Arbeit in der Digitalen Transformation

Weißbuch „Arbeit 4.0“ – Was plant Frau Nahles?

Am 29. November präsentierte Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles (SPD) die Ergebnisse eines anderthalbjährigen Dialogprozesses mit Öffentlichkeit und Experten über die Arbeit der Zukunft in einem Diskussionsentwurf zum „Weißbuch Arbeiten 4.0“. Hier die fünf wichtigsten Vorschläge:

Umwandlung der Arbeitslosen- in eine Arbeitsversicherung
In Deutschland entrichten sozialversicherungspflichtig abhängig Beschäftigte einen monatlichen Beitrag vom Bruttolohn, um sich für den Fall von Arbeitslosigkeit abzusichern. Eine Arbeitsversicherung hingegen soll Arbeit an sich über die gesamte Erwerbsbiographie hinweg versichern. Sie greift nicht nur im Falle von Arbeitslosigkeit, sondern soll die individuelle Beschäftigungsfähigkeit sichern und ausbauen. Da Wissen und Fähigkeiten in Zeiten der Digitalisierung schneller veralten, hilft die Arbeitsversicherung nach Vorstellung von Nahles auch bei der fortlaufenden Qualifizierung und Weiterbildung.

Aufweichung des 8-Stunden-Tags
Der Einsatz digitaler Technologien am Arbeitsplatz und die Möglichkeit, immer und überall arbeiten zu können („always on“), werfen die Frage auf, ob der 8-Stunden-Tag und die typische Präsenzkultur noch zeitgemäß sind. Nahles zeigt sich in ihrem Weißbuch für eine Lockerung des Arbeitszeitgesetzes erstaunlich offen. Sofern über Tarifverträge und Betriebsvereinbarungen die maximale Arbeits- und gesicherte Ruhezeit gewährleistet werden, soll für die Dauer von zwei Jahren zunächst in sogenannten Experimentierräumen die Lockerung des Arbeitszeitgesetzes erprobt und Arbeitgebern und -nehmern mehr Flexibilität eingeräumt werden.

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Wie wird der Arbeitsplatz der Zukunft aussehen?

Umwandlung der Bundesagentur für Arbeit
Nach Vorstellung der SPD-Ministerin soll sich die BA zu einer Qualifizierungs- und Serviceagentur weiterentwickeln, die nicht nur für die Jobvermittlung, sondern ebenso für die Beratung bei digitaler Qualifizierung und Weiterbildung von Beschäftigten zuständig ist.

Einbeziehung Selbstständiger in die gesetzliche Rentenversicherung
Ein pikanter Vorschlag, der noch für Zündstoff sorgen dürfte – wenngleich auch andere Parteien die Einbeziehung von Selbstständigen in die gesetzliche Rentenversicherung längst unterstützen. Andrea Nahles argumentiert: In der digitalen Ökonomie steigt die Anzahl sog. „Solo-Selbstständiger“ (Selbstständige, die alleine, d.h. ohne angestellte Mitarbeiter einer Tätigkeit nachgehen), die sozial nicht abgesichert sind und nur unregelmäßig Einkommen (Stichwort „hiring on demand“) erzielen. Sie sollen nach ihrer Vorstellung künftig gesetzlich pflichtversichert werden und ebenfalls obligatorisch für ihr Alter vorsorgen. Immerhin sollen auch Möglichkeiten geschaffen werden, die Beitragslasten in Zeiten der Existenzgründung sowie in Phasen mit geringeren Einnahmen zu mindern.

Einrichtung eines persönlichen Erwerbstätigenkontos
Ein weitreichender Vorschlag: Wenn es nach Andrea Nahles geht, erhält künftig jeder Beschäftigte mit Eintritt in das Berufsleben sein perönliches Erwerbstätigenkonto mit einem Startkapital, dessen Mittel zweckgebunden für Qualifizierung, Existenzgründung, private Auszeiten (Familienbetreuung, Sabbatical) oder Weiterbildungsmaßnahmen genutzt werden können. Nahles sieht das Erwerbstätigenkonto als Gegenentwurf zum vielfach geforderten Bedingungslosen Grundeinkommen (BGE), das sie ablehnt. Finanziert werden soll das Startkapital aus Steuergeldern, eigene Einzahlungen sind möglich.

Insgesamt ist der diese Woche vorgelegte Diskussionsentwurf eine noch sehr vage Grundlage, um über die Gestaltung der Zukunft von Arbeit zu diskutieren. Sein Fokus liegt nicht allein auf dem Einfluss digitaler Technologien auf die Arbeit; er berücksichtigt auch andere Treiber wie Globalisierung, Demographie und Wandel von Werten und Ansprüchen.
Einige neuartige Lösungsansätze bietet das Weißbuch – nämlich zur Absicherung derjenigen individuellen Lebensrisiken, die sich in Zeiten der Digitalen Transformation spürbar wandeln: Ein neues Risiko für Beschäftigte entsteht dann, wenn angeeignetes Wissen künftig eine kürzere Halbwertszeit hat und Qualifikationen damit schneller entwertet werden. Das Weißbuch kann als Versuch verstanden werden, für dieses neue Risiko eine gesonderte Weiterbildungspolitik zu begründen. Nahles betont, perspektivisch sei ihr Ziel das „Recht auf Weiterbildung“.

Die skizzierten Maßnahmen sind lediglich Vorschläge, die Nahles nun innerhalb der Bundesregierung, aber auch weiterhin mit Stakeholdern diskutieren will. Das Weißbuch bilanziert die Ergebnisse des anderthalbjährigen Dialogprozesses, der auf das von ihr vorgelegte „Grünbuch Arbeit 4.0“ folgte. Es entfaltet keinerlei rechtliche Bindung.

SMART GERMANY. Arbeit in der Digitalen Transformation
Unter dem Motto „SMART GERMANY. Arbeit in der Digitalen Transformation“ widmen wir uns im kommenden Jahr der Frage, wie Menschen in der digitalen Ökonomie lernen, arbeiten und sich bestmöglich aus- und weiterbilden. Teil unserer Kampagne zur Arbeit der Zukunft wird nicht nur das Berufsbild „Ingenieur 4.0“ sein, es erwarten Euch außerdem zahlreiche Publikationen, Beiträge in unserem VDI-Blog, FAQ und im Jahr der Bundestagswahl natürlich auch spannende politische Einblicke. Auch der Deutsche Ingenieurtag am 11. Mai 2017 steht ganz unter dem Motto Arbeit 4.0.

Annika_LanderAutorin: Annika Lander
Position im VDI: Referentin Politische Öffentlichkeitsarbeit im VDI e.V.

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