Legionellenausbruch in Bremen

Muss das noch passieren?

Bereits im November 2015 gab es in Bremen einen Legionellenausbruch, dessen Quelle vermutlich eine Verdunstungskühlanlage war. Seit dem 17. Februar 2016 liegen nun im Bremer Westen wieder Erkrankungsfälle vor. Derzeit sind ca. 17 Menschen erkrankt, ein Mensch ist bereits an den Folgen einer Legionellen-Pneumonie verstorben.

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Wie kann es dazu kommen?
Auch wenn alle Welt – gerade bei kalter Witterung – eher daran denkt, Energie einzusparen, gibt es doch immer Prozesse, bei denen Abwärme entsteht, Wärme, die man loswerden muss. Rechenzentren, beispielsweise von Mobilfunk- und Telefonnetzbetreibern, Lebensmittel verarbeitende Betriebe, Gießereien, … Man könnte die Liste fast endlos fortsetzen. Kein Wunder also, dass in Deutschland geschätzt rund 60.000 Verdunstungskühlanlagen stehen. Verdunstungskälte ist attraktiv, denn man erzeugt Kälte durch das verdunsten einer umweltfreundlichen, preiswerten und hierzulande überall verfügbaren Chemikalie: Wasser.

Wasser ist die Basis allen Lebens – auch des bakteriellen.
Um Kälte durch Verdunstung zu erzeugen, bringt man das Wasser fein verteilt in Kontakt mit einem Luftzug. Neben der Kühlung wird dabei aber auch die Luft gewaschen. Wo bleibt der Staub aus der Luft? Der findet sich hinterher in hoher Konzentration im umlaufenden Kühlwasser.
Das bedeutet: Man hat warmes Wasser, das jede Menge Nährstoffe für Bakterien enthält. Nun reicht eine minimale Konzentration von Bakterien, die sich in der warmen Brühe schnell vermehren, um binnen kurzer Zeit eine hohe Keimkonzentation im Kühlwasser zu erzeugen. Solange dieses Wasser nicht als feiner Sprühnebel verteilt wird, ist das unproblematisch. Wenn jedoch beim Verdunsten ein zu starker Luftzug durch den Kühlturm vorliegt, beispielsweise, weil Tropfenabscheider nicht funktionieren oder bei hohem Kühlbedarf die Drehzahl der Ventilatoren zu sehr gesteigert wird, dann kann ein potenziell krankmachendes Aerosol verteilt werden, und zwar über Kilometer hinweg.

Warum sind wir bei 60.000 Anlagen nicht alle ständig krank?
Jeder Mensch in Deutschland – zumal in Ballungszentren – kann bei ca. 60.000 Anlagen davon ausgehen, im Einzugsbereich von Verdunstungskühlanlagen zu leben. Dass wir trotzdem nur recht selten Ausbrüche von Legionellen-Pneumonien haben, zeigt deutlich, dass die Risiken dieser Technologie beherrschbar sind, vorausgesetzt, der Betreiber einer Anlage schaut stets und ständig genau hin und unternimmt alles Nötige.

Auch Kühltürme können sich „anstecken“
Ebenso wie legionellenhaltiges Aerosol einen Menschen krank machen kann, kann es einen „gesunden“ Kühlturm anstecken. Die Keime in den Tröpfchen impfen das vorhandene Wasser und vermehren sich dann rasant. So geschehen z. B. 2013 in Ulm: Ein in den Medien immer wieder zitierte Kühlturm der Telekom war als Träger des Legionellestamms identifiziert worden, der bei den erkrankten und verstorbenen Menschen gefunden wurde. Doch dieser Kühlturm stand zum Zeitpunkt des Ausbruchs der Epidemie. Aber in seiner Kühlturmtasse stand Wasser, in dem sich die Legionellen aus einem noch unbekannten anderen Kühlturm vermehren konnten…

Wie geht’s richtig?
Im Januar 2015 erschien die Richtlinie VDI 2047 Blatt 2 „Rückkühlwerke; Sicherstellung des hygienegerechten Betriebs von Verdunstungskühlanlagen (VDI-Kühlturmregeln)“. Die Erarbeitung dieser Richtlinie begann 2013, getriggert durch die Ereignisse im Ulm. Die Richtlinie definiert den Maßstab für die Sorgfaltspflicht des Betreibers eines Kühlturms. Ein Paket aus Maßnahmen, das an erster Stelle aus ständiger Überwachung, innerbetrieblich wie auch durch akkreditierte Labors, und aus regelmäßiger Instandhaltung besteht, soll dafür sorgen, dass die Anlage hygienisch einwandfrei betrieben werden kann.
Viele Betreiber erkennen diese Verantwortung: Bereits 2015 wurden ca. 5.000 Menschen in VDI-partnerschulungen nach VDI 2047 Blatt 2 geschult. Doch bei 60.000 Anlagen ist da noch Luft nach oben, oder?

Und Bremen – was ist dort jetzt zu tun?
Manchmal muss man sich entscheiden: Suchen wir einen Schuldigen, oder suchen wir eine Lösung? Wir ein kontaminierter Kühlturm weiter betrieben, so kann die Zahl der Infizierten weiter steigen. Das darf auf keinen Fall passieren. Daher muss jetzt als erstes er Appell an alle Kühlturmbetreiber ergehen, ihre Anlagen möglichst stillzusetzen und wirksam zu desinfizieren. Alles andere wäre grob fahrlässig. Die Suche nach einem Verantwortlichen muss hinter der Gesundheitsvorsorge zurückstehen.

Warum ist es so schwer, die Quelle zu finden?
Kein Mensch hat bislang einen Überblick, wo überall die 60.000 zitierten Anlagen stehen. Wüsste man das, wäre es möglich, dass Gesundheitsämter bereits bei den ersten Anzeichen für einen Ausbruch bei allen ihnen bekannten Kühltürmen Proben nähmen und Legionellenkonzentrationen und -stämme bestimmen ließen. So ließe sich nicht nur die Quelle deutlich sicherer und schneller finden, sondern der Betreiber würde durch die wirksamere Überwachung zu deutlich mehr Sorgfalt motiviert.
Dies ist der Ansatz der im Augenblick in der Anhörungsphase befindlichen 42. BImSchV, der Verdunstungskühlanlagenverordnung: Sie sieht eine Meldepflicht für Verdunstungskühlanlagen sowie bestimmte Prüfungen und Maßnahmen bei Kontamination vor. Diese basieren sehr weitgehend auf dem in VDI 2047 Blatt 2 von den Fachleuten zu diesem Thema niedergelegten Wissensstand.

Thomas WollsteinAutor: Thomas Wollstein
Position beim VDI: Technisch-wissenschaftlicher Mitarbeiter in der VDI-Gesellschaft Bauen und Gebäudetechnik, Betreuer Fachbereich Facility-Management, Mitarbeit im Fachbereich Technische Gebäudeausrüstung.
Aufgabe beim VDI: Technische Regelsetzung, Mitgliederbetreuung und -gewinnung

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