Barrierefreie Lebensräume

Selbstständigkeit bis ins hohe Alter

Möglichst selbstständig zu leben, ist im hohen Alter und bei Behinderung das Ziel vieler Menschen. Auch wenn sie nicht auf die individuellen Bedarfe eingehen kann, so zeigt die Richtlinienreihe VDI 6008 dennoch unterschiedliche Möglichkeiten auf, Barrieren zu vermeiden oder zu reduzieren.Bild: TOPRO GmbHRichtlinie-VDI-6008-Sicheres-Wohnumfeld-T8_702x363

Einen alten Baum verpflanzt man nicht. So denken viele, wenn die Entscheidung ansteht, dass betagte Familienangehörige eventuell in ein Seniorenheim umziehen, weil sie in den eigenen vier Wänden nicht mehr ganz so gut allein zurechtkommen. Kaum einer denkt aber zum Beispiel beim Hausbau daran, dass auch er einmal ein „alter Baum“ sein wird, der eigentlich lieber in seiner gewohnten Umgebung die letzten Jahre verbleiben möchte – auch wenn einen die Beine nicht mehr so gut tragen, die Augen nicht mehr alles sehen und das Gedächtnis hin und wieder nachlässt. Und natürlich möchte man wegen diesen Alterserscheinungen niemandem zur Last fallen.
Neben den sozialen Gründen wird es auch aus volkswirtschaftlichen Aspekten immer wichtiger, den Verbleib älterer und behinderter Menschen in ihrem normalen Umfeld zu ermöglichen, die Nutzung ihrer Wohnungen zu erleichtern und die Selbstständigkeit im Alter und bei Behinderung zu erhalten. Barrierefreie Lebensräume können ein Mittel dazu sein, denn barrierefrei heißt nicht nur, dass weder Stufen oder sonstige Hindernisse den Weg versperren. Dies würde nämlich nur die baulichen Anforderungen von Personen mit einer Gehbehinderung, also vorrangig Rollstuhlfahrer, berücksichtigen. Alter ist aber keine Behinderung, weshalb der Begriff des „behindertengerechten Bauens“ überholt ist. Barrierefreiheit bedeutet, dass Liegenschaften und ihre technische Gebäudeausrüstung von Menschen in jedem Alter und mit und ohne Mobilitätseinschränkung oder Behinderung betreten oder befahren und selbstständig sowie weitgehend ohne fremde Hilfe benutzt werden können und damit individuelle Potenziale zum eigenständigen Handeln nicht einschränken.

Unterschiede der Einschränkungen verstehen

Laut dem Statistischen Bundesamt lebten im Jahr 2013 in Deutschland 10,2 Millionen Menschen mit einer amtlich anerkannten Behinderung. Im Durchschnitt war somit gut jeder achte Einwohner (13 Prozent) behindert. Der größte Teil, nämlich rund 7,5 Millionen Menschen, war schwerbehindert, 54,2 Prozent davon waren 65 Jahre und älter. Nicht nur die große Anzahl an Behinderten, sondern auch die Tatsache, dass es von Jahr zu Jahr mehr werden (seit 2003: +910.000), verdeutlicht, wie wichtig es ist, barrierefreie Lebensräume als Selbstverständlichkeit in die Planung von Gebäuden und deren technische Ausrüstung einfließen zu lassen. Natürlich kann eine technische Regel nicht die individuellen Bedarfe jedes einzelnen Nutzers zur Grundlage des Anforderungskatalogs machen. Sie kann aber, wie in VDI 6008 Blatt 1, die Bedarfe unterschiedlicher Nutzergruppen berücksichtigen.
Die Nutzergruppen im Sinne dieser Richtlinie sind Senioren, Senioren mit Einschränkungen, Rollstuhlfahrer, gehbehinderte/bewegungseingeschränkte Menschen, Menschen mit Einschränkung der visuellen und auditiven Wahrnehmung, blinde/sehbehinderte Menschen, gehörlose/schwerhörige Menschen, Menschen mit kognitiven Einschränkungen oder Demenz und Menschen mit besonderen Anforderungen. Diese Einteilung ist deshalb sinnvoll, weil zum Beispiel die Anforderungen von Menschen mit Einschränkungen der visuellen Wahrnehmung anders sind als die von sehbehinderten Menschen. Die Unterschiede ergeben sich aus den Krankheitsbildern. Ebenso unterschiedlich sind die Anforderungen von bewegungseingeschränkten Menschen und die von Senioren, die aufgrund des Abbaus von Muskelmasse in ihrer Bewegung eingeschränkt sind. Deshalb erläutert die Richtlinie zunächst ausführlich die einzelnen Behinderungen/Einschränkungen, um die im Anschluss gegebenen allgemeinen Empfehlungen besser verstehen zu können.
Die allgemeinen Empfehlungen betreffen Beschriftungen, Anleitungen, den Leuchtdichtekontrast von Hinweisschildern, Bedienelemente und Anzeigen. Aufgrund der vorangegangenen Beschreibungen der Behinderungen/Einschränkungen erklärt sich beispielsweise bei den Empfehlungen für Warnsignale, warum und wann diese nach dem Zwei-Sinne-Prinzip gestaltet werden müssen. Erläutert wird vor allem auch, wie Anleitungen oder Bedienelemente zu gestalten sind, damit sie auch ohne vorhergehende Erklärung/Einführung von älteren Menschen verstanden werden können. Denn was bringt es ihnen, wenn sie diese Erklärung kurz darauf wieder vergessen?

Blatt 2 bis Blatt 6 der Richtlinienreihe VDI 6008 behandeln die unterschiedlichen technischen Gewerke: Sanitärtechnik, Elektrotechnik sowie Aufzüge und Zugänge. Einen VDI 6008Kommentar gibt es zu den Blättern 2 und 3.

Iris_Lindner

Autorin: Iris Lindner
Die Diplom-Ingenieurin (FH) ist für uns in Sachen Berichterstattung rund um die VDI-Richtlinien in den sozialen Netzwerken unterwegs.

 

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