Experten-Interview

Betriebsingenieure auf dem Vormarsch

Dr. Sebastian Zeck ist seit 2016 freiberuflicher Berater und ehemaliger Top-Manager der BASF. Er leitet seit Anfang dieses Jahres zusammen mit Frau Prof. Dr. Katja Gutsche und Herrn Michael Weihrauch den neuen Zertifikats-Lehrgang „Betriebsingenieur VDI“ der VDI Wissensforum GmbH.

Bild: Thomas Ernsting / LAIFcsm__A7H1748_ebd7faeefd

Teilnehmer des Lehrgangs sind unter anderem Chemie-, Maschinenbau- und Elektrotechnikingenieure sowie Verfahrenstechniker aus den Bereichen Produktion, Instandhaltung, Betrieb, Projektierung, und technischer Service.

Bild: BASF SEDr Sebastian ZeckHerr Dr. Zeck, Ihre Tätigkeit bei BASF SE reicht bis in das Jahr 1985 zurück, zuletzt als Vice President Site Engineering LU. Was waren Ihre Höhepunkte in dieser Zeit und was veranlasste Sie schließlich dazu, den Lehrgang bei der Entwicklung und Betreuung zu unterstützen?
Bei allen meinen beruflichen Stationen hatte ich spannende Aufgaben zu bewältigen und knifflige Probleme zu lösen. Im Mittelpunkt standen immer die Kollegen und Mitarbeiter, die mich dabei beraten und unterstützt haben. Das Salz in der Suppe bildeten stets die Themen rund um die Planung und den Betrieb von großtechnischen Anlagen. Für mich ist es immer wieder faszinierend wie aus einer Fülle von Eingangsinformationen und Randbedingungen, mit Hilfe von erlerntem Fachwissen und einer Menge Betriebserfahrungen, eine funktionstüchtige Großanlage entsteht und betrieben wird. In großen Verbundstandorten wie Ludwigshafen laufen mehr als 300 Anlagen, die miteinander stofflich, energetisch und informationstechnisch gekoppelt sind. Für mich immer wieder eine Meisterleistung! Einen ganz erheblichen Teil, dass dieses beeindruckende Räderwerk reibungslos funktioniert, haben die Betriebsingenieure. Da ich aus eigener Erfahrung deren Aufgabengebiet sehr gut kenne und im Laufe meiner Berufsjahre immer mehr schätzen gelernt habe, war ich sehr gern bereit, als mich der VDI anfragte, ob ich beim Aufbau und Betreuung eines Zertifikatlehrgangs mitwirken möchte.

Wie sehen Sie die aktuelle Stellung des Berufsbildes der Betriebsingenieure im industriellen Markt?
Viele Absolventen von Fachhochschulen und Universitäten, auch aus den Disziplinen der Prozesstechnik, kennen das Berufsbild eines Betriebsingenieurs entweder überhaupt nicht oder nur unzureichend. Dabei ist der Beruf extrem vielfältig, abwechslungsreich und herausfordernd. Nahezu alle Betriebsingenieure, die ich bisher getroffen habe, sind begeistert von ihren Aufgaben und Herausforderungen und oft klingt eine Menge Stolz über das mit, was sie alles leisten und bewegen. Dies war der Hauptgrund warum vor mehr als 10 Jahren die Initiative „Plattform für Ingenieure in der Produktion“ gegründet wurde. Hier bieten wir die Möglichkeit sich miteinander auszutauschen und für das Berufsbild zu werben. Insbesondere durch die demographische Entwicklung wird der Bedarf an qualifizierten Betriebsingenieuren in den nächsten Jahren enorm wachsen.

Was kann Ihrer Meinung nach getan werden, um qualifizierte Fachkräfte in die Unternehmen zu bringen?
Der klassische Weg junge Absolventen über viele Jahre als Assistenten bei einem erfahrenen Betriebsingenieurskollegen „mitlaufen“ zu lassen funktioniert aus den demographischen Gegebenheiten bereits heute nicht mehr. Entweder man wirft die Kollegen direkt „ins kalte Wasser“ oder sie erhalten beim Start bzw. berufsbegleitend die Möglichkeit notwendiges Erfahrungswissen in kompakter Form aufzunehmen und so schnell einen hohen Effektivitäts- und Effizienzlevel zu erreichen. Letzteres wird in idealer Form durch den Zertifikatlehrgang „Betriebsingenieur VDI“ erreicht. Damit sparen die Unternehmen eine Menge an eigenen Aufwendungen, die sich mittelständische und Kleinunternehmen überhaupt nicht leisten können – eine perfekte Win-win-Situation für Teilnehmer und Unternehmen.

Wie setzt sich der Lehrgang zusammen?
Der Lehrgang besteht aus vier Pflicht- und drei Wahlmodulen. Diese zwei- bis viertägigen Seminare werden mehrmals jährlich angeboten und bieten daher eine hohe Flexibilität. Die Teilnehmer können jederzeit einsteigen und den Besuch der Seminarmodule Ihrem Arbeitsprozess anpassen. Die Pflichtmodule beinhalten Themen zu den Grundlagen des Betriebsingenieurs, dem Asset- und Instandhaltungsmanagement, sowie dem Planungs- und Projektmanagement. Mit der Auswahl aus neun Wahlpflichtmodulen legen Sie Ihren individuellen und persönlichen Schwerpunkt, z. B. in den Bereichen Verfahrenstechnik, Rohrleitungen, Projektmanagement oder Instandhaltung. Mit Abschluss aller Module nehmen die Teilnehmer optional an einem Prüfungsvorbereitungskurs teil, um anschließend die Zertifikats-Prüfung in einem mündlichen und einem schriftlichen Teil zu durchlaufen.

An wen richtet sich der Lehrgang und welche beruflichen Vorteile haben die Absolventen?
Der Lehrgang richtet sich an Unternehmen aus der chemischen und verfahrenstechnischen Industrie. Teilnehmer sind unter anderem Chemie-, Maschinenbau- und Elektrotechnikingenieure sowie Verfahrenstechniker aus den Bereichen Produktion, Instandhaltung, Betrieb, Projektierung, und technischer Service. Ansprechen möchten wir technische Fach- und Führungskräfte sowie  Projektleiter, die bereits Berufserfahrung im Betrieb erworben haben oder in den Betrieb von Anlagen einsteigen möchten.  Zulassen zum Lehrgang können wir jeden, der einen ingenieurwissenschaftlichen Hochschulabschluss hat und über mindestens drei Jahre Berufserfahrung verfügt. Diese muss jedoch erst zum Zeitpunkt der Zertifikatsprüfung nachgewiesen werden. Nach erfolgreichem Bestehen erhält der Teilnehmer den Titel „Betriebsingenieur VDI“. Auch für Nicht-Ingenieure bieten wir die Möglichkeit unseren Zertifikatslehrgang zu absolvieren. Die einzige Voraussetzung sind dann die drei Jahre Berufserfahrung. Nicht-Ingenieure erlangen den Titel „Fachexperte Anlagenbetrieb VDI“.
Durch die Expertise und jahrelange  betriebliche Tätigkeit der Referenten erhalten die Teilnehmer in kompakter Form Zugang zu eigens zugeschnittenem Erfahrungswissen, das sie nirgends an einer Hochschule bzw. Universität so vermittelt bekommen. Die intensive Vernetzung und der Austausch mit den anderen Lehrgangsteilnehmern ermöglicht auch über den Abschluss des Zertifikatlehrgangs hinaus einen perfekten Zusatznutzen. Wir haben bei der Auswahl der Referenten und Themen sowie den Inhalten Wert auf Qualität gelegt. Die erfolgreiche Absolvierung der Zertifikatprüfung stellt zudem eine hohe Hürde für die Teilnehmer dar. Soweit ich den Ausbildungsmarkt überblicke, bilden alle diese Faktoren für die Teilnehmer eine einmalige Konstellation und Gelegenheit, sich auf ein exzellentes Niveau hin zu entwickeln.

Wie lange dauert es, den Lehrgang zu absolvieren?
Durch die flexible Gestaltung der Seminarbesuche liegt es an jedem selbst, in welchem Zeitraum er den Lehrgang absolvieren möchte oder kann. Lässt es die Arbeit oder das Privatleben gerade nicht zu, kann der Teilnehmer ruhig ein paar Monate pausieren und die noch fehlenden Module dann absolvieren. Die Zertifikatsprüfung sollte jedoch spätestens zwei Jahre nach der Anmeldung abgelegt werden.

Weitere Fragen zum Lehrgang? Kontaktieren Sie mich gerne.

Bild: privatMona RemmelDas Interview führte: Mona Remmel
Position im VDI: Veranstaltungsorganisation beim VDI Wissensforum
Aufgabe im VDI: Beratung und Betreuung der Lehrgangs-Teilnehmer, Organisation der Zertifikats-Lehrgänge
Kontaktdaten: remmel@vdi.de, 0211/6214-606

 

Berufliche Laufbahn des Lehrgangsleiters:
Nach seiner Dissertation zum Dr.-Ing. an der TU Berlin begann Dr. Sebastian Zeck 1985 seine Laufbahn bei BASF. Er durchlief Stationen in der verfahrenstechnischen Entwicklung und als Leiter einer Gruppe von Betriebsingenieuren zur Betreuung von Produktionsanlagen. Nachfolgend ergab sich eine Führungsfunktion für das deutsche Hochdruck-Pipelinenetz der Wintershall GmbH in Kassel sowie eine neue Herausforderung als ingenieurtechnischer Verantwortlicher für die Labor- und Technikumsanlagen der Forschung und Entwicklung in Ludwigshafen.

2007 wurde er zum verantwortlichen Leiter für das Site Engineering mit ca. 650 Mitarbeitern ernannt. Diese Einheit war für die Investitionsprojekte und Anlagenänderungen aller Produktionsanlagen verantwortlich. Eine der wesentlichen Aufgaben Dr. Zecks war es, neben der operativen Führung der Einheit, die strategische Weiterentwicklung von Prozessen, Methoden und Werkzeugen voranzutreiben. Ab 2014 war er für das Thema Change Management bei der Einführung der neuen globalen Engineering und Maintenance Strategie des Kompetenzbereichs Engineering & Maintenance der BASF SE verantwortlich.

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