Top-Themen in diesem Jahr: Digitalisierung und Systemlösungen

Rückblick auf eine Rekord-Medica 2016

Zwei Trendthemen waren unübersehbar. Nummer 1: Ein Produkt allein reicht nicht mehr aus, sondern sollte in eine Systemlösung eingebettet sein. So lautet die Marschrichtung unter anderem bei der Richard Wolf GmbH aus Knittlingen. Das Unternehmen stellte ein neues Navigationssystem für die Hals-Nasen-Ohren-Diagnostik vor. Es bietet außerdem Lösungen für die so genannte OP-Integration an, also die zentrale Steuerung verschiedener Geräte und Einrichtungen unterschiedlicher Hersteller.

Bild: VDI TZ/Ehrhardt-Joswig

Trendthema Nummer 2: die die Digitalisierung der Medizintechnik. Sie kam zum Beispiel in Gestalt des Roboters Pepper daher, den Softbanks Robotics vorstellte. Pepper kann Temperatur und Blutdruck von Patienten messen, Fragen beantworten, den Weg weisen. Er kann Gesichter und Emotionen erkennen. Mit diesen Fähigkeiten ist er für einen Einsatz im Service-Bereich von Krankenhäusern oder Pflegeheimen gut gerüstet.

Einen Roboterassistenten für Gewebebiopsien stellte die Fraunhofer-Gesellschaft vor. Er unterstützt Chirurgen dabei, Interventionsnadeln für tiefe Gewebebiopsien zu platzieren. Auf Grundlage einer Computertomografie errechnet der Roboter Einstichstelle und –winkel. Dort platziert er einen „Needle Guide“, durch den der Arzt die Biopsienadel einführen kann, ohne Gefahr zu laufen, Blutgefäße und Muskelstränge zu verletzen oder versehentlich gesundes Gewebe zu entnehmen.

Neben Robotern halten auch zahllose Virtual Reality-Anwendungen Einzug in die Gesundheitsversorgung. Beispielhaft sei die „Virtuelle Massage“ von Medisana genannt: Durch eine virtuelle Brille wird der Nutzer an die Atlantikküste versetzt, und während er seinen Blick über Wellen, Sand und Himmel schweifen lassen kann, stellt sich sein Sessel in den Massage-Modus.

Mittlerweile unüberschaubar ist der Wearables-Markt. Die Anwendungen haben dabei den Fitness- und Wellnessbereich längst hinter sich gelassen. „Livia“ beispielsweise ist ein Clip, der an den Hosenbund gesteckt wird. Zusammen mit zwei Pads, die auf den Bauch geklebt werden, schaltet das Gerät mittels elektrischer Impulse den Menstruationsschmerz aus. Oder „Adamm“ von Healthcare Originals: Das Sensorpflaster für Asthmatiker kann überall am Oberkörper aufgeklebt werden. Es überwacht Husten und Atmung, misst Temperatur und Herzfrequenz und analysiert pfeifende Atemgeräusche. Droht eine Asthma-Attacke, schlägt eine Smartphone-App Alarm, so dass der Patient inhalieren und den Anfall verhindern kann.

Auch im Bereich Homecare tut sich einiges: Philips stellte das Hausnotrufsystem „HomeSafe“ vor. Dieses besteht aus einer Basisstation und einem am Handgelenk oder um den Hals getragenen Funksender, der mit Sensoren bestückt ist. Das Ganze kann mit „CareSage“ gekoppelt werden: Auf Grundlage der Hausnotrufdaten kann CareSage vorhersagen, wie wahrscheinlich eine Krankenhauseinweisung innerhalb der nächsten 30 Tage ist.

Das polnische Unternehmen Braster präsentierte ein gleichnamiges Gerät, das Frauen eine regelmäßige Brustkrebskontrolle zu Hause erleichtern soll. Im Inneren des Brasters befinden sich flüssigkristalline Verbindungen, die Temperaturveränderungen auf der Hautoberfläche messen können. Bei der Entstehung eines Tumors wird Energie freigesetzt, sprich Tumorgewebe strahlt eine höhere Temperatur ab als gesundes Gewebe. Wird der Braster auf die Brust gesetzt, fertigt er davon eine Wärmebildaufnahme an, die aufs Tablet oder Smartphone überspielt wird. Blaue Flecken in der Aufnahme bedeuten mit hoher Wahrscheinlichkeit Brustkrebs – die Anwenderin sollte sich dann in die Hände eines Arztes begeben.

Auch die ganz klassische Medizintechnik kann von der Digitalisierung profitieren. Das kleine Unternehmen HumanX aus Wildau präsentierte Organmodelle, die auf der Grundlage von MRT-Patientendaten im 3D-Druck gefertigt werden. Sie können in der OP-Planung oder auch bei der Entwicklung und Demonstration von Instrumenten eingesetzt werden.

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HumanX aus Wildau bei Berlin druckt Organmodelle – hier den Torso eines Säuglings. Chirurgen können daran ihren Eingriff planen, Instrumentenbauer ihre Gerätschaften ausprobieren.

Große Überraschungen kommen manchmal ganz unscheinbar daher. Beispiel: der „Sterisafe“ des dänischen Unternehmens Infuser. Er sieht aus wie ein rollender Aktenschrank, ist aber ein Keimkiller. Er wird in ein Patientenzimmer oder den OP-Saal gerollt, entzieht der Umgebungsluft Sauerstoff und wandelt ihn um in Ozon, das er in den Raum bläst. Ozon ist ein Oxidationsmittel – mit anderen Worten: Es verbrennt sämtliche Bakterien, Viren oder Schimmelpilze im Raum. Die Partikel, die dabei entstehen, saugt der silberne Kasten wieder ein. Da Menschen während der Dekontamination nicht zugegen sein dürfen, wird der Sterisafe über ein Tablet vom Nebenraum aus gelenkt. Zudem muss der Raum luftdicht abgeschlossen werden. Die dafür notwendigen Dichtungen und Abdeckkappen werden mitgeliefert.

Ebenfalls eine spannende Innovation ist der Spezial-Inkubator „nomag IC“ von LMT Medical Systems: Darin können Frühgeborene direkt in den Magnetresonanztomografen geschoben werden. Der fahrbare Brutkasten ermöglicht einerseits einen sicheren Transport von der Neonatologie zur Radiologie; zum anderen sind die kleinen Patienten aufgrund der doppelwandigen Bauweise von dem lauten Brummen des Geräts abgeschirmt. Nach Hersteller-Angaben verzichten die meisten Anwender deshalb auf eine Vollnarkose der Kinder.

Mehr zum Thema Digitalisierung der Medizintechnik gibt es auf www.medizintechnologie.de:

Heilen mit Bits und Bytes

Schneller, bitte

Digital vernetzte Gesundheitssysteme entwickeln sich rasant

Bild: privat

Autorin: Jana Ehrhardt-Joswig
Position beim VDI Technologiezentrum: Redakteurin
Aufgaben: Projektleitung Nationale Informationsplattform Medizintechnik, Medizintechnologie.de

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