Entscheidungsfindung von Unternehmen in Zeiten der vierten industriellen Revolution

Machtbeziehungen und Digitalisierung der Industrie 4.0

Heute unterliegen Industrieunternehmen den Wechselwirkungen globaler und regionaler Netzwerke. Kaum etwas bleibt ohne Auswirkungen. Globale Ereignisse beeinflussen ihr Handeln auf der regionalen Ebene. Regionale Interessenlagen nehmen wiederum Einfluss auf ihre globalen Handlungsmöglichkeiten. Entscheidungsfindung von Industrieunternehmen bewegt sich in Zeiten der vierten industriellen Revolution innerhalb dieses Spannungsbogens.

Bild: Thomas Ernsting / LAIFMachtbeziehungen und Digitalisierung der Industrie 4.0_702x363px-V1

Gerade in Zeiten des Umbruchs ist das Feld offen. Plötzlich und unerwartet treten Lücken auf. Machtbeziehungen brechen auseinander. Neue Akteure sehen Chancen in bisher kaum erreichbare Gebiete hineinzudrängen, sich dort erfolgreich gegenüber Platzhirschen zu behaupten. Die Gefahr ist groß, zurückzufallen und ins Hintertreffen zu geraten. Vor diesem Hintergrund befasst sich der vorliegende Artikel mit Machtbeziehungen und ihren Bedeutungen für Prozesse der Entscheidungsfindung von Führungskräften im Handlungsfeld Digitalisierung der Industrie 4.0.

Entscheidungsfindung in revolutionären Zeiten ist doch vor allem durch Unsicherheit geprägt. Die Lage ist unübersichtlich. So viel geschieht in relativ kurzer Zeit. Im Grunde wäre das nicht beunruhigend, wenn man genau wüsste, was sich alles verändert. Erleben wir nur kleine oder mittlere Verschiebungen innerhalb bestehender Systeme, also der gewohnten Umgebung? Oder sind diese Ereignisse von grundlegender Natur? Gefährden sie beispielsweise eigene Geschäftsmodelle industrieller Produktion von Waren und Gütern, weil diese den Bedürfnissen und Wertvorstellungen der Kunden nicht mehr entsprechen?

Individualisierung der Produktion
Nehmen wir das Phänomen „Individualisierung der Produktion“. Wir können heute sehen, wie sehr Digitalisierung Einfluss auf industrielle Produktion nimmt. Mit modernster Informationstechnik ist beispielsweise die Losgröße 1 machbar. Die Kontrolle von Art und Güte der Produkte ist während der gesamten Wertschöpfungskette möglich.

Die individualisierte Fertigung in interaktiven Netzwerken wird die standardisierte Massenfertigung aus monokausalen Prozessen und Verfahren zunehmend verdrängen. Hier ist die „Smart Factory“ Knotenpunkt digitaler Wertschöpfungsnetzwerke industrieller Produktion und Dienstleistungen. Ihre Leistungsfähigkeit fußt in einem hohen Maß auf Mechanik, Automation und Digitaler Kommunikation. Diese Entwicklung ist eine Herausforderung. Wenn Industrieunternehmen den Wandel von der standardisierten Massenfertigung zu individualisierter Fertigung nicht aktiv gestalten, dann schwächen sie sich selbst. Eigene Machtpositionen für die Auseinandersetzung mit Wettbewerbern um die Aufmerksamkeit und Bindung von Kunden gehen verloren. Machtressourcen entgleiten ihnen. Die Einflussnahme auf Kaufentscheidungen schwindet. Im politischen Kontext büßen sie ebenfalls an Bedeutung ein. Nur „Führende Unternehmen“ in der Entwicklung innovativer Techniken, der effizienten und effektiven Nutzung von Ressourcen, der Gestaltung moderner betrieblicher Arbeitswelten haben hier Einfluss.

Um in dieser kritischen Situation als Industrieunternehmen in der Auseinandersetzung mit bekannten und neuen Akteuren die notwendige Agilität zu haben, müssen sie ihre Gestaltungsmacht erhalten.

Machtbeziehungen als Aspekte der Entscheidungsfindung
Derzeit sehen sich viele Führungskräfte in einem dynamischen Umfeld. Dies erschwert das Treffen von Entscheidungen. Warum sind Machtbeziehungen hier bedeutsam? Machtbeziehungen sind Aspekte der Entscheidungsfindung, weil sie Unternehmen etwas über die Stärke und den Einfluss von Wettbewerbern sagen. Daraus lassen sich wertvolle Hinweise für die Entwicklung von Entscheidungsszenarien ableiten.

Doch wie finde ich heraus, was überhaupt machbar ist, damit ich Machtbeziehungen erhalten und neue knüpfen kann. Eine Mach(t)barkeits-Studie kann hier helfen, relevante Informationen zu generieren. Sie fokussiert Erkenntnisse zu drei Aspekten. Der erste Punkt ist die Identifizierung von einflussreichen Stakeholdern im Umfeld des Unternehmens. Im zweiten Schritt geht es um die Benennung formeller und informeller Aspekte der Macht. Und drittens zeigt sie Konzepte, Strategien und Handlungsempfehlungen zur Nutzung von Machtressourcen für die Umsetzung von Unternehmensinteressen in Wirtschaft und Politik. Die Mach(t)barkeits-Studie ist die Grundlage für ein professionelles Interessenmanagement sowie zentraler Bestandteil von Prozessen zur Organisation strategischer Unternehmenskommunikation.

Jetzt können Industrieunternehmen sich erfolgreich der Diskussion zur Digitalisierung der Industrie 4.0 stellen. Sie haben die Chance Einfluss auf technische und rechtliche Bedingungen digitaler industrieller Produktion zu nehmen. Indem sie beispielsweise an der Entwicklung und Umsetzung neuer Standards für Verfahren und Prozesse mitwirken. Es öffnen sich Handlungsspielräume, in denen sie bestehende Machtpositionen entwickeln und neue aufbauen können. Das stärkt ihre Attraktivität als Partner für die Bildung strategischer Allianzen und operativer Kooperationen. Im Spannungsbogen globaler und regionaler Netzwerke sind sie so Gestalter digitaler industrieller Produktion.

Bild: privatElmar Niederhaus_Porträt_IMGÜber den Autor: Elmar Niederhaus ist Politologe mit dem Fachgebiet Politische Kommunikation. Er ist spezialisiert auf Analyse und Gestaltung von Machtbeziehungen in Politik und Wirtschaft. Sein Schwerpunkt ist Politische Kommunikation zur Digitalisierung der Industrie 4.0. Er ist Initiator und Leiter des Projektes Leadership für Politik und Wirtschaft. Aktuell arbeitet er an seinem zweiten Buch zu Digitalisierung und Leadership in Change-Prozessen.

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