Interview mit Dr. Winkens, Vorsitzender des Richtlinien-Gremiums VDI 6022

Lufthygiene: Aufwand im Verhältnis zum Ertrag marginal

Das Thema Lufthygiene hat entscheidenden Einfluss auf unseren Alltag und unser Wohlbefinden. Verbindliche Anforderungen an Planung, Ausführung und Instandhaltung von Raumlufttechnischen Anlagen (RLT-Anlagen) sind dabei von zentraler Bedeutung. Wir haben einmal mit dem Vorsitzenden des Richtlinien-Gremiums VDI 6022, Dr. Winkens, über dieses Thema gesprochen.

Bild: tezzstock/fotolia

Die Themen Luft- und Trinkwasserhygiene sind immer mal wieder in der Presse zu finden. Der VDI bietet hier diverse Hilfsmittel für Betreiber von Lüftungsanlagen an, um die Risiken von Verkeimung und Gesundheitsgefahren zu minimieren. Können Sie uns hier einige nennen?
Da sind vor allem die Richtlinienreihen VDI 6022, VDI 6023 und VDI 2047 zu nennen.
Die VDI 6022 beschäftigt sich sehr umfänglich mit Hygieneanforderungen an Raumlufttechnische Anlagen und Geräte und das seit 1998.
In der VDI 2047 wird die Sicherstellung des hygienegerechten Betriebs von Verdunstungskühlanlagen beschrieben und in der VDI 6023 beschäftigt man sich mit der Hygiene in Trinkwasser-Installationen, die natürlich auch für die Versorgung Raumlufttechnischer Anlagen eine Rolle spielen.

Der VDI definiert in seiner Richtlinie VDI 6022 verbindliche Anforderungen an Planung, Ausführung und Instandhaltung von RLT-Anlagen. Können Sie das in wenigen Sätzen zusammenfassen?
Planung, Ausführung und Instandhaltung müssen den Aspekt der Hygiene wesentlich berücksichtigen. Den jeweils zuständigen Personen kommen also konkrete Aufgaben und Verantwortlichkeiten zu, die in der Richtlinie eindeutig beschrieben sind. Alles andere wäre ein eklatanter Verstoß gegen den Stand der Technik. So muss bereits der Planer Komponenten so auswählen und anordnen, dass die Luftqualität durch das gesamte System zumindest nicht verschlechtert werden kann. Der Hersteller ist unter anderem für die Konformität seiner Produkte mit den baulichen und stofflichen Anforderungen, die sich aus der VDI 6022 ergeben, verantwortlich und muss diese auch bescheinigen. Der Errichter wiederum muss die angemessenen Bedienbarkeit und die VDI 6022-konforme Installation aller lufttechnischen Komponenten und Geräte sicherstellen und dokumentieren. Der Betreiber schließlich muss die Umsetzung der in der Richtlinie verankerten Checkliste für Hygienekontrollen und Hygieneinspektionen garantieren. Für diese Gruppen ist die Schulung nach VDI 6022 Blatt 4 der Kategorie B, A und RLQ, je nach Notwendigkeit und Arbeitsbereich obligatorisch.

Nach Meinung der Experten sind auch 20 Jahre nach der Erstausgabe der VDI 6022 viele Anlagen in einem hygienisch kritischen Zustand. Wie schätzen Sie die Lage ein?
Es gibt immer noch einige Betreiber und Wartungsfirmen, die den Stand der Technik geflissentlich ignorieren oder der Hygiene keine besondere Bedeutung zumessen. Außerdem sind einige Planer hier noch nicht adäquat geschult. Dass dies ein hohes persönliches Haftungsrisiko bedeutet, ist vielen nicht bewusst. Aktuelle Rechtsstreitigkeiten, zivil- und strafrechtlicher Natur, schärfen gerade das Problembewusstsein.

Ein besonderes Risiko besteht bei falsch betriebenen und nur zeitweise genutzten Lüftungs- und Klimaanlagen. Was kann man dagegen unternehmen?
Hier ist die bereits erwähnte Hygieneschulung gemäß VDI 6022 Blatt 4 besonders hilfreich. Geschulte Personen mit der je nach Schulungskategorie erforderlichen Ausbildung und Berufserfahrung sind der wichtigste Faktor, die Notwendigkeit und Angemessenheit von Maßnahmen zur Aufrechterhaltung einer hygienisch einwandfreien Zuluftqualität festzulegen und rechtzeitig Probleme zu erkennen.
Dies ist ein wichtiger Bestandteil für die gesetzlich vorgeschriebene und von den Berufsgenossenschaften kontrollierte Gefährdungsbeurteilung für die RLT-Anlagen selbst und die Arbeiten, die damit in Zusammenhang stehen, aber auch für die diesbezügliche Beurteilung der Raumluftqualität der versorgten Räume, in denen Menschen arbeiten.

Viele Betreiber wissen aber gar nicht, wie hoch der technische Aufwand für Hygienebelange in Wartung und Betrieb einer Anlage ist. Wie schätzen Sie den Zusatzaufwand für die Hygiene ein? Gibt es eine Faustformel?
Der Zeit- und Geldaufwand für Hygiene ist im Verhältnis zum Ertrag marginal. Die Basis für gesundheitlich zuträgliche Atemluft und damit eine sehr niedrige Rate an Befindlichkeitsstörungen ist hygienisch einwandfreie Zuluft. Eine Faustformel gibt es nicht, ist aber auch nicht nötig. Der Stand der Technik ist generell zu beachten. Wir fragen auch nicht, welcher Zeitaufwand für regelmäßige Inspektionen am Auto anfällt. Wir lassen diese Arbeiten ausführen, weil wir für das sinnvoll erachten, um den Stand der Technik und damit die Sicherheit für den Betrieb unseres Fahrzeugs zu erhalten. Umso notwendiger sind alle Arbeiten im Sinne der Qualitätserhaltung für das kritischste Lebensmittel – unsere Atemluft.

Das Thema Qualifizierung scheint eine große Bedeutung zu haben. Es gibt die Lufthygieneschulungen in den Kategorien A und B, worin unterscheiden sich diese und wer sind die Zielgruppen?
Die Bedeutung ist tatsächlich sehr groß. Eine fehlende Schulung, die durch Prüfung erfolgreich abgeschlossen sein muss, ist bereits ein Verstoß gegen den Stand der Technik. Die erfolgreiche Teilnahme an der Schulung der Kategorie A qualifiziert den Teilnehmer für die hygienebewusste Planung, Errichtung, Herstellung sowie Wartung und Überwachung von RLT-Anlagen. Dem Teilnehmer sind die rechtlichen Grundlagen für den Betrieb von RLT-Anlagen geläufig, er ist in der Lage, hygienerelevante Probleme zu erkennen und sachgerecht zu reagieren. Er ist derjenige, der Mitarbeiter mit Qualifikation B anzuleiten hat. Die Schulung nach Kategorie A ist für Meister, Techniker und Ingenieure aus dem Fachbereich der TGA mit entsprechender Berufserfahrung vorgesehen.

Mit der bestandenen Prüfung Kategorie B wird eine Voraussetzung zur Durchführung von Hygienekontrollen sowie von hygienerelevanten Wartungsmaßnahmen (siehe Checkliste VDI 6022 Blatt 1) erfüllt. Mitarbeiter mit dieser Qualifikation arbeiten unter Anleitung mindestens eines Mitarbeiters mit Qualifikation A. Die Schulung Kategorie B ist für sonstiges Personal gedacht, das mit RLT-Anlagen zu tun hat; also alle diejenigen, die Wartung, Instandhaltung, Reinigung, Montage oder ähnliche Arbeiten verrichten. Jeder, der mit RLT-Anlagen professionell in Berührung kommt und einen Einfluss auf die Hygiene haben kann, braucht mindestens eine B-Qualifikation.

Ein besonderes Qualitätsmerkmal dieser Qualifikation sind die sogenannten VDI-Urkunden, die nur durch geprüfte VDI-Schulungspartner mit vom VDI registrierten Referenten für Technik und Hygiene nach bestandener Prüfung verliehen werden dürfen.

Stephan Hasselbach_2Das Interview führte: Stephan Hasselbach
Position im VDI: Marketingreferent

 

 

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