Forum on Philosophy, Engineering and Technology (fPET)

Technik trifft Philosophie

Das „forum on Philosophy, Engineering und Technology“ (fPET) ist die weltweit führende wissenschaftliche Tagungsreihe, die sich dezidiert mit der Bedeutung der Technikentwicklung für den Menschen und der ethischen Verantwortung der Ingenieursberufe auseinandersetzt. Mit finanzieller und organisatorischer Unterstützung des VDI BV Bayern Nordost e.V. war die fPET in diesem Jahr an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg (FAU) in Nürnberg zu Gast.
Ein besonderer Schwerpunkt der fPET 2016 bestand darin, Entscheidungsträger aus Wirtschaft und Gesellschaft aktiv einzubinden, um den Austausch mit der wissenschaftlichen Forschung weiter voranzubringen. Dazu hat Herr Dr. Dr. Albrecht Fritzsche, der die Leitung der Tagung innehatte, unter Mitwirkung von Herrn Thomas Luft, der Mitglied im Programmausschuss der Tagung war, neue Interaktionsformate entwickelt. Dazu gehörten eine interaktive „Jam-Session“ im Fraunhofer Innovationslabor JOSEPHS®, mehrere renommierte Gastvorträge und eine Theateraufführung zum Thema Mensch und Technik.

Thomas Luft vom Vorstand des VDI BV Bayern Nordost e.V. interviewte den fPET-Tagungsleiter Dr. Dr. Albrecht Fritzsche, der am Lehrstuhl für Wirtschaftsinformatik, insb. Innovation und Wertschöpfung, der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg (FAU) und am Innovationslabor JOSEPHS® des Fraunhofer Instituts für Integrierte Schaltungen tätig ist.

Bild: Friedrich-Alexander- Universität Erlangen-Nürnberg (FAU)Foto_Albrecht_FritzscheHerr Dr. Dr. Fritzsche, sind Sie eigentlich Ingenieur?
Nein, aber auch nicht ganz so weit davon weg. Ich bin von Haus aus Mathematiker und habe in der Metallindustrie jahrelang viel mit Ingenieuren zu tun gehabt. Mein Arbeitsschwerpunkt lag im Bereich die Fertigungslogistik und Produktindividualisierung. Im weiteren Verlauf habe ich dann in den Fächern Industriebetriebslehre und Technikphilosophie promoviert. Dies brachte mich schlussendlich zur Innovationsforschung, die ich jetzt betreibe.

Die Technikphilosophie ist in der breiten Öffentlichkeit nicht sehr bekannt. Was muss man sich darunter vorstellen?
Technik ist ein wesentlicher Bestandteil der menschlichen Lebenswelt. Deshalb muss  sich die Philosophie bei der Auseinandersetzung mit den Grundfragen des menschlichen Lebens auch mit Technik auseinandersetzen. Das geschieht auf ganz verschiedenen Ebenen. Die Technikphilosophie fragt zum Beispiel nach dem Zusammenhang zwischen Techniknutzung und Alltagserfahrung, sie fragt, wie technische Entwicklung unser Verständnis der menschlichen Natur verändert, und sie fragt natürlich auch danach, wie man richtige Entscheidungen mit Technik und über Technik trifft, befasst sich also mit Technikethik.

Was hat Sie persönlich dazu bewogen Technikphilosophie zu betreiben?
Die Fragen, die ich genannt habe, beschäftigen vermutlich viele von uns. Aber wir kommen nur selten dazu, sie weiterzuentwickeln. Auf Dauer kann das nur eine wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Thema leisten. Das hat mich dazu gebracht, in diesem Bereich akademisch tätig zu werden. Im Übrigen ergeben sich aus dieser Arbeit auch unzählige Anknüpfungspunkte für andere Disziplinen. Das Innovationsmanagement kann beispielsweise viel von den Überlegungen lernen, die Technikphilosophen angestellt haben. Da gibt es ein großes Potential, das noch lange nicht ausgeschöpft ist.

Bei der Tagung fPET, die kürzlich in Nürnberg stattfand, ging es ja um Ingenieursphilosophie. Wie hängt die Ingenieursphilosophie mit der Technikphilosophie zusammen?
Die Ingenieursphilosophie stellt den Technikentwickler als Handlungsträger und Experten in den Mittelpunkt. Ingenieure, und damit spreche ich natürlich Frauen und Männer gleichermaßen an, spielen eine besondere Rolle bei der Technikentwicklung. Sie können Technikfolgen besser bewerten und haben ein größeres Gewicht bei Meinungsbildungs- und Entscheidungsprozessen. Daraus ergeben sich ganz besondere philosophische Fragestellungen. Zum einen geht es um Ingenieursethik, zum anderen um das Technikerleben von Ingenieuren, aber auch um das Verständnis des Ingenieursberufs selbst, seine Rolle in der Gesellschaft und seine Bedeutung im politischen Diskurs.

Was heißt das konkret?
Die Ingenieursphilosophie untersucht zum Beispiel die Bedeutung von Ingenieuren bei Entscheidungen über Großprojekte. Welche Verantwortung spielen sie dabei? Welche Art von Wissen müssen sie haben? Können sie tatsächlich Einfluss auf die Entwicklung solcher Projekte nehmen? Wie weit müssen Laien den Aussagen von Ingenieuren vertrauen, und was passiert mit diesem Vertrauen, wenn solche Projekte scheitern? Solche Fragen beschäftigen nicht nur uns in Deutschland, sondern auch die Kollegen im Ausland. Bei uns geht es um den Berliner Flughafen, Stuttgart 21 oder die Energiewende. In China  wird der Drei-Schluchten Staudamm weiterhin heftig diskutiert, in Japan der Umgang mit Atomenergie. Die amerikanischen Kollegen befassen sich unter anderem mit den Möglichkeiten und Zielen der Weltraumforschung. Auch Themen wir Digitalisierung und Vernetzung stehen natürlich hoch im Kurs.

Aus welchen Ländern kamen die Teilnehmer Ihrer Konferenz in Nürnberg?
Alle wichtigen Industrieregionen auf der Welt waren vertreten. Die größten Delegationen kamen aus den USA und China. Aber wir hatten auch Anmeldungen aus Südamerika, Afrika, dem Nahen Osten, Indien und Australien. Darüber sind wir sehr glücklich. Bisher war der Teilnehmerkreis der fPET Tagungen meist auf die führenden Industrienationen beschränkt. In den anderen Ländern wird aber auch wichtige Arbeit in diesem Bereich geleistet, und vom gegenseitigen Austausch können wir alle profitieren.

Waren auch Ingenieure anwesend?
Sehr viele sogar, was die Tagung sehr bereichert, weil die Beteiligten immer wieder herausgefordert werden, eine andere Perspektive einzunehmen, umzudenken und sich aus der eigenen Komfortzone herauszuwagen. Wenn das geschieht, ergeben sich oft ganz neue Erkenntnisse und Möglichkeiten für eine weitere Entwicklung der Zusammenarbeit. Oft ist das aber nicht so leicht, wie es auf den ersten Blick erscheint. Viele müssen erst lernen, sich für die Sichtweisen anderer zu öffnen.

fPET_Jam

Impressionen vom Industrie-Jam der fPET, der im offenen Innovationslabor JOSEPHS® stattfand.

 

Wie gut ist es dieses Jahr bei der fPET gelungen?
Wirklich gut, aber wir haben auch einiges unternommen, um diese Prozesse zu unterstützen. So haben wir neben den üblichen Vorträgen noch andere Interaktionsformate genutzt. Wir waren gemeinsam im Museum für Industriekultur, haben eine Jam-Session mit Entscheidungsträgern aus der Industrie durchgeführt, und sind sogar durch die Stadt Nürnberg gezogen, um ganz nah am Alltag der Menschen zu bleiben, und anhand der alten Gebäude auch einen historischen Zugang zu unseren Themen zu gewinnen. Das war sehr spannend und hat eine Dynamik in Bewegung gesetzt, die weit über unsere Erwartungen hinausging.

Wie geht es nun weiter?
Der nächste Tagungsort steht noch nicht fest, wird aber wohl auf einem anderen Kontinent sein. Die neuen Interaktionsformate sollen ausgebaut werden. Wichtig ist uns auch die Einbindung von Industrieunternehmen, Forschungsinstituten und Ingenieursverbänden. Der VDI BV Bayern Nordost e.V. hat uns wertvolle Hilfe bei der Organisation geleistet und sich auch inhaltlich an der Diskussion beteiligt. Das Fraunhofer Institut für Integrierte Schaltungen war ebenfalls aktiv eingebunden. Unternehmensvertreter aus den Bereichen Maschinenbau, Optik,  IT, Weltraumfahrt und andere waren ebenfalls dabei. Auf den Kontakten, die zwischen den beteiligten geknüpft wurden, kann man nun aufbauen. Ich hoffe, dass wir gemeinsam noch viel voranbringen werden.

Bild: privatFoto_Thomas_LuftDas Interview führte: Thomas Luft, der am Lehrstuhl für Konstruktionstechnik der der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg (FAU) tätig ist, sowie sich als Schriftführer im Vorstand des VDI BV Bayern Nordost e.V. und als Leiter des VDI-ZUKUNFTSPILOTEN Clubs Nürnberg engagiert.

Kommentare & Pingbacks

Ein Gedanke zu “Technik trifft Philosophie

  1. Wenn Sinn und Zweck der Technik darin bestehen, das Leben der Menschen zu verbessern, zu verlängern und – unter unwirtlichen Bedingungen sogar – überhaupt erst zu ermöglichen, dann haben Technik und Philosophie sehr viel miteinander zu tun.
    Im Beitrag werden Grossprojekte angesprochen. Kann Technik-Philosophie Antworten darauf geben, warum gerade Grossprojekte immer komplizierter als geplant, teurer als geplant und länger als geplant ausfallen, obwohl die Planungsaufwände selbst schon umfangreich sind?
    Die Technik scheint von „Expertentum“ geprägt zu sein, worunter man eine extreme Spezialisierung und Fokussierung des Wissens und der Fähigkeiten verstehen kann. Kann (und will?) Technik-Philosophie dieser Tendenz entgegentreten, um zu einer neuen „Übersichtlichkeit“ und „Verständlichkeit“ von Technik beizutragen?

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