Warensicherung im Einzelhandel

So funktioniert die elektronische Sicherung von Waren (EAS)

Das Weihnachtsgeschäft ist in vollem Gange, das Gedränge in den Kaufhäusern groß, das Personal gestresst – die Hochsaison für Ladendiebe hat begonnen. Mit der richtigen Warensicherung können Händler den meisten Langfingern in die Quere kommen.Bild: Aaron Amat/shutterstock.comRichtlinie-VDI-4471-Warensicherung-Einzelhandel-T15_702x363

Der Einzelhandel musste letztes Jahr schwere Verluste hinnehmen: Waren im Verkaufswert von über zwei Milliarden Euro wurden laut dem Kölner Handelsinstitut EHI gestohlen – 100 Millionen mehr als im Vorjahr. Im gesamten Einzelhandel summierten sich die Inventurdifferenzen auf vier Milliarden Euro. Hauptursache sind laut EHI-Studie mit einem Anteil von rund 55 Prozent weiterhin die Ladendiebstähle durch Kunden. Aber auch die eigenen Mitarbeiter erleichtern ihren Arbeitgeber um knapp 810 Millionen Euro. Lieferanten und Servicekräften werden etwas mehr als 340 Millionen Euro angelastet. Die restlichen 640 Millionen Euro entfallen auf organisatorische Mängel. Zwar sind 2015 die angezeigten Ladendiebstähle laut polizeilicher Kriminalstatistik um gut 7 Prozent auf insgesamt knapp 400.000 Fälle angestiegen, dennoch bleiben nach Expertenschätzung jährlich mehr als 26 Millionen Ladendiebstähle je im Wert von rund 86 Euro unentdeckt. Gelegenheitsdiebe oder Jugendliche, die sich einer Mutprobe stellen, richten zwar großen Schaden an, die zunehmende Täterschaft sehen Handel und Polizei aber in kriminellen Banden, auf deren Konto geschätzt ein Viertel aller Ladendiebstähle geht. Alleine sie sollen 2015 Waren im Wert von 250 Millionen Euro im Einzelhandel gestohlen haben. Reicht es etwa nicht, dass der Handel im Durchschnitt gut 0,3 Prozent vom Umsatz für Sicherheitsmaßnahmen ausgibt?
Ein Videoüberwachungssystem schreckt bereits viele ab, verhindert aber den Diebstahl nicht. Der Einsatz von Ladendetektiven oder Sicherheitspersonal ist vergleichsweise teuer und lohnt sich erst, wenn der Wert der gestohlenen Waren höher ist als die Kosten für deren Einsatz. Ein anderes Konzept lautet: vorbeugen statt erwischen. Geschulte Testdiebe sind unter anderem ausgebildet, spezifische Schwachstellen wie etwa tote Winkel mit vom Personal schlecht einsehbaren Waren zu erkennen und festzustellen, wie aufmerksam das Ladenpersonal ist. Auch prüfen sie, ob die eingesetzte Technik zur Diebstahlprävention funktioniert und ob sie eventuell erweitert oder aktualisiert werden muss. Diese Frage lässt sich auch mit der Richtlinie VDI 4470 „Warensicherungssysteme“ klären, die eine praxisorientierte Vorgehensweise zur Abnahme und Überprüfung installierter Systeme enthält.

Leistungsfähigkeit von Schleusensystem und Deaktivierungsanlage
Elektronische Artikelsicherungssysteme (EAS-Systeme) kennt jeder: An Bekleidung sind runde oder rechteckige Sicherungsetiketten aus Kunststoff angebracht, an kleineren Waren wie Parfumflaschen befindet sich in oder an der Umverpackung ein etwa 2 mm dicker Sicherungsstreifen. Dieses Konzept heißt Quellensicherung, weil das Sicherungsmittel bereits während des Produktionsprozesses in das Produkt oder die Produktverpackung zum Teil unsichtbar integriert und damit untrennbar mit dem Produkt oder der Produktverpackung verbunden wird und bleibt. Werden diese EAS-Systeme an der Kasse nach dem Bezahlen vom Personal nicht deaktiviert beziehungsweise entfernt – oder eben geklaut –, identifiziert sie die Detektionseinrichtung an der Schleuse am Ausgang berührungslos als nicht bezahlt und ein Alarm wird ausgelöst. So zumindest die Theorie.
Wie effizient die Warensicherung in der Praxis tatsächlich ist, hängt von der Leistungsfähigkeit von Schleusensystem und Deaktivierungsanlage ab. Blatt 1 der Richtlinienreihe VDI 4470 widmet sich den Schleusensystemen, denn nur eine ausreichende Leistungsfähigkeit der Systeme hinsichtlich der Detektionsrate und der Fehlalarme gewährleistet neben einer effektiven Erfassung von Diebstählen auch eine hohe Akzeptanz beim Personal und bei ehrlichen Kunden. Wer will schon durch einen Fehlalarm als vermeintlicher Dieb vor allen anderen Kunden bloßgestellt werden, nur weil bei der Installation des Warensicherungssystems die Umgebungsbedingungen nicht berücksichtigt wurden? Ebenfalls peinlich: ein Alarm durch eine nicht korrekt deaktivierte Sicherung. Die Leistungsfähigkeit von Deaktivierungsanlagen lässt sich deshalb mit Blatt 2 überprüfen.

Und wie sieht es mit den Etiketten selbst aus?
Warensicherungsetiketten lassen sich durch Entfernen oder Ändern ihrer spezifischen Eigenschaften zielgerecht manipulieren. Und dazu müssen sie auch in der Lage sein, denn es gibt verschiedene Technologien, die den unterschiedlichen Gegebenheiten im Handel gerecht werden müssen. Genau dies erläutert die VDI 4471 in vier Blättern.
Weil im Einzelhandel das nachträgliche Anbringen des Sicherheitsetiketts entfällt – und somit auch die hohen Kosten dafür –, sie sich zu niedrigeren Stückkosten herstellen lassen und obendrein weite Bereiche des Sortiments sichern können, werden Quellensicherungen im Handel bevorzugt. Um jedoch eine wirtschaftliche Durchführung der Quellensicherung zu ermöglichen, muss die Anzahl der Systemvarianten auf ein definiertes Maß reduziert werden. Hierzu schafft die Richtlinienreihe VDI 4471 zunächst auf der Basis der Anforderungsprofile aller Beteiligten am Distributionsprozess die Rahmenbedingungen für eine Reduktion der Systemvielfalt im Sinne eines Mindeststandards. Aus diesem Grund legt sie den Schwerpunkt auf die Beschreibung der wesentlichen Funktionsparameter eines Sicherungsetiketts je Technologie. Blatt 1 erläutert zunächst den grundsätzlichen Aufbau von EAS-Systemen zur Quellensicherung und definiert die relevanten Begriffe „Standardanwendungsfall“ und „Beeinflussungsfaktoren in der Logistikkette“. Gerade letztere haben einen großen Einfluss auf die spätere Zuverlässigkeit des Detektionssystems, denn zum einen unterliegt der Produktionsprozess des Sicherungsmittels selbst Qualitätsschwankungen, zum anderen birgt jede Behandlung des Sicherungsetiketts im Produktions- und Distributionsprozess die Gefahr einer Zerstörung dessen Eigenschaften. Inwieweit sich diese Zerstörungen auf die Zuverlässigkeit der Warensicherung auswirken, lässt sich durch die Ermittlung relevanter Größen wie Detektionsrate sowie Deaktivierungs-, Aktivierungs- und Reaktivierungsquote – die Sicherungen sind zum Teil ja wiederverwendbar – bestimmen. Natürlich betrachtet Blatt 1 auch die Kompatibilität der Sicherungen verschiedener Hersteller.
Die anderen Richtlinienblätter beschreiben ausführlich die jeweiligen Technologien: akustomagnetisch (Blatt 2), elektromagnetisch (Blatt 3) und die Radiofrequenztechnologie (Blatt 4). Aufgrund der unterschiedlichen Leistungsmerkmale der Technologien sind sie für spezifische Anwendungsfälle mehr oder weniger geeignet. Generell erfolgt eine Technologieauswahl nach dem Eignungsprofil, dessen wesentliche Kriterien die Schleusenbreite und die erzielbare Detektionsrate sind. Hat ein Einzelhändler zum Beispiel bisher seine Waren nach dem elektromagnetischen Prinzip gesichert und bezieht ein neues Ladenlokal, muss er bedenken, dass seine Sicherung hinfällig ist, wenn seine Kunden nun das Geschäft durch eine breitere Türe verlassen, da die maximale Schleusenbreite nur 1,50 m beträgt. Wechselt er deshalb zur akustomagnetischen Diebstahlsicherung oder RF-Technologie, kann die Schleuse maximal 2,40 beziehungsweise 2,30 m breit sein, und er profitiert von Detektionsraten von 90 Prozent statt wie bisher weniger als 70 Prozent. Allerdings kann er aufgrund der dickeren Sicherungselemente der akustomagnetischen Sicherung (1,89 mm gegenüber 0,09 mm) nicht mehr alle Waren sichern. Etiketten in RF-Technologie sind zwar ebenfalls nur 0,1 bis 0,2 mm dick, lassen sich aber nicht mehr reaktivieren. Dafür können sie als einzige nicht durch eine Fremdtechnologie – die kriminelle Banden häufig verwenden – beeinflusst werden.

Iris_LindnerAutorin: Iris Lindner
Die Diplom-Ingenieurin (FH) ist für uns in Sachen Berichterstattung rund um die VDI-Richtlinien in den sozialen Netzwerken unterwegs.

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Falls Ihr Euch fragt, was eigentlich VDI-Richtlinien sind – dieser kurze Film zeigt es Euch.

Und welchen Einfluss VDI-Richtlinien auf unseren Alltag haben, haben wir in einem Blog-Beitrag für Euch zusammengefasst.

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