Sicherheit fährt mit

Die richtige Ladungssicherung von Waren und Produkten

Für viele bedeutet Ladungssicherung immer noch, die Ware vor Transportschäden zu bewahren. Die Gefahr, die vom Transportgut bei einem Unfall ausgeht, wird dabei leider unterschätzt. Rolf Dänekas erklärt im Interview, warum Ladungssicherung so wichtig ist.

Bild: an Schneckenhaus/shutterstock.comRichtlinie-VDI-2700-Ladungssicherung-Waren-T16_702x363

Auf Deutschlands Straßen kracht es oft. Allein im August dieses Jahres wurden laut statistischem Bundesamt 209.143 Verkehrsunfälle von der Polizei erfasst. Bei 6.462 handelte es sich um schwerwiegende Unfälle, bei denen ein Sachschaden entstand, bei 29.181, an denen 2.517 Lkw beteiligt waren, kamen Personen zu schaden beziehungsweise ums Leben. Die insgesamt „nur“ 145 Unfälle (51 mit Personenschaden, 94 schwerwiegende Unfälle mit Sachschaden), die durch unzureichend gesicherte Ladung verursacht wurden, hätten verhindert werden können – würde der Ladungssicherung etwas mehr Beachtung geschenkt.

Wie gefährlich zum Beispiel bereits ein auf dem Armaturenbrett liegendes Handy bei einem Aufprall werden kann, haben wir hier im Blog schon einmal erklärt. Auch, dass noch immer bis zu 40 Prozent der Ladungen auf Lkw und Transportern mangelhaft gesichert sind und Unfälle durch unzureichend gesicherte Ladung jährlich bis zu 500 Million Euro Schaden verursachen. Warum das so ist und was man dagegen tun kann, verrät der Ladungssicherungsexperte Rolf Dänekas.

Herr Dänekas, die Richtlinienreihe zur Ladungssicherung, die VDI 2700, ist eine der erfolgreichsten des VDI und seit über 30 Jahren auf dem Markt. Warum ist es so wichtig, dass Waren und Güter nach Richtlinie VDI 2700 gesichert sind?
Die Ladungssicherung steht auf drei Säulen:
– Verkehrssicherheit,
– Arbeitssicherheit und
– Qualität.
Seit nun mehr 30 Jahren begleite ich die Arbeiten in diesem speziellen Fachausschuss und kann versichern, dass die gefundenen Ergebnisse, die sich in den einzelnen Richtlinien und Blättern widerspiegeln, ausgewogen und fachlich einwandfrei sind. Die Zusammensetzung der Fachausschüsse ist ausgewogen, sodass alle Sichtweisen durchleuchtet und berücksichtigt werden. Eine nicht ausreichend gesicherte Ladung kann unfallauslösend sein. Das Fahrzeug wird durch eine sich bewegende Ladung unbeherrschbar und kippt um! Die Ladung verlässt bei einer Vollbremsung ihre ursprüngliche Position und stürzt beim Öffnen des Fahrzeugs dem Entlader entgegen! Die Ladung wird so beschädigt, dass der Empfänger sie nicht mehr annehmen kann – mit der Folge, dass er einen Produktionsstillstand hat.

Die Fragen, die nach einem Ereignis gestellt werden, beinhalten auch: War das Ereignis vermeidbar? War die Vermeidbarkeit zumutbar?
Vermeidbar kann mit ja beantwortet werden, wenn die entsprechenden anerkannten Regeln der Technik, also die VDI-Richtlinien zur Ladungssicherung, angewandt werden, und zumutbar ist die Ladungssicherung auf alle Fälle.

Die Ladungssicherung nach VDI 2700 findet vor allem bei LKW Anwendung. Gibt es auch Bestimmungen und Anweisungen für Pkw?
Die Straßenverkehrsordnung gilt auch für die Pkw-Fahrer. Wer Lasten mit dem Pkw transportieren möchte, muss vorab prüfen, ob sein Fahrzeug dafür geeignet ist. Werden zum Beispiel auf dem Dachgepäckträger Lasten transportiert, müssen diese mit geeigneten Hilfsmitteln gesichert werden. Die Fahrzeughersteller bieten sehr gute technische Lösungen an, die im Fahrzeug zur Anwendung kommen. Hierbei handelt es sich um rutschhemmendes Material, Ankerschienen im Bodenbereich, mit denen Sperrbalken eingesetzt werden können. Netze zur Abtrennung des Laderaums zur eigentlichen Fahrgastzelle und vieles mehr. Der Pkw-Fahrer sollte bei einem Neukauf auch seine eigene Sicherheit in die Waagschale legen und sich über diese speziellen Lösungen informieren. Gerade bei Fahrten in den Urlaub können Fahrzeuge gesichtet werden, deren Ladung gerade noch in das Fahrzeug passte. Ist diese Ladung aber ausreichend gesichert? Ist das zulässige Gesamtgewicht eventuell überschritten? Ist die Hinterachslast überschritten? Es wäre wünschenswert, wenn Fahrschüler hierüber aufgeklärt werden, damit sie sich gegebenenfalls an anderer Stelle das erforderliche Fachwissen erwerben können.

Nennen Sie uns doch bitte drei einfach anzuwendende Möglichkeiten, wie man Ladung im Pkw ausreichend sichern kann.
Im Pkw-Kombi sollte eine Abtrennung vorhanden sein (Netz), damit keine Gegenstände den Laderaum verlassen können. Der Ladeboden sollte mit einer rutschhemmenden Matte ausgelegt werden, damit ein Hauptteil der Sicherungskraft über die Reibungskraft erfolgt. Die Ladung sollte stets mit Formschluss an der Rückenlehne anliegen. Der Laderaum sollte – wenn möglich – gleichmäßig ausgefüllt werden. Die Ladung kann nachfolgend mit einem Netz, das über die Ladung gespannt wird, gesichert werden. Im Pkw-Kofferraum (Limousine) kann die Ladung gleichermaßen gesichert werden. Bleibt die Rücksitzbank leer, empfiehlt es sich, die Sicherheitsgurte zu schließen. Das hat den Vorteil, dass bei einem eventuellen Unfall die Rückenlehne in Verbindung mit den Sicherheitsgurten die Ladung zusätzlich sichert.

Was muss gemacht werden, dass eine Ladung bei Lkw ausreichend gesichert ist?
Der Frachtführer und der Verlader müssen die erforderlichen Informationen zum Ladungsgut bzw. zum Transportfahrzeug zur Verfügung stellen können. Dazu zählen zum Beispiel die Abmessungen des Ladeguts, das Gewicht und die Schwerpunktlage innerhalb der Ladung. Wie kann die Ladung oder wie darf sie nur gesichert werden, damit sie keinen Schaden durch die Ladungssicherung erleidet? Diese Informationen sind dem Frachtführer zugänglich zu machen, damit er ein geeignetes Transportfahrzeug aus seinem Fuhrpark entsenden kann. Wo geht die Ladung hin? Ist es ein reiner Straßentransport oder kommt der kombinierte Verkehr zum tragen? Wie wird das Fahrzeug be- und entladen? Das ist nur ein kleiner Auszug an Fragen, die für die Umsetzeng der geeigneten Ladungssicherung beantwortet werden müssen.

Die Sicherung der Ladung bezüglich der Sicherungsmethode und der zu verwendenden Zurrmittel muss aber vom Verlader vorgegeben werden. Das begründet sich in der Tatsache, dass nur der Hersteller und in der Folge der Verlader über das spezielle Fachwissen verfügen können, wie die Ladung gesichert werden darf, damit diese keinen Schaden durch die Sicherung erfährt. Der Lkw-Fahrer sollte jedoch in der Lage sein, die Sicherungsmaßnahme überprüfen zu können. Beispiel: Der Verlader gibt vor, die Ladung mit fünf Zurrgurten mit je einer Vorspannkraft (STF) von 500 daN (kg) zu sichern. Er weist den Lkw-Fahrer an, wo die Zurrgurte über die Ladung geführt werden dürfen. Jetzt muss der Fahrer in der Lage sein nachzuprüfen (mit Tabellen), ob die Anzahl der Zurrgurte ausreichend sein kann. Er kann aber nicht sagen oder prüfen, wo die Zurrgurte über die Ladung geführt werden dürfen, damit diese durch die Sicherung nicht beschädigt wird.

Bild: privatdaenekas_rolf_kleinUnser Experte für Ladungssicherung, Rolf Dänekas, ist seit vielen Jahren ehrenamtlich in unterschiedlichen Richtlinienausschüssen für den VDI aktiv.

 

 

Ist die Ladung in einem Lkw nicht ausreichend gesichert, ist ein Bußgeld von 60 € fällig und es gibt einen Punkt in der Verkehrssünderkartei. Bei einem Unfall sind es 100 € und ebenfalls 1 Punkt, beim Pkw sogar nur 75 €. Angesichts des Sach- und Personenschadens, der dadurch entstehen kann, ist diese Strafe angemessen? Würde eine Erhöhung des Bußgelds zu mehr Sorgsamkeit beitragen?
Es besteht seitens der Behörde die Möglichkeit, durch einen Hebesatz die Beträge nach oben zu verändern. Ob die Strafe 100 € oder 200 € beträgt, ist meines Erachtens zweitrangig. Die Ausfallkosten für den Frachtführer durch vermeidbare Standzeiten bei einer Kontrolle und eventuelle Konventionalstrafen können wesentlich härter treffen. Die Kontrollen durch die Polizei und das BAG können direkt Einfluss auf das Verhalten der Verantwortlichen nehmen. Wenn die Kontrollen aus technischer Sicht zum Ergebnis haben, dass die Fahrt bis zur Behebung des Mangels unterbrochen wird, ist das aus meiner Sicht am effektivsten. Auf europäischer Ebene ist eine Richtlinie erarbeitet worden, die sich mit der technischen Unterwegskontrolle befasst. Diese EU-Richtlinie beinhaltet auch die Kontrolle der Ladungssicherung. Ab Mai 2017 muss diese EU-Richtlinie umgesetzt und ab Mai 2018 verbindlich angewendet werden. Das bedeutet, dass die Beteiligten im Vorfeld sich intensiv mit den VDI-Richtlinien auseinandersetzen sollten.

Wer trägt die Verantwortung bei einem Schaden? Der Fahrer, der Lademeister oder der Frachtführer?
Diese Frage kann man nicht pauschal beantworten, hier muss der Einzelfall betrachtet werden. Nehmen wir als Beispiel den Transport einer großen Kiste mit sensibler Technik.
Die Ladung wird auf ein Fahrzeug gestellt und nach Weisung gesichert. Am Bestimmungsort weist die Kiste einen äußeren Schaden auf. Jetzt muss untersucht werden, wo der Schaden entstand und wie er überhaupt entstehen konnte. War die Kiste zu schwach dimensioniert kann das in der Verantwortung des Absenders liegen. Wurde die Kiste unterwegs umgeladen kann die Ursache beim Verlader liegen.

Wurde die Ursprüngliche Sicherung nicht wieder hergestellt, die Kiste stand nun ungesichert auf dem Lkw, kann das den letzten Verlader und den Lkw-Fahrer treffen. Der Sachverhalt kann so komplex sein, dass es auch mehrere Beteiligte treffen kann. Was aber alle am Transport Beteiligten wissen sollten ist: Keiner kann sich seiner Verantwortung entziehen. Sobald öffentliches Interesse besteht, wird das in den Untersuchungen immer wieder sehr deutlich.

Welche sind die häufigsten Fehler bei der Ladungssicherung?
Zeitdruck!
Alle am Transport Beteiligten unterliegen einem permanenten Leistungs- und Kostendruck. Es gibt sicherlich einige wenige, die sich nicht an die Gesetze und Richtlinien halten und auch nicht halten wollen. Aber das ist eine Minderheit! Ein verantwortungsvoller Frachtführer wird sein Fahrpersonal sicher nicht absichtlich in Gefahr bringen – und ein Lkw-Fahrer wird sich selber auch nicht freiwillig in Gefahr bringen. Man könnte nun Folgendes sagen: Der häufigste Fehler ist „vergessen“. Durch den enormen Zeitdruck aufgrund von Zeitfenstern bei den Verladern sowie Staus auf den Fernstraßen läuft dem Lkw-Fahrer die Zeit davon. Er möchte alles richtig machen, damit er selber nicht zu Schaden kommt. Er vergisst aber zwei der zehn Zurrgurte fest anzuziehen. Der Verlader sieht die geforderten zehn Zurrgurte und entlässt den Lkw-Fahrer von der Ladestelle. Das lässt sich beliebig fortführen. Der Mensch ist nicht vollkommen und macht Fehler. Wenn wir ihm aber etwas mehr Zeit geben, können solche Nachlässigkeiten minimiert werden. Das bedeutet aber, dass der Gewinn eventuell reduziert wird, sagt der Kaufmann. Dass kein Gewinn zu verbuchen ist, wenn ein Unfall passiert sagt der Techniker. Es muss ein Umdenken in allen Bereichen stattfinden, damit man aus dieser Sackgasse herauskommt.

Ist geschultes Personal Pflicht für Fuhrparkunternehmer?
Ja! Ein Unternehmer muss bei der Auswahl seiner Mitarbeiter feststellen, ob diese für den zugedachten Einsatzbereich körperlich und geistig geeignet sind. Fehlendes Fachwissen kann durch Schulung ausgeglichen werden. Bei den Lkw-Fahrern zieht das Gesetz über die Grundqualifikation und Weiterbildung der Fahrer bestimmter Kraftfahrzeuge für den Güterkraft- oder Personenverkehr (Berufskraftfahrer-Qualifikations-Gesetz – BKrFQG). Hier ist die Ladungssicherung ein Themenbereich, der vermittelt werden muss.

Neben der permanenten Anpassung der VDI 2700 an den aktuellen Stand der Technik – wie hilft der VDI noch bei der Ladungssicherung?
Über das VDI-Wissensforum werden spezielle Schulungen angeboten, in denen konzentriertes Fachwissen vermittelt wird. Die Teilnehmer erhalten von den Dozenten die relevanten Informationen und Lösungen zu ihren Themenbereichen. Sucht ein Unternehmen einen geeigneten Ausbilder in der Ladungssicherung, wendet er sich an das VDI Wissensforum. Hier werden geprüfte Ausbilder gelistet, die bundesweit verteilt sind.

Herr Dänekas, vielen Dank für Ihre Antworten!

Iris_LindnerDas Interview führte: Iris Lindner
Die Diplom-Ingenieurin (FH) ist für uns in Sachen Berichterstattung rund um die VDI-Richtlinien in den sozialen Netzwerken unterwegs.

 

 

So können Sie sich weiterbilden
Mit dem Seminar „VDI-Ausbildung: Ausbilder Ladungssicherung auf Straßenfahrzeugen“ des VDI Wissensforum können auch Sie zum Experten für Ladungssicherung werden. In dem viertägigen Workshop lernen Sie unter anderem die juristischen und physikalischen Grundlagen der Ladungssicherung kennen und erfahren, wie Sie die Ladungssicherung berechnen. Ihr Wissen überprüfen Sie anschließend mit einer Prüfung. Alle Teilnehmer erhalten das Kompendium Ladungssicherung inklusive der Richtlinie VDI 2700. Nächster Termin 4. – 7. April 2017.

Falls Ihr Euch fragt, was eigentlich VDI-Richtlinien sind – dieser kurze Film zeigt es Euch.

Kommentare & Pingbacks

Ein Gedanke zu “Die richtige Ladungssicherung von Waren und Produkten

  1. Sehr interessanter und informativer Artikel zum Thema Ladungssicherung, dem ich mich nur anschließen kann. Ich arbeite seit Jahrzenten in der Baubranche und mit Ladungsschwierigkeiten habe ich schon so einige Erfahrungen gemacht. Speziell für Transporter gibt es von Sortimo und Bott ausgezeichnete Baukästen,die eine optimale Sicherung der Werkzeuge bieten. Ich rate dringlichst zu kontinuierlichen Schulungen, um sich immer wieder auf den neuesten Stand zu bringen.

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