VDI/BTGA/ZVSHK 6023 Blatt 2 zur Gefährdungsanalyse

Keime im Trinkwasser – Sterilfilter als DIE Lösung?

Trinkwasser ist ein Lebensmittel, und ein streng zu kontrollierendes noch dazu. Das August-Heft „Test“ der Stiftung Warentest brachte ernüchternde (Wieso eigentlich? Von Wasser bekommt man doch gar keinen Rausch.) Ergebnisse bezüglich der Qualität von Mineralwässern ans Licht. Trinkwasser hingegen, umgangssprachlich auch Leitungswasser genannt, sah recht gut aus. Also: Trinken Sie Wasser aus dem Hahn, das man im Rheinland auch Kraneberger nennt!

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Das gilt aber nur, wenn die Trinkwasser-Installtion, der es entnommen wird, nicht nur richtig geplant und errichtet, sondern auch betrieben wird. Um bedenkliche Qualitätseinbußen zu vermeiden, gilt nach Trinkwasserverordnung eine Probenahmepflicht. Diese Pflicht trifft zunächst den Eigentümer der Installation im Rahmen seiner Verkehrssicherungspflicht: Wer Wasser an andere abgibt, wie ein Vermieter oder ein Arbeitgeber, muss die Nutzer vor Gefahren schützen, die von diesem Wasser ausgehen können. Was aber tun, wenn eine Probe aufzeigt, dass die Trinkwasser-Installation verkeimt ist? Dann ist eine Gefährdungsanalyse durchzuführen: Durch eine sachverständige Vor-Ort-Untersuchung, Prüfung aller Unterlagen, Probenergebnisse usw. wird festgestellt, was zu der Verkeimung geführt hat, und es werden Maßnahmen zur Behebung vorgeschlagen.

Häufig werden nahezu reflexartig sogenannte Sterilfilter vorgeschlagen. Der Name klingt schon gut, und die Dinger sind auch klasse: Kein Keim kommt mehr durch. Also alle Probleme gelöst? Wohl eher nicht.

Wohin gehen die Keime, die nicht durch das Filter passen? Auf magische Weise verschwinden werden sie ja nicht. Sie reichern sich auf der Zulaufseite, d. h. vor dem Filter, aber in der Trinkwasser-Installation, an. Wir haben dann vor dem Sterilfilter ganz sicher kein Trinkwasser mehr, sondern Keimsuppe, streng genommen eine Flüssigkeit der Kategorie 5 nach DIN EN 1717: Wasser, das Krankheitserreger enthält. Man könnte denken, das macht nichts, da die Keime ja eingesperrt sind und das Wasser ja eigentlich immer nur durch das Sterilfilter nach draußen strömen sollte. Das stimmt aber nur so lange, wie es nicht zu Druckschwankungen, beispielsweise durch Eingriffe in die Installation oder durch plötzliche Entnahme großer Mengen kommt. Kommt es zu einer Druckschwankung in der Trinkwasser-Installation, kann die „Keimsuppe“ in das ganze Netz zurückgesaugt werden. Wenn also zuvor nur ein kleiner Teil der Trinkwasser-Installation verkeimt war, hat man danach evtl. das große Los gezogen und die Keime überall.

Normalerweise müsste man das Trinkwassernetz vor Flüssigkeiten der Kategorie 5 durch eine Sicherungseinrichtung nach DIN EN 1717 schützen, konkret durch einen sogenannten freien Auslauf. Ein freier Auslauf z. B. vor einer Duscharmatur? Geht nicht. Sterilfilter sind also allenfalls als temporäre – kurzzeitige – Sofortmaßnahmen statthaft: Wenn eine Zapfstelle aus welchem Grund auch immer unbedingt weiter nutzbar bleiben muss, kann man als Notfallmaßnahme zeitweise ein Sterilfilter einbauen.

Schlimm, dass solche Filter in Gefährdungsanalysen für Trinkwasser-Installationen nicht immer mit dem Hinweis auf den nur KURZzeitigen Gebrauch empfohlen werden, aber tatsächlich gibt es wohl viele Gefährdungsanalysen, die so fehlerhaft sind, dass sie eher gefährdungsverschlärfend wirken. Aus diesem Grund hat der VDI zusammen mit den beiden anderen wichtigsten Verbänden der Branche den Richtlinienentwurf VDI/BTGA/ZVSHK 6023 Blatt 2 zur Gefährdungsanalyse herausgegeben, der u. a. die Qualifikation derjenigen festlegt, die Gefährdungsanalysen durchführen. Am 18. Januar 2017 wird es zu diesem Entwurf ein Expertenforum geben, das Interessierten die Möglichkeit bietet, sich aus erster Hand bei den Mitgliedern des Richtlinienausschusses über die Richtlinie zu informieren.

Thomas WollsteinAutor: Thomas Wollstein
Position beim VDI: Technisch-wissenschaftlicher Mitarbeiter in der VDI-Gesellschaft Bauen und Gebäudetechnik, Betreuer Fachbereich Facility-Management, Mitarbeit im Fachbereich Technische Gebäudeausrüstung.
Aufgabe beim VDI: Technische Regelsetzung, Mitgliederbetreuung und -gewinnung

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