3-D-Drucker und 3-D-Scanner: Braucht die Maker-Szene mehr?

Ich druck‘ mir die Welt, wie es mir gefällt (Teil 1)

Über 3-D-Drucker, oder wie die Experten sagen, über „additive Fertigungsanlagen für den Heimgebrauch, die nach dem Extrusionsverfahren FDM arbeiten“, stolpert man mit ein bisschen Technikinteresse fast an jeder Ecke: In Elektronik-Fachgeschäften kann man sie kaufen, im Zeitschriftenregal findet man Tests davon, und mit ein bisschen Glück gibt’s in der eigenen Stadt eine Maker-Community, die nicht nur 3-D-Drucker in der Werkstatt stehen hat, sondern alles andere auch, was man sonst noch zum Basteln braucht. Kann also jeder alles ohne Limits drucken, wie es die Überschrift in Anlehnung an den Titelsong der „Pippi Langstrumpf“-Verfilmungen nahelegt?

Bild: Stefano Tinti / Shutterstock.comIch druck‘ mir die Welt, wie es mir gefällt (Teil 1)_702x363px-V1

Als Kinder haben wir schnell verstanden, dass Pippi Langstrumpf’s Problemlösungsstrategien zwar sehr fantasievoll, aber in unserer realen Welt nicht wirklich umsetzbar sind. Insofern passt der Titel dieses Artikels, denn wir wollen aufzeigen, wo es beim grenzenlosen Drucken hakt. Heute gehen wir auf die eigene Sicherheit und rechtliche Fragen ein. Nächste Woche kommt in Teil 2 noch die Erkenntnis hinzu, dass nicht alles druckbar ist, was vorstellbar ist.

Gebrauchsartikel
Haben Sie auch schon Turnschuhe aus dem 3-D-Drucker gesehen? In einem Fachartikel? Oder sogar „live“ in der Vitrine auf einer Messe? Warum konnte man die nicht anfassen oder gar anprobieren? Die Antwort ist einfach: Die Teile sehen aus wie ein Turnschuh, sind aber keiner. Wahrscheinlich sind die Dinger hart wie Brett, und wenn man damit Gehversuche unternehmen würde, würden sie sehr schnell kaputt gehen. In der Vitrine stehen Prototypen, mit denen man das Design oder die Farbgebung bewerten kann, aber keine echten Schuhe! Was bedeutet das für die eigenen Teile aus dem 3-D-Drucker? Wenn das Ersatzteile für irgendetwas sein sollen, das kaputt gegangen ist, dann heißt das nicht, dass sie stabil genug sind, um das alte Bauteil zu ersetzen.

Bekleidung, Spielzeug und Behälter für Lebensmittel
Bekleidung hat direkten Kontakt mit der Haut, Spielzeug wird von Kleinkindern in den Mund genommen und Lebensmittel enthalten beispielsweise Fette und Säuren, die mit Kunststoffen reagieren können. So hat sich für jedes dieser Anwendungsfelder ein umfangreiches Netzwerk Vorschriften, Empfehlungen und Erfahrungswerten entwickelt, um Schaden von den Verbrauchern abzuwenden. Und regelmäßig sorgen neue Erkenntnisse dafür, dass das das Regelwerk weiter verfeinert wird. Und nun die Frage an den Heimdruckerbetreiber: Wissen Sie von welchem Hersteller der Draht für Ihren 3-D-Drucker ist? Liegt Ihnen ein Datenblatt vor, das alle Inhaltsstoffe aufführt? Wenn ja, wissen Sie, wie die Angaben zu bewerten sind? Gibt der Hersteller explizit an, dass der Werkstoff für die geplante Anwendung geeignet ist? Wahrscheinlich nicht. Sie sollte beim „Selbstgedruckten“ dieselben Maßstäbe anlegen, die Sie als Verbraucher selbstverständlich an Handelsware stellen:
Der Hersteller muss sicherstellen, dass die Produkte für den spezifizierten Verwendungszweck sicher sind. Und bei 3-D-Druck zu Hause sind Sie der Hersteller!

Recht
Jetzt könnten Sie sagen: Wieso bin ich der Hersteller? Ich habe mir die CAD-Datei doch aus dem Internet gezogen. Ein interessanter Einwand. Ein sehr interessanter Einwand sogar. Nachdem wir das Thema „Additive Fertigungsverfahren und Recht“ im Statusreport „Additive Fertigungsverfahren“ im September 2014 erstmalig auf den Tisch gebracht haben, haben wir rund ein Dutzend Fragen erarbeitet, die sich durch den weitgehend digitalen Fertigungsprozess, die mögliche starke Arbeitsteilung und die denkbare Einbindung der Endkunden in die gewerbliche Produktion ergeben. Und wir haben diese Fragen mit Juristen diskutiert. Das Ergebnis ist spannend, denn zu vielen Fragen gibt es keine einfachen Antworten. Den aktuellen Stand der Diskussion haben wir in der Publikation „Handlungsfelder – Rechtliche Aspekte der additiven Fertigungsverfahren“ www.vdi.de/HandlungsfelderAM zusammengefasst.

Bei dieser Publikation belassen wir es nicht: Juristen und Ingenieure haben am 8. März 2016 zusammen ein neue Arbeitsgruppe gebildet, um Empfehlungen für mehr Rechtssicherheit bei der Nutzung der additiven Fertigungsverfahren im industriellen Umfeld zu erarbeiten. Wir können gespannt sein, was die Ergebnisse des FA 105.5 „Rechtliche Aspekte der additiven Fertigungsverfahren“ in der VDI-Gesellschaft „Produktion und Logistik“ sein werden.

Erik MarquardtAutor: Dr. Erik Marquardt
Aufgabe im VDI: Wissenschaftlicher Mitarbeiter in der VDI/VDE-Gesellschaft Mess- und Automatisierungstechnik, Fachbereich Optische Technologien

 

 

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