Nachgefragt bei Björn Matthias

„Jeder Ingenieur ist zuerst einmal ein Physiker“

Er hat den ersten kollaborierenden Zweiarm-Roboter mitentwickelt und das dazu gehörige Sicherheitskonzept erarbeitet: Björn Matthias ist das Gesicht unserer neuen Ingenieurgeschichte. Im Interview erzählt der studierte Physiker, warum er sich bei ABB als Ingenieur fühlt, wie sicher YuMi ist und wie die Robotik der Zukunft aussieht.

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Hallo Björn, bitte stelle dich kurz vor.
Ich bin in Schweden geboren und bin dort, in den USA und in Deutschland in einer multi-nationalen Familie groß geworden. Physik studiert habe ich am California Institute of Technology und an der Yale University, mit einem anschließenden post-doc an der Universität Heidelberg. Schon immer war ich neugierig, möglichst viel über die Natur und über diese Welt zu verstehen. Das Studium der Physik bietet hierzu einen sehr direkten Zugang. Auch in der angewandten Forschung in einem Industrieunternehmen wie ABB gibt es Futter für diese Neugier. Ich bin seit 30 Jahren glücklich verheiratet und wir haben zwei tolle, erwachsene Kinder.

Bei ABB bist du dafür verantwortlich, dass der Industrieroboter YuMi für seine menschlichen Kollegen keine Gefahr darstellt. Wie genau sieht dieses Sicherheitskonzept aus?
Bild: VDI / Fabian Stürtz02_UnterseiteDas Sicherheitskonzept für die Arme von YuMi ist eigentlich ganz einfach: Die Grundlage ist, dass die bewegten Massen durch geeignete Konstruktion gering gehalten sind. Darüber hinaus ist wichtig, dass die äußeren Formen der Arme abgerundet sind und es an den Gelenken keine Klemmstellen gibt. Zusätzlich sind die besonders exponierten Oberflächen der Arme gepolstert. Schließlich ist das Drehmoment der Gelenkmotoren konstruktiv begrenzt und mit einer konfigurierbaren Geschwindigkeitsbegrenzung wird jede Berührung mit Menschen harmlos.

Durch deine Ingenieurgeschichte wissen wir, dass du Physik studierst hast. Du sagst: „Ein Physiker, der in einem Technologieunternehmen arbeitet, ist eigentlich ein Ingenieur.“ Was genau meinst du damit?
Man könnte es auch andersherum sagen: „Jeder Ingenieur ist zuerst einmal ein Physiker.“ Denn die Gestaltung der Umwelt im Dienste des Menschen – vielleicht eine Art, das Berufsethos des Ingenieurs zu beschreiben – ist nur möglich durch das tiefe Verständnis der Physik und durch die kreative Anwendung dieser Zusammenhänge. Ein Unternehmen möchte mit guten Ansätzen schlussendlich Geld verdienen und die Voraussetzungen dazu trägt der Ingenieur anteilig bei. Auch als Physiker kann man diese Rolle übernehmen.

Hier seht Ihr Björns Ingenieurgeschichte im Video

Du bist seit 1994 bei ABB beschäftigt. Was hat sich in dieser Zeit in deinem Arbeitsalltag verändert?
Die Themen unserer Arbeit im Forschungszentrum haben sich natürlich durch Prioritätenverschiebungen im Unternehmen immer wieder anpassen müssen. Durch die Entwicklungen in der Kommunikations- und Computertechnik hat sich auch der Alltag für alle Kollegen verändert. Kommunikation im internationalen Firmenkontext ist wichtiger geworden. Besprechungen werden inzwischen häufig elektronisch mit Hilfe von Telefonkonferenzen und Videokonferenzen durchgeführt.

Natürlich hat sich mein Alltag auch durch Veränderungen der eigenen Aufgaben und Verantwortlichkeiten immer wieder verschoben. Durch die Gelegenheit z.B. jetzt 15 Jahre im Bereich der Robotik gearbeitet zu haben, kann ich nun mit meinen Erfahrungen in diesem Bereich jüngere Kollegen und Studenten als Mentor zu unterstützen. Das ist für mich besonders erfüllend, da ich als junger Wissenschaftler sehr viel Unterstützung von älteren Mentoren erfahren habe.

Warum hast du dich für die VDI Ingenieurgeschichten beworben?
Meine über 20-jährige Erfahrung bei ABB ist insgesamt eine sehr gute. Es ist mir ein Bedürfnis darüber zu berichten, wie es an meinem Beispiel für einen Physiker in der Industrie sehr erfüllende Karrieremöglichkeiten geben kann. Jeder Lebenslauf ist speziell und besonders und ich hoffe, dass ich mit meiner Perspektive ein weiteres Stück positive Werbung für den Beruf als Ingenieur beitragen kann. Die Karrieremöglichkeiten als Ingenieur sind vielfältig, aber es eint uns das Bedürfnis, durch technologischen Fortschritt der Menschheit zu dienen.

Wie sieht für dich die perfekte Welt aus, in der Mensch und Roboter Hand in Hand zusammenarbeiten?
Ich glaube nicht, dass ich in der Lage bin, diese perfekte Zukunft zu sehen. Meiner Ansicht nach ist es auch hier eher der Weg, der zählt, und die andauernde Bewertung, ob die Richtung noch stimmt. Die Geschichte der Robotik in der produzierenden Industrie ist nunmehr eine über 40-jährige Erfolgsgeschichte, in der die Arbeitsbedingungen für Mitarbeiter wie auch Qualität und Produktivität verbessert worden sind. Monotone, schmutzige oder gefährliche Tätigkeiten werden verstärkt von Maschinen übernommen, so dass Mitarbeiter sich auf höherwertige Aufgaben konzentrieren können. Diese Verschiebungen sind für eine Gesellschaft nie einfach und sie werden in der vorhersehbaren Zukunft weiter stattfinden. Mit der Gewissheit, dass Schritt für Schritt etwas Besseres dabei herauskommt, trage ich mit meinen Arbeiten an der engeren Mensch-Roboter-Zusammenarbeit dazu hoffentlich ein kleines Stück bei.

Mehr zur Zusammenarbeit zwischen Yumi und seinen menschlichen Arbeitskollegen zeigen wir im Video unserer neuen Ingenieurgeschichte. Und das macht Yumi zum perfekten Arbeitskollegen. Im Vorfeld haben wir bereits 6 Dinge gefunden, die Ihr von Robotern bestimmt nicht erwartet hättet. Außerdem haben wir einen tanzenden Roboter gefunden und ihn genauer vorgestellt. Ihr könnt mit dem Thema Ingenieurgeschichten nicht so recht etwas anfangen? Kein Problem, wir klären auf: „Was sind eigentlich die VDI Ingenieurgeschichten?“

Hier könnt ihr Euch zum Thema weiterbilden: Die 3. VDI-Fachkonferenz Assistenzroboter in der Produktion befasst sich mit Mensch-Roboter-Kollaboration (MRK), die vielen Unternehmen große Chancen bietet, aber sie gleichzeitig vor große Herausforderungen stellt. Neben aktuellen MRK-Vorhaben u. a. aus der Automobilindustrie werden auch Möglichkeiten diskutiert, wie Robotersysteme mithilfe von zusätzlichen Sensoren abgesichert werden können.

philipp-busse-foto.256x256Autor: Philipp Busse
Position im VDI: Junior Pressereferent
Aufgaben im VDI: Presse- und Öffentlichkeitsarbeit, interne Kommunikation, Social Media

 

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