Gute Weiterbildungsmöglichkeiten

Wissen, woher der Wind weht

Der Windenergiemarkt in Deutschland wächst und wächst. Doch wie qualifiziert man sich für einen Arbeitsplatz in dieser Brache? Im Interview sprachen wir mit Windenergie-Profi Jan Liersch, der sich bereits seit 1991 für diese Energiequelle begeistert. Er leitet den Zertifizierungslehrgang „Fachingenieur Windtechnik VDI“.

Bild: privatJan3_mediumHerr Liersch, wie entstand bei Ihnen die Begeisterung für den Bereich der Windenergie?
Meine Begeisterung für die Windenergie entfachte mein damaliger Professor Robert Gasch im Jahr 1991 in seiner Vorlesung an der Technischen Universität Berlin. Er verkündete: „Die technische Nutzung der Windenergie ist schon sehr alt, aber es braucht neben der Windtechnik auch den politischen Willen, also die Rahmenbedingungen, damit ein Markt oder eine Branche entstehen kann.“ Heute gilt Gasch als Windenergiepapst. Viele, die bei ihm studiert haben, sitzen derzeit in den Windenergiefirmen an den entscheidenden Stellen – so auch ich bei Key Wind Energy GmbH.
Ich erinnere mich noch lebhaft an eine Wind-Vorlesung in der Gasch ganz aufgeregt herein kam: „Jetzt haben wir einen Markt!“ Das Stromeinspeisungsgesetz als Vorgänger des heutigen Erneuerbaren Energien Gesetzes war eingeführt. Mir wurde in diesem Moment bewusst, dass eine technische Branche von den wirtschaftlichen und auch politischen Rahmenbedingungen abhängig ist. Der alleinige Blick auf die Technik kann den Markt nicht voran bringen. Und genau das ist der Reiz an der Windenergiebranche für mich.

Wie schätzen Sie momentan den Markt im Windenergiebereich ein?
Der Windenergiemarkt wächst in Deutschland kontinuierlich. Im Jahr 2014  nahm die installierte Leistung um mehr als 15 Prozent auf  knapp 40 GW zu. Das führt zu mehr als 120.000 Arbeitsplätzen in der Windenergiebranche in Deutschland. Diese sind aber nicht nur bei den etwa 20 Herstellern und unabhängigen Konstruktionsbüros für Windenergieanlagen zu finden, sondern auch bei Komponenten-Lieferanten sowie den Betreibern und Service-Firmen, die dafür sorgen, dass Windparks die üblichen 20 Jahre optimal laufen. Um das leisten zu können, brauchen die Unternehmen gut ausgebildete Fachkräfte, die das gesamte System Windkraftanlage vom Reißbrett bis hin zum Verhalten im Freifeld kennen.

Was kann getan werden, um gut ausgebildete Fachkräfte in die Unternehmen zu bringen?
Zusammen mit Professor Dr. Jochen Twele von der HTW Berlin und dem VDI Wissensforum haben wir in 2011 ein ganz neues Lehrgangskonzept zum „Fachingenieur Windenergietechnik VDI“ konzipiert, das die Windenergienutzung als ganzheitliches Konzept betrachtet. Es ist nämlich nicht nur wichtig, das technische Fachwissen zu haben, sondern auch die realistischen Bedingungen der Wind-Branche zu kennen.
Der Windenergielehrgang der VDI Wissensforum GmbH ist daher mit starkem Praxisbezug als berufsbegleitende Fortbildung angelegt.

Und was sind die Inhalte des Lehrgangs?
Der Lehrgang setzt sich zusammen aus vier Pflichtmodulen und zwei Wahlpflichtmodulen, mit denen inhaltliche Schwerpunkte gesetzt werden, sowie einem optionalen Vorbereitungsworkshop und der abschließenden schriftlichen und mündlichen Zertifikatsprüfung. Die Pflichtmodule beinhalten Grundlagen der Windenergietechnik, mechanische Komponenten und Rotoraerodynamik, das elektrische System, Regelung und Netzintegration sowie Gesamtauslegung und Berechnung von Windenergieanlagen. Bei den Wahlpflichtmodulen stehen unter anderem die Betriebsführung und Instandhaltung von Windenergieanlagen, rechtliche Aspekte der Windenergie, Meteorologie, Schraubenverbindungen und Schwingungstechnik zur Auswahl.

An wen richtet sich der Lehrgang?
Der Lehrgang richtet sich unter anderem an Ingenieure, Fach- und Führungskräfte, Projektleiter und Planer, Betriebsführer, technische Projektbearbeiter sowie Netzbetreiber. Aber auch Brancheneinsteiger mit Berufserfahrung oder Berufseinsteiger mit erster Berufserfahrung können teilnehmen.
Zulassen zum Lehrgang können wir jeden, der einen technischen oder naturwissenschaftlichen Hochschulabschluss hat und über mindestens drei Jahre Berufserfahrung verfügt. Die Berufserfahrung muss jedoch erst zum Zeitpunkt der Zertifikatsprüfung nachgewiesen werden. Auch für Nicht-Ingenieure bieten wir die Möglichkeit unseren Zertifikatslehrgang zu absolvieren. Die einzige Voraussetzung sind dann die drei Jahre Berufserfahrung. Der Unterschied besteht dann beim Erwerb des Titels. Nicht-Ingenieure erlangen den Titel „Fachexperte Windenergietechnik VDI“ nach erfolgreich bestandener Zertifikatsprüfung. Im Gegensatz dazu erhalten Ingenieure den Titel „Fachingenieur Windenergietechnik VDI“.

Welche Vorteile bringt der Titel?
Der Lehrgang ist eine hervorragende Möglichkeit, sich auf eine Tätigkeit in der Windenergiebranche vorzubereiten oder den Einstieg schneller zu bewältigen. Er bietet einen Überblick über alle technischen Aspekte der Windenergie. Die selbstgewählten fachlichen Vertiefungen runden das Profil jeden Teilnehmers ab. Der Titel „Fachingenieur/Fachexperte Windenergietechnik VDI“ steht für die Qualität des Lehrganges. Er wirkt sich nicht nur positiv auf den Absolventen selbst, sondern auch auf sein Unternehmen aus.
Wenn ich den Zertifikatslehrgang aus Sicht einer Führungskraft sehe, investiere ich gezielt in die Qualifizierung der Mitarbeiter und erweitere systematisch das Know-how von Leistungsträgern im Unternehmen. Zudem lassen sich dadurch auch wichtige Mitarbeiter an das Unternehmen binden. Das Unternehmen präsentiert sich dadurch auch als attraktiver Arbeitgeber für qualifizierte Nachwuchskräfte und sichert sich somit ebenfalls Wettbewerbsvorteile.
Die Teilnehmer haben zudem die Möglichkeit, zusätzlich zum Titel die engineerING Card kostenlos zu erhalten – sozusagen einen Berufsausweis für Ingenieure. Der Lehrgang ist auf der Karte direkt als C3 Qualifikation „Fortbildung mit Zeugnis I“ eingetragen.

Wie lange dauert es, den Lehrgang zu absolvieren?
Grundsätzlich liegt es an jedem selbst, in welcher Zeit er den Zertifikatslehrgang absolvieren kann oder möchte. Die Zertifikatsprüfung muss jedoch innerhalb von zwei Jahren abgeschlossen werden. Lässt es die Arbeit oder das Privatleben gerade nicht zu, kann der Teilnehmer ruhig ein paar Monate pausieren und die noch fehlenden Module dann absolvieren. Da nur die Pflichtmodule prüfungsrelevant sind, besteht außerdem die Möglichkeit, die Wahlpflichtmodule erst nach bereits bestandener Zertifikatsprüfung zu besuchen. Das Abschlusszertifikat wird jedoch erst nach vollständiger Beendigung des Lehrgangs ausgehändigt.
Insgesamt haben die Teilnehmer 13 bis 14 Seminartage. Die Pflichtmodule finden freitags und samstags statt, sodass hier nur vier Wochenarbeitstage betroffen sind. Für den Besuch der zwei Wahlpflichtmodule benötigen die Teilnehmer ebenfalls vier Arbeitstage. Der Workshop zur Vorbereitung auf die Prüfung, den die Teilnehmer optional besuchen können, sowie die Zertifikatsprüfung finden samstags statt. Faktisch sind unsere Teilnehmer also nur acht Tage nicht im Büro. Diese Abwesenheitszeit sollte jedes Unternehmen verkraften können.

Über Jan Liersch: Jan Liersch ist Geschäftsführer bei Key Wind Energy GmbH und leitet gemeinsam mit Prof. Dr. Jochen Twele seit September 2011 den Zertifikatslehrgang „Fachingenieur Windenergietechnik VDI“ der VDI Wissensforum GmbH. Liersch ist zudem Gutachter und Consultant mit universitärem Hintergrund. Er verfügt über mehr als 15 Jahre Erfahrung in der Windenergiebranche und ist seit 2005 Dozent an der Technischen Universität Berlin für die Veranstaltungen Windkraftanlagen I sowie Windkraftanlagen II. Liersch hat als Berater und Experte bereits Projekte in mehr als 20 Ländern betreut. Er ist Mitautor des Buchs „Wind Power Plants“ und „Windkraftanlagen“.

Jennifer_RittermeierDas Interview führte: Jennifer Wienand
Position im VDI: Referentin PR/Öffentlichkeitsarbeit bei der VDI Wissensforum GmbH
Aufgabe im VDI: Presse- und Öffentlichkeitsarbeit

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