind aber nicht mehr aktiv im Arbeitsleben. Warum das wertvolle Know-how von Rentnern brachliegen lassen? Der Senior Experten Service (SES) entsendet Experten im Ruhestand ins In- und Ausland. Sie fördern mit ihren Kenntnissen und ihrer Erfahrung die Aus- und Weiterbildung von Fach- und Führungskräften. Zu den vom SES vermittelten Experten zählen besonders viele Ingenieure.Der VDI unterstützt das Projekt mit dem Ziel, Hilfe zur Selbsthilfe zu leisten. Wir haben bei Bettina Hartmann, Mitglied der SES-Geschäftsleitung und Leiterin der Abteilung Experten, nachgefragt.

Bild: Senior Experten Service SES(Bild: Senior Experten Service SES)

(Bild: Senior Experten Service SES)

Frau Hartmann, stellen Sie doch bitte kurz den SES vor.
Hinter dem SES stehen das Fachwissen und die Berufserfahrung von fast 12.000 Senior Experten aus allen Branchen und Berufsgruppen. Das macht uns zu einer der größten Organisationen unserer Art. Unsere Aufgabe ist es, das Know-how der Generation Ruhestand weiterwirken zu lassen. Im Ausland – und dort vor allem in Entwicklungs- und Schwellenländern – unterstützen wir zum Beispiel kleine und mittlere Unternehmen oder Einrichtungen der Berufsbildung. In Deutschland setzen wir uns insbesondere für die junge Generation ein, so etwa mit unserer Initiative VerA zur Verhinderung von Ausbildungsabbrüchen – einem bundesweit sehr erfolgreichen Mentorenprogramm. Drei Dinge sind hervorzuheben: Alle unsere Einsätze folgen dem Prinzip der Hilfe zur Selbsthilfe, sie finden ehrenamtlich statt, und sie kommen immer auf ausdrücklichen Wunsch des Nutznießers oder Auftraggebers zustande. Darin liegt ein Schlüssel zu unserem Erfolg.

Bild: privat Bettina Hartmann (Bild: privat)

Bettina Hartmann (Bild: privat)

Ingenieurkunst „Made in Germany“ ist seit Jahrzehnten ein Qualitätsmerkmal. Die hervorragende Ingenieurausbildung und die Erfahrung der deutschen Ingenieure machen sie zu gefragten Experten. Was können deutsche Ingenieure im Ausland besser als andere?
Auch wir profitieren davon, dass der deutsche Ingenieur einen weltweit ausgezeichneten Ruf genießt. German engineering: Dieses Stichwort fällt in vielen der Einsatzanfragen, die wir erhalten. Die Rückmeldungen unserer Auftraggeber zeigen uns, es sind die Gründlichkeit der Überlegung und die Methodik der Problemlösung, die ganz besonders geschätzt werden. Auch wird immer wieder hervorgehoben, dass sich ‚unsere‘ Ingenieure nicht allein auf das technische Feld ihrer Tätigkeit beschränken, sondern gelernt haben zu entwickeln und ganzheitlich zu denken. Wir können uns glücklich schätzen, dass wir in unserem Expertenpool auffallend viele Ingenieure haben. Tatsächlich ist der Ingenieur neben dem Handwerksmeister der ‚klassische‘ Senior Experte.

Wohin vermittelt der SES Ingenieure im Ruhestand? Gibt es Länder, die besonders auf die Hilfe angewiesen sind?
Der SES ist jedes Jahr in mehr als 90 Ländern tätig. Grundsätzlich kann eine Einsatzanfrage nach einem Ingenieur von überall herkommen. Besonders hoch ist die Nachfrage nach Ingenieurwissen derzeit in den osteuropäischen Ländern und Indien, aber auch im Raum Nordafrika und Nahost. In die Länder dieser Region fließt viel SES-Wissen – auch das Wissen unserer Ingenieure – in die Verbesserung der beruflichen Ausbildung oder in die Lehrplanentwicklung.

Welches Projekt ist Ihnen besonders in Erinnerung geblieben?
Eines von vielen auffallenden Projekte der letzten Zeit ist die Zusammenarbeit mit einem Ausbildungsinstitut in Peru. Dieses Institut setzt auf Bildung erster Güteklasse und bringt ganz gezielt technische Fragestellungen auf den Lehrplan, zum Beispiel aus dem Bereich der Automatisierungstechnik. Unsere Experten unterstützen die Dozenten dabei, den Unterricht fachlich anspruchsvoll und interessant zu gestalten, so dass die Inhalte die Lernenden auch erreichen. Bildung ist der Schlüssel zur Entwicklung nicht nur, aber sicher besonders in den ärmeren Ländern dieser Welt. Gut ausgebildete Fachkräfte oder Ingenieure können in ihrem Heimatland einiges bewegen. Sie haben gute Karten auf dem Arbeitsmarkt, und sie generieren Einkommen, die wieder in den
Wirtschaftskreislauf fließen. Auch für die deutsche Wirtschaft ist Know-how vor Ort bedeutsam, denn Anlagen – zum Beispiel aus deutscher Produktion – werden nur dann erworben, mit Erfolg betrieben und im Bedarfsfall erweitert, wenn das Personal für ihre Bedienung qualifiziert ist.

Bild: Senior Experten Service SES(Bild: Senior Experten Service SES)

(Bild: Senior Experten Service SES)

Wissen die Ingenieure und der SES wie es mit den Projekten vor Ort weitergeht?
In einem großen Teil der Fälle: ja. Vielfach bleibt die Verbindung zwischen dem ausländischen Auftraggeber und dem Senior Experten für längere Zeit nach dem eigentlichen Einsatz bestehen. Da werden Informationen ausgetauscht, Zeichnungen übermittelt, Hilfestellung per E-Mail oder Skype gegeben. Auch helfen unsere Experten nicht selten, wenn der Auftraggeber eine deutsche Firma oder eine Fachmesse auf bundesdeutschem Boden besuchen will.
Zudem ist es bei vielen unserer Einsätze nicht mit nur einem Besuch getan. Etwa ein Viertel aller SES-Einsätze sind Folgeeinsätze, bei denen unsere Experten genau sehen, was aus ihren Ratschlägen geworden ist und eine Entwicklung intensiv begleiten können. Dabei ist allerdings zu betonen, dass die Verantwortung für die Umsetzung der Expertenratschläge immer bei unserem Einsatzpartner, dem Auftraggeber, liegt. Auf Augenhöhe miteinander umzugehen, bedeutet auch, dass unsere Partner ihre unternehmerischen Entscheidungen eigenverantwortlich treffen.

Wie suchen Sie die zu vermittelnden Experten aus? Wer kann sich als Experte zur Verfügung stellen?
Der SES sucht Experten aus fast allen Fachgebieten. Unter den Ingenieuren suchen wir vor allem Maschinenbau- und Elektroingenieure, Spezialisten für Automatisierungsprozesse und regenerative Energien, aber auch Fachleute für Steuerungstechnik und Fahrzeugbau. Über die jeweiligen Einsatzchancen entscheiden neben der Nachfrage, die fachliche Kompetenz und – zumindest im Ausland – auch die Fremdsprachenkenntnisse. Experten, die nicht nur Englisch, sondern auch Französisch oder vielleicht sogar Spanisch oder Portugiesisch sprechen, sind besonders gesucht. Selbstverständlich können unsere Experten auch angeben, in welche Länder sie besonders gerne oder eben gar nicht reisen möchten.

Cathrin Becker_2Das Interview führte: Cathrin Becker
Position beim VDI: Pressereferentin
Aufgaben beim VDI: Presse- und Öffentlichkeitsarbeit, interne Kommunikation

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Ein Gedanke zu “Ingenieure geben Hilfe zur Selbsthilfe – weltweit

  1. Meine Mutter ist in der Altenbetreuung. Sie meinte, dass sie noch einmal den Umgang mit PCs lernen möchte. Nun kann sie schon ihre eigene Webseite erstellen. Ich weiß nicht wohin das noch führt.

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