Interview mit Dr. Kurt Bettenhausen

„Wir Ingenieure brauchen in der Digitalisierung mehr Hybridkompetenzen“

In diesem Jahr beschäftigt sich der VDI in seinem Schwerpunktthema „SMART GERMANY – Arbeit in der Digitalen Transformation“ mit den Auswirkungen der Digitalisierung auf unsere Arbeitswelt. Im Vorfeld der 5. VDI-Fachtagung Industrie 4.0 am 25./26. Januar haben wir unseren Experten Dr. Kurt D. Bettenhausen, Vorsitzender des „Interdisziplinären Gremiums Digitale Transformation“ und Senior Vice President der Siemens Corporation, Corporate Technology, zur Arbeit der Zukunft interviewt.

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Herr Bettenhausen, wie verändert die Digitalisierung mit der fortschreitenden Automatisierung die Arbeitswelt? Welche Auswirkungen hat das für Ingenieure?
Bild: Siemenspress-kdb-2017-01-04Drei wesentliche Elemente werden unsere Arbeitswelt verändern:
1. Wir Menschen selbst, mit unseren Bedürfnissen und Interessen als Konsumenten.
2. Die – teilweise disruptiven – Geschäftsmodelle und Strategien als wirtschaftliche Treiber.
3. Die digitalen Technologien, die die Veränderungen ermöglichen.

Wir Ingenieure haben eine besondere Rolle bei den fortschreitenden Digitalisierungs- und Automatisierungsprozessen. Wir verschieben einerseits jeden Tag die Grenzen des technisch Machbaren und sind andererseits selbst Betroffene. Der Einsatz von vergleichsweise immer günstigerer Automation, die zunehmende Vernetzung von Maschinen und Produkten sowie die immer leistungsfähigeren Assistenzsysteme verändern die Arbeitsanforderungen. Wir Ingenieure brauchen daher immer mehr „Hybridkompetenzen“. Wir werden verstärkt zum agilen und kreativen Problemlöser, und Routinearbeiten werden vermehrt von Assistenzsystemen (teil-) automatisch übernommen.

Wie können sich Ingenieure bestmöglich auf die Digitale Transformation vorbereiten?
Wir schlüpfen heute je nach den Anforderungen in unterschiedliche Rollen. So gibt es Ingenieure als Generalisten, Spezialisten, Entwickler, Manager und vieles mehr. Alle haben bei der Digitalen Transformation eine andere Rolle und doch gibt es Gemeinsamkeiten bezüglich der zukünftigen Anforderungen.

MINT-Kenntnisse bleiben als notwendige Grundlage unverändert elementar wichtig: Physikalische Gesetze bleiben physikalische Gesetze – auch in einer App.
Ingenieure benötigen jedoch vermehrt Kenntnisse der neuesten Entwicklungen auf Hardware-, vor allem aber Softwareseite. Wie können wir über den richtigen Einsatz von Werkzeugen entscheiden, wenn wir diese nicht kennen?

Es wird in Zukunft verstärkt darum gehen, Strukturen und Muster zu erkennen, zu organisieren, effektiv zusammenzuarbeiten, mit Kollegen aus anderen Disziplinen zu kommunizieren und nicht zuletzt darum, das Lernen wieder neu zu lernen. Das ist nicht unbedingt etwas vollkommen Neues – neu ist allein die Geschwindigkeit, mit der die Veränderungen vorangehen.

Neben der MINT-Ausbildung sind unternehmerisches Denken und die durchgängige Ausrichtung auf die Kundenbedürfnisse besonders wichtig.
Auf die Frage von Studenten weltweit nach dem Erfolgsrezept für den Erfolg ihrer persönlichen Weiterentwicklung gebe ich stets folgende Empfehlung.

1. Be passionate!
2. Stay curious!
3. Accept to fail!

Das gilt auch und vor allem in Zeiten der Digitalen Transformation.

Wie ist Deutschland Ihrer Einschätzung nach im internationalen Vergleich bei der Digitalen Transformation aufgestellt?
Deutschland ist derzeit weltweit wirtschaftlich erfolgreich. Das birgt die Gefahr, dass notwendige Veränderungen nicht rechtzeitig eingeleitet werden. Andererseits ist eine Einführung neuer Technologien und Prozesse immer mit Kosten verbunden. Die Herausforderung wird auch diesmal wieder sein, den richtigen Zeitpunkt zu erfassen, an dem der Kunde auch dazu bereit ist, in diese neuen Technologien und Prozesse zu investieren. Andere Länder haben andere Ausgangsvoraussetzungen, so ist z. B. in den USA die Kultur im Umgang mit Fehlern eine völlig andere als bei uns oder in China der Wille zum Erfolg extrem stark ausgeprägt.

Unsere Chance in Deutschland liegt darin, die Digitalisierung positiv erlebbar und mitreißend zu gestalten sowie der Politik und der Gesellschaft einen frühen und offenen Dialog anzubieten. Die IT-Hotspots der Welt befinden sich gemessen an den größten Unternehmen in den USA und China. Die Industrien dieser Länder verfügen dadurch über einen entsprechenden Hebel, der zum Vorteil werden kann. In Deutschland brauchen wir eine offene Atmosphäre für den Austausch und die Förderung von Ideen und eine engere Zusammenarbeit mit allen Beteiligten zur schnellen Umsetzung. Ein gutes Modell ist hier z.B. next47 von Siemens, also eine selbstständige Einheit im Unternehmen, die die Zusammenarbeit mit Start-ups zum Ziel hat.

Muss in Deutschland die Bereitschaft erhöht werden, sich für neue Arbeitsformen zu öffnen? Brauchen wir agiles Arbeiten?
Klassische hierarchische Strukturen haben den großen Vorteil der klar und jederzeit eindeutig geregelten Verantwortlichkeiten. Es gibt Bereiche, in denen dies zwingend erforderlich ist, so z.B. wenn Fehler zur Gefahr für Leib und Leben führen. Da gibt es keine Alternativen.

Auf der anderen Seite können starre Organisationen zu einem Verlust an Flexibilität und bei zunehmender Tiefe auch zu Verlangsamung führen – das ist heutzutage ein klarer Wettbewerbsnachteil, der z.B. Beschäftigte beim Finden kundenbezogener Lösungen behindern kann.

Es wird künftig zunehmend Arbeitsformen mit fließenden Autoritäten geben müssen, die flexiblere, schnellere und temporäre Veränderungen ermöglichen. Die Forderung der Kunden nach mehr Flexibilität der Produkte und kürzerer Time-to-Market wird den Druck auf das Entwicklungstempo weiter zunehmen lassen und eine Entwicklung neuer Organisationsformen mit sich bringen. Der Einsatz digitaler Technologien ermöglicht neue Freiheitsgrade bei der Leistungserbringung bezüglich Ort und Zeit. Mitarbeiter und Unternehmen werden sich gemeinsam der Herausforderung stellen müssen, eine Kultur und Rahmenbedingungen zu erzeugen, die die Begeisterung für agiles Arbeiten fördert.

sowaDas Interview führte: Dr.- Ing. Thomas Sowa
Position im VDI: Wissenschaftlicher Mitarbeiter der VDI/VDE-Gesellschaft Mess- und Automatisierungstechnik

 

 

 

VDI-Jahresthema 2017: „SMART GERMANY – Arbeit in der Digitalen Transformation“
Mit der digitalen Transformation steht ein Strukturwandel bevor, der die Art und Weise, wie Menschen leben, arbeiten und wirtschaften fundamental verändern wird. Unter dem Motto „SMART GERMANY – Arbeit in der Digitalen Transformation“ widmen wir uns im Jahr 2017 mit unserem Jahresthema der Frage, wie Menschen in der digitalen Ökonomie lernen, arbeiten und sich bestmöglich aus- und weiterbilden können. Teil unserer Kampagne zur Arbeit der Zukunft wird nicht nur eine Analyse des Berufsbilds „Ingenieur 4.0“ sein, es erwarten Sie außerdem zahlreiche Publikationen, Beiträge im VDI-Blog, FAQ und im Jahr der Bundestagswahl auch spannende politische Einblicke. Auch der Deutsche Ingenieurtag am 11. Mai 2017 steht ganz unter dem Motto Arbeit 4.0. Weitere Informationen finden Sie unter http://www.vdi.de/arbeit40.

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