Eine Frau im Männerberuf

„Ich nehme meinen Kritikern den Wind aus den Segeln“

Sie baut das DB Streckennetz der Zukunft: Juliane Thiel, Protagonistin unserer neuen Ingenieurgeschichte und Gleisbauexpertin, sorgt dafür, dass wir im Zug immer sicher ans Ziel kommen. Im Interview sprachen wir mit der Bauingenieurin über Architektur, Schienen und Vorurteile gegen Frauen in Männerberufen.Bild: VDI / Fabian StürtzVDI-Ingenieurgeschichten_Thiel_702x363

Hallo Frau Thiel, bitte stellen Sie sich kurz vor.
Mein Name ist Juliane Thiel. Ich bin 25 Jahre jung, stamme aus einer super bodenständigen und offenherzigen Familie aus dem Herzens Sachsen. Zum Studium zog ich 2009 nach Leipzig, wo ich immer noch mit großer Begeisterung lebe und auch meine Zukunft plane.
In der wenigen Freizeit, die ich habe, treibe ich Sport gemeinsam mit meinem Partner und besuche meine Familie in der Heimat.
Ich entschied mich ganz bewusst für das Studium des Bauingenieurwesens. Denn mich begeistern Zahlen, Fakten und das Gefühl, etwas für die Allgemeinheit zu schaffen. 2014 war ich auf der Zielgeraden meines Studiums. Ich absolvierte für ein halbes Jahr ein freiwilliges Praktikum bei Eiffage Rail in Leipzig. Anschließend schrieb ich dort auch meine Masterarbeit. Als Krönung wurde ich sofort nach Beendigung meines Studiums übernommen, sodass ich nun seit einem Jahr bei Eiffage Rail als Bauleiterin arbeite.

Sie wollten eigentlich Architektur studieren, haben sich aber für ein Bauingenieurstudium entschieden. Wann und warum wussten Sie, dass Sie Ingenieurin werden wollen?
Wenn man sich als Schüler damit befasst, eine Ausbildung in der Baubranche zu absolvieren, erscheint einem das Studium zum Architekten am vernünftigsten. Da ich meine Wahl jedoch nicht ins Blaue herein treffen wollte, informierte ich mich vorher ausreichend gut und besuchte auch Veranstaltungen für Schüler zur Orientierung. Ganz schnell stellte ich fest, dass das Studium der Architektur überhaupt nichts für mich ist. Ich liebe Mathematik, das einhacken von Zahlen in den Taschenrechner und das plausibilisieren von Zusammenhängen. Ich wusste also sofort, dass mich das Studium des Bauingenieurs ausfüllen und auch fordern würde. Denn genau das sollte auch mein Beruf später. Mir Spaß und Freude bereiten und mich trotzdem jeden Tag aufs Neue fordern.
Meine Entscheidung zum Ingenieurstudium wurde letztendlich innerhalb einer Woche getroffen. Und ich weiß, wenn ich mir etwas in den Kopf setze, dann gehe ich es engagiert und zielstrebig an.Bild: VDI / Fabian Stürtz03_Zwischenbild

Sie arbeiten in der Instandhaltung des Schienennetzes der Deutschen Bahn. Wie bemerkt man eigentlich, dass Schienen repariert werden müssen?
Das Gleis besteht aus drei wichtigen Komponenten, wobei jeder seine eigene verantwortungsvolle Aufgabe übernimmt. Zunächst das Gleisbett, hauptsächlich bestehend aus Gleisschotter sowie die Schwelle und die Schiene.
Das Gleisbett und der Gleisschotter müssen vor allem dann erneuert werden, wenn der vorhandene Schotter durch die Kräfte eines Zuges zerschlagen wurde. Nach einer gewissen Zeit ist das Schotterkorn so abgerundet, dass es keine ausreichende Verzahnung im Gleisbett mehr ausüben und somit keine großen Kräftemehr aufnehmen kann. Außerdem befinden sich kleine Absplitterungen des Schotterkorns im Gleisbett. Wenn diese Verunreinigungen nach der Zeit zu stark werden, muss der Schotter gereinigt, wieder aufgefüllt oder komplett erneuert werden.
Eine Schwelle wird dann ausgetauscht, wenn sie nach langer Zeit Risse bekommt. Wenn diese immer größer werden und auseinanderklaffen, wird die Schwelle erneuert.
Schienen erneuert man hauptsächlich dann, wenn in der alten Schiene ein Fehler im Stahl vorhanden ist oder in Kurven die äußere Schiene durch die einwirkenden Kräfte eines fahrenden Zuges deformiert wurde.

Früher waren Schienen auf Holz- oder Stahlschwellen befestig. Heute sieht man immer häufiger Betonschwellen. Wie kommt das?
Beton ist einfach ein robusteres und langlebigeres Material. Es ist deutlich günstiger in der Herstellung als eine Stahlschwelle und deutlich umweltfreundlicher als eine Holzschwelle. Jedoch kann man diesen Ansatz nicht verpauschalisieren, sodass auch heute immer noch eine Vielzahl von Stahlschwellen oder auch Holzschwellen eingesetzt wird. Holzschwellen nutzt man sehr gerne, wenn die Trasse auf einer Eisenbahnüberführung verläuft, denn dort kann meistens die notwendige Schichtstärke aus Schotter zwischen der Brücke und der Schwelle nicht erreicht werden. So wird eine Holzschwelle eingesetzt, da diese die Kräfte eines Zuges viel weicher aufnimmt und weiterleitet.

Was raten Sie jungen Menschen und vor allem Mädchen, die sich für ein Ingenieurstudium entscheiden?
Bild: VDI / Fabian Stürtz02_UnterseiteImmerzu! Keine Scheu vor Vorurteilen oder Dozenten bzw. Professoren, die der steigenden Zahl von Frauen in den Hörsälen mit technischem Unterricht skeptisch gegenüberstehen. Ich habe während meiner sechs Jahre, die ich diesen Beruf nun schon verfolge nur eine Handvoll Kritiker begegnen müssen und auch denen habe ich schnelle den Wind aus den Segeln genommen. Man muss sich seiner Sache und sich selbst sicher sein. Selbstbewusstsein gehört dazu. Generell habe ich immer ein positives Feedback und die Zustimmung vieler Männer im Ingenieurwesen erfahren. Es wird hauptsächlich als positiv angenommen, dass immer mehr Frauen auch Männerberufe erlernen und sich behaupten. Viele Firmen wollen auch spezielle Positionen mit Frauen besetzen, da diese einfach einen gewissen Charme, Einfühlungsvermögen und besonderes Verhandlungsvermögen mitbringen. Ich selbst spüre jeden Tag auf meinen Baustellen, wie sehr es die Leute und Arbeiter doch motiviert und anspornt, wenn einmal eine Frau vorbei kommt und ein Lachen im Gesicht trägt.

Übrigens: Im Vorfeld unserer neuen Ingenieurgeschichte haben wir uns den Beruf des Bauingenieurs einmal genauer angeschaut. Was sind Herausforderungen, wie sieht das Studium aus und wie viel Geld gibt es? Ihr könnt mit dem Thema Ingenieurgeschichten nicht so recht etwas anfangen? Kein Problem, wir klären auf: „Was sind eigentlich die VDI Ingenieurgeschichten?“

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Das Interview führte: Philipp Busse
Position im VDI: Junior Pressereferent
Aufgaben im VDI: Presse- und Öffentlichkeitsarbeit, interne Kommunikation, Social Media

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