Beitragsreihe zur Digitalisierung der Arbeit

Industrie 4.0 – Neue Jobs und Arbeitsprofile

Prof. Dr.-Ing. Wilhelm Bauer ist Leiter des Fraunhofer-Instituts für Arbeitswirtschaft und Organisation IAO in Stuttgart. Der renommierte Arbeitswissenschaftler forscht zum Thema Digitalisierung der Arbeit. Wir haben ihn im Vorfeld unserer Politik-Veranstaltung „Digitale (R)evolution – Wie gestalten wir die Arbeit der Zukunft?“ zum Thema „Arbeitenviernull“ befragt.

Bild: Fraunhofer IAOBauer Wilhelm WHB-3941_hochWie wird sich die Arbeitswelt in den kommenden Jahren durch Industrie 4.0 verändern?
Unter dem Begriff »Industrie 4.0« wird aktuell die zunehmende Digitalisierung des Produktionsumfelds diskutiert. Neben einer erwarteten Produktivitätssteigerung steht für die Unternehmen in Deutschland allem voran die Möglichkeit im Vordergrund, Produktions- und Unternehmensprozesse flexibel und reaktionsfähig zu gestalten. Durch die Nutzung von Internettechnologien, Social Media und mobilen Endgeräten wird es zukünftig wie niemals zuvor möglich, die Mitarbeiter mit den richtigen Informationen zum richtigen Zeitpunkt zu versorgen, bessere Entscheidungen sicherzustellen, aber auch individuelle Bedürfnisse zu berücksichtigen. In einer zunehmend digitalisierten Welt wird vor allem der Umgang mit dem Thema flexible Arbeitszeitgestaltung eine entscheidende Rolle spielen.

Was müssen Bundesregierung und Unternehmen aus Ihrer Sicht noch tun, damit Industrie 4.0 in Deutschland erfolgreich umgesetzt werden kann?
Viele Unternehmen in Deutschland treten dem Thema Industrie 4.0 sehr abwartend gegenüber. Ein Grund hierfür ist, dass heutige Produktionsprozesse den Marktanforderungen meist gerecht werden und gleichzeitig der initiale Aufwand hin zu einer „Fabrik der Zukunft“ für viele Unternehmen eine Hürde darstellt. Hier müssen die Unternehmen aus meiner Sicht umdenken. Sie müssen schneller werden, eigene Erfahrungen mit Industrie 4.0 sammeln und mehr Ideen von außen (z.B. von Hochschulen oder Start-ups) aufnehmen.
Die Bundesregierung zeigt durch das Interesse und die Förderung gerade auch des Mittelstands in dieser Themenstellung bereits eine hohe Unterstützung. Vor allem ist es wichtig, die Diskussionen weiterhin zu führen und auf die Umsetzungsebene zu kommen. Wenn weitere Anreize zur Erforschung und Erprobung von Industrie 4.0 geschaffen werden, können auch Unternehmen ohne Erfahrungen und Verständnis an dieses Themenfeld herangeführt werden.

Welche Rolle haben die Ingenieurinnen und Ingenieuren beim digitalen Wandel? Brauchen Ingenieure neue Qualifikationen?
Die Ingenieurinnen und Ingenieure leisten mit den MINT-Berufen einen wichtigen Beitrag bei der Entwicklung von passenden Ansätzen und der Umsetzung von Industrie 4.0-Lösungen in den Unternehmen. Ich erwarte, dass der Trend der Interdisziplinarität anhält. Damit meine ich, dass alle Ingenieure sich zukünftig neben ihrer Kernspezialisierung mit anderen Technologien und fachgebietsübergreifend mit Themen beschäftigen müssen. Denn nur wenn alle Fachbereiche gut zusammenarbeiten und sich verstehen, ist der Nutzen von Industrie 4.0 maximal.

Müssen Teile der Beschäftigten befürchten, in Zukunft durch Maschinen ersetzt zu werden?
Industrie 4.0 ist ein Zukunftsthema mit dem Ziel, durch mehr Produktivität und Flexibilität den Produktionsstandort Deutschland zu sichern und auszubauen. Einfache oder unergonomische Tätigkeiten mit einem hohen Wiederholungsgrad werden daher zukünftig zunehmend automatisiert werden, so es technologisch und wirtschaftlich möglich ist. Diese Entwicklung ist nicht neu, sondern zieht sich durch alle industriellen Entwicklungen wie ein roter Faden. Was die Geschichte auch zeigt: Jede Stufe der Optimierung hat ein Wachstum und in der Folge weitere Arbeitsplätze mit sich gebracht. Ich bin daher davon überzeugt, dass die Arbeitsmarktbilanz durch Industrie 4.0 positiv aussehen wird und neue Jobs und Arbeitsprofile entstehen werden. Die Frage für mich ist vielmehr, wie sieht gute Arbeit überhaupt aus? Wo werden wir zukünftig Bedarf haben und wie können wir unsere Mitarbeiter und die Menschen in der Ausbildung hierfür qualifizieren? Dieser Aufgabe müssen wir uns gemeinsam mit Politik, Wirtschaft, Ausbildung und Forschung widmen.

Wordcloud Industrie 4.0 - Politikveranstaltung - Arbeitenviernull

Veranstaltungshinweis
Am 24. November wollen wir im Rahmen unserer Politikveranstaltung „Digitale (R)evolution – Wie gestalten wir die Arbeit der Zukunft?“ in Berlin mit Vertretern aus Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Gewerkschaften über diese Fragen – Einfluss der Digitalisierung auf Arbeitsmarkt, -inhalte, Ausbildung und Qualifikationsanforderungen – diskutieren. Weitere Informationen erhaltet Ihr unter http://www.vdi.de/arbeitenviernull. Diskutiert auf Twitter live mit auf @VDI_Politik oder unter #Arbeitenviernull.

Stephan Berends_2_qDas Interview führte: Stephan Berends
Position im VDI: Pressereferent
Aufgaben im VDI: Presse- und Öffentlichkeitsarbeit

 

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