Bosch veröffentlicht Industriestandard zum Austausch von Daten in vernetzter Industrie

Müssen KMU ihre Daten jetzt an die Großen abgeben?

Gerade hat Bosch das „PPM-Protokoll“ (PPMP, Production Performance Management Protocol) veröffentlicht – einen  Industriestandard zum Austausch von Daten in der vernetzten Industrie. Es kommt zum richtigen Zeitpunkt, denn offene Standards sind die Enabler von Innovationen für die Digitale Transformation. Doch was heißt das für Zulieferer? Müssen sie alle ihre Daten jetzt preisgeben und was haben sie dann davon?

Bild: Thomas Ernsting / LAIFfolie1

Was ist das PPM-Protokoll?
Das PPM-Protokoll ist ein neuer und offener Industriestandard zum Austausch von Daten in der vernetzten Industrie. Es ermöglicht, dass Daten von Sensoren von Zulieferbetrieben schnell, einfach und sicher an Produktionssysteme in nachgelagerten Lieferketten übertragen werden können. Das Protokoll ist frei verfügbar und kostenlos.

Warum müssen wir unsere Daten anderen Unternehmen geben?
Wir müssen lernen, Daten über Unternehmensgrenzen hinweg auszutauschen, damit wir flexibel werden. Wir müssen Kooperationspartner finden und mitnehmen können, um neuartige, digitale Geschäftsmodelle, bei denen Produkte und Dienstleistungen verschmelzen, einführen zu können. Wir müssen in unseren Unternehmen in Deutschland den Kontakt zum Kunden behalten, indem wir Services anbieten, die auf Daten beruhen, die unsere Produkte beim Kunden generieren. Um das realisieren zu können und in der Digitalen Transformation nicht zu einer Art verlängerter Werkbank der Internetgiganten zu werden, müssen wir lernen, zu vertrauen, Daten auch an unsere Partnerunternehmen abgeben und gemeinsam Services anbieten, denn hier liegt das größte Innovationspotenzial der heutigen Zeit.

Kann ich anderen Unternehmen überhaupt so weit vertrauen?
Wir befinden uns in professionellen, vertikalen Märkten, also Märkte, in denen ein Produzent eines komplexen, technischen Produkts, wie beispielsweise eines Autos, von Zulieferern mit Modulen versorgt wird, die wiederum ihrerseits Zulieferer haben, bis wir in etwa siebter Ebene zu dem Hersteller des Ausgangsmaterials von Leiterplatten kommen. Gerade in diesen vertikalen Märkten liegt eine unglaubliche Stärke und gerade hier ist Deutschland besonders gut aufgestellt: Wir können in eingeübten Kunden-Lieferanten-Beziehungen, in zum Teil vertrauensvollen, über Jahre funktionierenden Supply-Chains, einen solchen Datenaustausch „üben“ und damit Bindungen und Vertrauen sogar weiter festigen. Wenn wir es in Deutschland nicht schaffen, über den Tellerrand zu schauen und andere Unternehmen einzubinden, werden es andere schaffen. Eventuell jemand aus den USA oder China…

Profitieren davon denn nicht nur die großen Unternehmen?
Das ist keine Frage der Unternehmensgröße. Wenn Unternehmen nicht bereit sind, Daten an Partner abzugeben, können gemeinsam neue, smarte Services wie vorausschauende Instandhaltung, Remote Services oder beim Endkunden Apps mit Services zur Überwachung ihres Energieverbrauchs nicht mehr angeboten werden. Außerdem müssen wir flexibler werden, um schneller auf marktseitig geforderte Produktwechsel, neue kundenseitig geforderte Mengen oder Varianten eingehen zu können. Das können wir nur in modularen Produktionen erreichen. Wenn wir weiterhin als Großunternehmen oder als KMU in starren Hierarchien und Märkten verharren, werden andere das Rennen machen.

Kann denn eine modulare Produktion funktionieren?
Nur wenn Systemgrenzen überwunden werden, wird die Vision einer modularen Produktion Wirklichkeit werden können. Logische, softwaretechnische, aber auch technische Schnittstellen stehen derzeit noch dieser Modularisierung entgegen. Hier wurde nun ein erster Schritt geschafft, Systembrüche zu überwinden – und das über die Grenzen des eigenen Unternehmens hinweg.

Wieso müssen Systembrüche vermieden werden?
In einzelnen, sehr großen Unternehmen mag es möglich sein, Systembrüche – also beispielsweise von der F&E-Abteilung zur Konstruktionsabteilung bis zur Produktion – durch hohe Investitionen in durchgängige, proprietäre Systeme zu überwinden. In der Unternehmenspraxis, vor allem im Mittelstand, ist das finanziell aber nicht stemmbar. Man muss der Anlagenrealität ins Auge schauen. Hier sind wir weit entfernt von Plug & Produce, also der stoßfreien Integration über Versionsgrenzen von Automatisierungskomponenten hinweg. Synchronisierung ist eine echte Herausforderung.

Wann kommt Industrie 4.0?
Industrie 4.0 sind ganz viele Versprechen, aber es sind noch ganz viele Komplexitäten zu überwinden. Dennoch: Wir sehen Licht am Ende des Tunnels. Wenn wir alle, wie Bosch mit dem Vorstoß des PPM-Protokolls, gemeinsam daran arbeiten, werden sich die Lösungen aller Unternehmen, die hier auf ein gemeinsames Ziel hin arbeiten, wie Perlen an einer Schnur aufreihen und nachher eine wunderschöne (Wertschöpfungs-)Kette ergeben. Doch solange Austauschformate weiterhin von den meisten Unternehmen proprietär gehandhabt werden, wird es keine revolutionären Sprünge geben. Also: Geben Sie sich einen Ruck und machen Sie mit – die Zeit ist da.

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Autorin: Dr.-Ing. Dagmar Dirzus
Position im VDI: Geschäftsführerin der VDI/VDE-Gesellschaft Mess- und Automatisierungstechnik

 

 

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