Gesammelte Auffälligkeiten

Aus dem Leben eines Gefährdungsanalysten

Wenn mein Vermieter mir als Mieter mal wieder einen Brief schreibt, der mich auffordert, sicherzustellen, dass zu einem bestimmten Datum der Heizkostenableser, der Installateur oder der Kontrolleur der Rauchmelder Zugang zu meiner Wohnung hat, dann ist das für mich als Vollzeitbeschäftigten erst einmal lästig. Aber gut, ich sehe ja ein, dass es sein muss. Andererseits: Mal eben die Test-Knöpfchen bei den Rauchmeldern drücken könnte ich doch auch. Ich könnte das ja mal tun und dem Kontrolleur einen Zettel hinlegen: „Lieber Kontrolleur, ich habe die Melder kontrolliert. Alle funktionieren. MfG, Thomas Wollstein“. Diese oder ähnliche Überlegungen stellte wohl auch der Mieter im Erdgeschoss, rechts an, bei dem der Gefährdungsanalyst im Rahmen der Ortsbegehung zur Gefährdungsanalyse und Probenahme eine Karaffe Wasser zur gefälligen Bedienung vor der Tür fand.

Bild: Arnd Bürschgensbild-30-wasserprobe

Legionellen in Trinkwasser-Installationen: Gefährdungsanalyse und Sanierung, Beuth Verlag

Würden Sie, wenn Sie der Probenehmer wären, Ihre Hand für so eine „Probe“ ins Feuer legen? Der Probenehmer nach Trinkwasserverordnung jedenfalls darf das nicht. Damit eine Probenahme justiziabel ist, muss sie von einem qualifizierten Probenehmer durchgeführt werden, der in das QM-System des akkreditierten Trinkwasserlabors eingebunden ist. Er muss die Probe also selber entnehmen, und das aus gutem Grund: Es muss sichergestellt sein, dass eine eventuelle Verkeimung der Probe allein aus der Trinkwasser-Installation kommen kann und nicht etwa aus der Karaffe oder von den Händen des Mieters, der sie abgefüllt hat. Dazu muss z. B. die Entnahmearmatur desinfiziert werden. Also nicht wundern, wenn der Probenehmer Ihrer Armatur mit einer Lötlampe (Kommt immer gut bei vergoldeten Armaturen!) oder einem Desinfektionsmittel zu Leibe rückt.
Und zu jeder Probe muss z. B. dokumentiert werden, an welcher Armatur sie wann genommen wurde. Unlängst hatte unser Analyst die Probenahmeberichte zu einem Objekt geprüft. Dabei fiel ihm auf, wie effizient der Probenehmer des mit der Analyse betrauten Labors gearbeitet hatte: Er hatte es tatsächlich geschafft, alle 56 Proben in einem größeren Mietobjekt binnen einer Minute zu entnehmen. Wie bewertet man eine Probe, bei der klar erkennbar ist, dass die Vorgaben zur Qualitätssicherung in mindestens einem Punkt missachtet wurden?

Nun begleiten wir einmal einen hypothetischen Gefährdungsanalysten auf eine Begehung. Im Gebäude hat es vor einiger Zeit bereits eine Gefährdungsanalyse gegeben, weil die Legionellenkonzentrationen zu hoch waren. Das „Gutachten“ danach lautete: „Sehr geehrter…, aufgrund des Legionellenbefunds laut Laborbefund haben wir heute am … die zentrale Warmwasseranlage im Haus … überprüft und konnten keine technischen Mängel feststellen. Warmwassertemperatur ist fest auf 60 °C eingestellt, die Zirkulation fließt mit 55 °C zurück in den Speicher. Der Warmwasserbereiter ist weder zu groß bemessen, noch sind irgendwelche Totstränge vorhanden, die Regeln der Technik wurden eingehalten. Mit freundlichen Grüßen …“ Kurz und knapp und auf den Punkt, oder? Aber woher kommen die immer noch vorhandenen Legionellen? Tja, da der erste „Sachverständige“ keine Mängel fand und daher auch keine Gegenmaßnahmen vorschlug, musste eine neue Gefährdungsanalyse her. Wir begleiten den Analysten auf seiner Begehung.

Die Gefährdungsanalyse findet zweckmäßig immer entlang dem Wasserstrom statt, d. h., sie beginnt am Hausanschluss. Wir begleiten unseren Analysten ab dem Erdgeschoss.
Erdgeschoss, links: Mieter ist da. Der Mieter hat eine Terasse in Südlage zum Garten hin und hat eine Entnahmestelle zu dessen Bewässerung. An der Entnahmestelle hängt ein Schlauch. Der bleibt von April bis Oktober an der Entnahmestelle. Ein Gartenschlauch ist prinzipiell nicht für Trinkwasser gemacht. Er besteht aus Material, das Mikroorganismen schmecken kann. Bei sommerlichen Temperaturen ist dann im Schlauch alles da, was Mikroorganismen zur Vermehrung brauchen: Wasser, Futter (der Schlauch selber), Wärme. Daher muss eine solche Entnahmestelle eine Sicherungseinrichtung nach DIN EN 1717 haben, die verhindert, dass die Keimbrühe aus dem Schlauch in den Rest der Trinkwasser-Installation zurückfließt. Kann nicht passieren, meinen Sie? Weil doch das Wasser aus dem Hahn nur in den Schlauch fließt? Wenn es denn mal ständig flösse! Es steht aber häufiger, als es fließt. Daher kann es sehr wohl dazu kommen, dass Biofilm über die Dichtung hinweg wächst, durchaus aber auch bei geöffneter Armatur durch Druckschwankungen zum Rücksaugen. Daher die Forderung nach einer Sicherungseinrichtung.

Erste Etage, rechts: Ein Rechtsanwalt, der die Wohnung als Kanzlei nutzt. Der Herr Rechtsanwalt ist sehr freundlich und führt den Analysten in die Küche und zum WC. Im Grundriss steht auch ein Bad. „Ach, wir brauchen kein Badezimmer, weil wir die Räumlichkeiten ja als Kanzlei nutzen. Wir nutzen den Raum nur als Lager.“ Sie ahnen es: Die Duscharmatur wurde abgeschraubt und mit Blindstopfen versehen, die Wanne dient als Abstellfläche. Aus Sicht des Mieters damit alles in Butter: Keine Entnahmestelle, kein Problem. Denkt er vielleicht. Tatsächlich liegen in Wand Leitungen, in denen vermutlich seit Jahren kein bestimmungsgemäßer Wasseraustausch mehr stattgefunden hat.

Bild: Arnd Bürschgenstrinkwasser-gefa-dusche-als-lager-quelle-buerschgens-img_0183Erste Etage, links: Mieter ist da, Wohnung sehr sauber, etwas nostalgisch, das Bad ein Ausflug in die Zeit des Jugendstils: wunderschöne Messingarmaturen. „Hab ich alles auf Trödelmärkten erstanden, instandgesetzt und selbst eingebaut.“ berichtet der Mieter stolz. „Da waren nur solche Standardarmaturen drin, die mir nicht gefielen.“ Hm, nun ja, wirklich schön, der warme Glanz von Messing. Nur hat man an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert noch nicht die heute geltenden Blei-Grenzwerte zu beachten gehabt.

Zweite Etage, rechts: Hier müffelt es schon an der Tür ein wenig. In der Diele totales Chaos; Stapel alter Zeitungen und was nicht noch alles. In der Küche ist der Analyst froh, dass er nicht zu ausgiebig gefrühstückt hat. Hier wohnt offensichtlich ein Messi. Hier müsste man die Lötlampe in ganz anderer Weise zur Sanierung einsetzen.

Bild: Frank Luftimg-20161021-wa0001
Dachgeschoss: Das Gebäude steht in einem hochwassergefährdeten Bereich. Aus dem Grund hat man den Heizkessel auf dem Dachboden platziert. Bis dahin kein Problem. Doch ein Heizkessel muss auch mal nachgefüllt werden. Also gibt es eine Nachfüllarmatur. Dem hochtrabenden Namen zum Trotz handelt es sich um etwas, was man freundlich und landläufig als „Wasserhahn“ bezeichnen könnte. Auch hier hätte eine Sicherungseinrichtung eingebaut sein müssen, denn Heizungswasser ist kein Trinkwasser und Trinkwasser und Nicht-Trinkwasser dürfen an keiner Stelle unmittelbar verbunden sein. Aber es kommt noch besser: Die Zuleitung zur Nachfüllarmatur ist eine Stichleitung aus dem Hausanschlussraum (Keller) bis auf den Dachboden. Wie oft, meinen Sie, wird die Heizung nachgefüllt? Ganz sicher nicht alle 72 Stunden. Also viele Meter stagnierende Wassersäule. Und das muss nicht so sein: Man sollte eine solche Entnahmestelle tunlichst „einschleifen“, d. h., von der nächsten ständig durchflossenen Strangleitung abzweigen bis zur Entnahmestelle, von dort weiter bis zu einem Verbraucher, der ständig bestimmungsgemäß betrieben wird, also beispielsweise einer Toilette oder einer Armatur mit Zwangsspülung. (Die Sicherungseinrichtung ist aber auch dann noch erforderlich.)

Zugegeben, diese Mängel kommen vielleicht nicht so geballt vor, aber sie alle sind für erfahrene Gefährdungsanalysten Standardfälle. Und man könnte die Liste noch lange fortsetzen. Im Rahmen des VDI Expertenforums am 18. Januar 2017 (siehe www.vdi.de/trinkwasser) werden von erfahrenen Sachverständigen solche und weitere Erfahrungen dargestellt werden, und dargestellt werden, warum eine unabhängige Zertifizierung von Sachverständigen sinnvoll ist.

Damit es keine Probleme in einer Trinkwasser-Installation gibt, muss die ganze Kette vom

  • Nutzer, der klar festlegen muss, wie jede Entnahmestelle bestimmungsgemäß genutzt wird, über den
  • Planer, der die allgemein anerkannten Regeln der Technik und die geplante Nutzung des Gebäudes kennen muss, den
  • Groß- und Einzelhandel, der nur geeignete Armaturen verkaufen darf, die auch sicher, d. h. sauber verpackt gelagert werden müssen (also keinen Billigkram, der als Schüttgut im Container auf dem Hof liegt), den
  • Lieferanten, der nicht mit den offenen Kupferrohren auf dem Dach seines Lieferwagens mit 120 über die A 52 fahren darf (Insekten patschen nicht nur auf die Windschutzscheibe!), den
  • Errichter, der während der Errichtungsphase dafür sorgen muss, dass nicht Nager oder Insekten in offene Rohrenden krabbeln und dort ein gruseliges Ende finden, den
  • Vermieter oder Verwalter, der dem Nutzer den bestimmungsgemäßen Gebrauch erläutern muss, bis hin zum
  • Nutzer, in dessen Privatbereich letztendlich die Entnahmestelle liegt, und der dafür sorgen muss, dass ein regelmäßiger Wasseraustausch stattfindet,
    geschlossen sein.

Thomas WollsteinAutor: Thomas Wollstein
Position beim VDI: Technisch-wissenschaftlicher Mitarbeiter in der VDI-Gesellschaft Bauen und Gebäudetechnik, Betreuer Fachbereich Facility-Management, Mitarbeit im Fachbereich Technische Gebäudeausrüstung.
Aufgabe beim VDI: Technische Regelsetzung, Mitgliederbetreuung und -gewinnung

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