Mögliche Panne im Fall Peggy

Kann nicht passieren gibt‘s nicht

Wie kann es passieren, dass DNA-Spuren am falschen Tatort auftauchen? Der sensationelle Fund von DNA-Spuren des NSU-Terroristen Böhnhardt im Zusammenhang mit dem Mordfall Peggy ist geplatzt wie eine Seifenblase. Wie kann das eigentlich passieren?

Ein Tatort ist für die Ermittler eine streng kontrollierte Umgebung, ebenso wie ein Reinraum in der Pharma- oder Halbleiterindustrie: Nichts darf von außen dorthin vordringen, denn es könnte Spuren überdecken oder vortäuschen. Genau das könnte hier passiert sein.

Bild: 06photo /shutterstockReinraum

In der Medizin kennen wir es alle nicht anders, als dass alles Material für bestimmte Zwecke nur einmal verwendet wird, beispielsweise Kanülen. Die mehrfache Verwendung von Kanülen beispielsweise ist ein Faktor für das erhöhte AIDS-Risiko bei drogenabhängigen Menschen. Weil Kanülen für sie wertvoll, weil schwer zu beschaffen sind, werden sie mehrfach verwendet. Auch in der Reinraumtechnik und natürlich der Forensik, die sich hier die Reinraumtechnik zunutze macht, gibt es Geräte, die zu teuer sind, um sie nach einem Gebrauch einfach zu entsorgen. Sie werden also gereinigt und weiter genutzt. Ganz klar: Wenn die Reinigung nicht 100%ig war, kann eine Kontamination von einem Tatort zum anderen getragen werden und dort eine falsche Spur vortäuschen.

Wie kann man das lösen?
Die naheliegende Lösung wäre, alles, wirklich alles Material, das die Ermittler nutzen, nur einmalig zu verwenden. Aber wollen – können – wir das? OK, rhetorische Frage: Es ist nicht nachhaltig machbar, weder aus wirtschaftlicher Sicht noch aus ökologischer, denn Einwegmaterialien kosten auch Geld und wer den (Sonder-)Abfallberg eines Krankenhauses kennt, erkennt sofort, welche Mengen an Rohstoffen hier verworfen werden.

Also muss man eine Grenze ziehen und bestimmte Materialien mehrfach nutzen. Die nötigen Prozesse sind bekannt und werden seit den 1970er Jahren in der Richtlinienreihe VDI 2083 beschrieben und fortgeschrieben. Aber jeder Prozess ist fehlerbehaftet. Die Abgrenzung zwischen vernünftiger Wiederverwendung und nötigem Verwurf ist bei technischen Prozessen natürlich einfacher, nach wirtschaftlichen Gesichtspunkten, zu treffen als bei juristischen Fragestellungen. Es kommt hinzu, dass sich die Nachweisgrenzen ständig verschieben: Detektionsverfahren für Spuren werden empfindlicher. Und „empfindlich“ ist hier ein zweischneidiges Schwert: Es bedeutet einerseits, dass auch kleinere Spuren entdeckt werden – der Kriminelle muss noch vorsichtiger werden, um nicht entdeckt zu werden –, aber „empfindlicher“ ist eben auch anfälliger für Störeinflüsse: Kleinere Fehler bei der Spurensicherung fallen auch auf.

Klar, dass bei dieser Panne reflexartig wieder argumentiert wird, man müsse mehr Geld in die Forensik stecken. Das allein wird jedoch sicher nicht die Lösung sein. In den Anfangstagen der Reinraumtechnik hat man auch den Produktionsprozess wie eine Heilige Kuh behandelt und ihm alles gegeben, was er brauchte. Später stellte sich dann heraus, dass manche Produkte so nicht mehr bezahlbar waren.

So einfach ist es also vielleicht nicht. Klar ist, dass die Panne möglichst umfassend aufgeklärt werden muss. Und daraus muss folgen, dass die forensischen Prozesse nach den resultierenden Erkenntnissen angepasst werden – sei es, dass mehr Einwegmaterial verwendet wird, sei es, dass eine bessere Prozesssteuerung stattfindet. Beides könnte in der Tat ein paar Euro mehr kosten. Aber es ist wichtig, dass „Beweise“ über jeden vernünftigen Zweifel erhaben bleiben. Und trotzdem wird es immer wieder Pannen geben.

Thomas WollsteinAutor: Thomas Wollstein
Position beim VDI: Technisch-wissenschaftlicher Mitarbeiter in der VDI-Gesellschaft Bauen und Gebäudetechnik, Betreuer Fachbereich Facility-Management, Mitarbeit im Fachbereich Technische Gebäudeausrüstung.
Aufgabe beim VDI: Technische Regelsetzung, Mitgliederbetreuung und -gewinnung

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