Interview mit Frank Piller, RWTH Aachen

Das wolltet Ihr schon immer über Industrie 4.0 wissen

Industrie 4.0 wird Produktion, Geschäftsmodelle und Märkte wesentlich verändern, wenn nicht sogar revolutionieren. Was bedeutet das konkret für Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter? Welche Qualifikationen müssen sie künftig mitbringen, um in der digitalen Wirtschaft zu bestehen? Das haben wir Prof. Dr. Frank T. Piller, Inhaber des Lehrstuhls für Technologie- und Innovationsmanagement an der RWTH Aachen, gefragt.

Industriehaus_4.0

Erleben wir mit Industrie 4.0 die 4. industrielle Revolution?
Die Veränderungen durch die neuen technischen Möglichkeiten der Digitalisierung werden sich wohl eher evolutionär als drastisch revolutionär entwickeln. Der Begriff der „Industriellen Revolution“ ist gut geeignet, bei vielen Unternehmen das notwendige Bewusstsein für den anstehenden Wandel zu schaffen. In der Masse der Industrieunternehmen und insbesondere im Mittelstand wird aber nicht von heute auf morgen alles anders. Dafür fehlen an vielen Stellen noch die Voraussetzungen. Umgekehrt wäre es absolut falsch, sich gar nicht mit diesen Veränderungen zu beschäftigen. Im Gegenteil, eine frühzeitige, aber systematische Entwicklung einer Digitalstrategie kann erhebliche Wettbewerbsvorteile bringen.

In welchen Unternehmensbereichen werden wir am ehesten Veränderungen wahrnehmen?
Die Veränderungen sind schon jetzt wahrnehmbar, insbesondere in den klassischen Bereichen zur Effizienzsteigerung, also Logistik, Lagerhaltung und Produktion. Hier gibt es mittlerweile eine Reihe von Konzepten zur Optimierung durch Erfassung von Daten und deren schnelle, automatisierte Auswertung.
Spannend wird es, insbesondere aus unserer Sicht, wenn wir in den Bereich der Dienstleistungen, also Smart Services kommen, die ein physisches Produkt intelligent digital ergänzen, und so einen Mehrwert bieten, für den ein Kunde bereit ist, zu zahlen. Dazu zählen Konzepte wie das inzwischen sehr bekannte „Predictive Maintenance“, also die Fernwartung, die Probleme erkennt, bevor sie zum Ausfall etwa einer Maschine führen. Am RWTH Campus haben wir mit dem FIR jüngst ein eigenes „Center Smart Services“ gegründet, in dem wir die Entwicklung solcher Services und ihrer Voraussetzungen gemeinsam mit Unternehmen erforschen und umsetzen wollen.

Die Qualifikation von Mitarbeitern ist ein weiterer Schlüssel zum Erfolg. Wie sollten Unternehmen sich darauf vorbereiten?
Ja, es wird sicher notwendig, Mitarbeiter auf die veränderten Anforderungen durch Vernetzung und Automation vorzubereiten. Andererseits werden insbesondere Qualifikationen hoch relevant, die sich mit dem Sammeln, Analysieren und Interpretieren von Daten beschäftigen. In vielen Unternehmen sind diese Fähigkeiten – und häufig auch das Bewusstsein für die Notwendigkeit – aber bisher nicht vorhanden. Gleichzeitig bieten sich hier auch neue Geschäftsmodelle rund um die Ermittlung von Anforderungsprofilen und neue Aus- und Weiterbildungsformen die es ermöglichen, Mitarbeiter „on the Job“ und laufend auf die technologische Entwicklung vorzubereiten.

Warum beteiligen Sie sich bei der „4. VDI-Tagung Industrie 4.0“ im Januar?
Wir beschäftigen uns in unserer Arbeit besonders mit dem Aspekt neuer Geschäftsmodelle und Strategien, die sich aus den Veränderungen der Industrie 4.0 ergeben. Während Effizienzsteigerung durch digitale Prozessoptimierung und Automatisierung der Produktion bei vielen Unternehmen schon umgesetzt werden, fehlt es häufig noch an dem Bewusstsein für die Notwendigkeit einerseits und die Chancen andererseits, die sich aus der systematischen Entwicklung neuer Geschäftsmodelle für Industrie 4.0 ergeben. Wir möchten dazu beitragen, dieses Bewusstsein zu wecken und Wege aufzuzeigen, wie solche Geschäftsmodelle entwickelt und implementiert werden können.

Die „4. VDI-Fachtagung Industrie 4.0“ findet am 27.-28. Januar 2016 in Düsseldorf statt. Weitere Informationen unter www.vdi.de/industrie40_tagung

Bild: privatshow_pictureZur Person: Nach der Abgabe seiner Habilitationsschrift (2004) war Prof. Dr. Frank Piller als Research Fellow an der MIT Sloan School of Management, Massachusetts Institute of Technology, Cambridge, USA, tätig. Seit März 2007 ist er Lehrstuhlinhaber für Betriebswirtschaftslehre, insbesondere Technologie- und Innovationsmanagement (TIM), an der RWTH Aachen.

 

 

 

Bild: VDI15c051-64Das Interview führte: Anna Lüning, Leiterin Online Marketing in der VDI Wissensforum GmbH.

Kommentare & Pingbacks

3 Gedanken zu “Das wolltet Ihr schon immer über Industrie 4.0 wissen

  1. Wir alle sollten mit dem Stichwort „Mitarbeiter auf die veränderten Anforderungen durch Vernetzung und Automation vorzubereiten“ nicht naiv- technokratisch umgehen: Dabei hilft eine Durchsicht der McKinsey- Studie (McKinsey Quarterly) vom November 2015 “
    Four fundamentals of workplace automation“. Darin heißt es kurz und bündig (Zitat): „The bottom line is that 45 percent of work activities could be automated using already demonstrated technology. If the technologies that process and “understand” natural language were to reach the median level of human performance, an additional 13 percent of work activities in the US economy could be automated.“ McKinsey hat dazu 735 Berufe aus über 20 US- Branchen analysiert, die nach Stundenlohn vs. Automationsgrad visuell aufbereitet unter „https://public.tableau.com/profile/mckinsey.analytics#!/vizhome/AutomationandUSjobs/Technicalpotentialforautomation“ interaktiv abrufbar sind. Und – oh Wunder: Am meisten verdienen Chefärzte, Manager, Topjuristen und Toparchitekten, die natürlich nicht durch Automation und Künstliche Intelligenz ablösbar sind; aber in der Produktion und vielen anderen Branchen wird das digitale „Auskehren“ mehr als eine theoretische Möglichkeit sein. Wie vor 40 Jahren schon von unverdächtigen DenkerInnen wie Hannah Arendt und Norbert Wiener (!) vermutet: Digitale Revolution und Wachstum bleiben die Arbeit schuldig- und die meisten von uns werden die Dummen sein, nicht nur in den USA.

  2. Versuchen Sie doch `mal einen Professor zu finden, der sich in der Praxis bewährt hat,
    also weiß wovon er eigentlich redet!
    TIM ist zwar ganz nett, riecht aber wiederum
    sehr nach „Methodenkompetenz“ und nicht nach
    „Fachkompetenz“. Prof.(em)Dr. R. Vetter, VDI

  3. Vielen Dank für diesen interessanten Artikel. Da wir einiges an Veränderung auf uns zu kommen. Das verspricht noch interessant zu werden. Deswegen ist es sehr wichtig sich immer weiterzubilden.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.


*