Eine Ingenieurgeschichte aus der Automobilindustrie

Martin Proszamer ist der Autoflüsterer

Wenn wir uns vorstellen,was Ingenieure leisten, denken viele direkt an abstrakte mathematische Berechnungen, komplexe Technologien oder außergewöhnliche Konstrukte. Dass uns Ingenieurleistungen aber unmittelbar im Alltag begegnen, ist uns oftmals nicht ganz bewusst. Selbst wenn wir etwas nicht hören oder sehen, steckt hier die bewusste Arbeit von Ingenieuren dahinter.

Bringt ein Automobilhersteller ein neues Fahrzeug auf den Markt, so hängt der Erfolg vor allem von der Beliebtheit bei der Zielgruppe ab. Hierbei spielen viele Faktoren zusammen. Mit steigendem Verkaufspreis erwarten die Kunden auch eine bessere Qualität des Fahrzeugs. Und die definiert sich längst nicht mehr nur über eine gefällige Optik, also die verwendeten Materialien und deren Verarbeitung. Wie geht ein Ingenieur in der Fahrzeugtechnik hier vor?

Bild: Thomas Ernsting/LAIF
In unserem Interview erzählt uns Martin Proszamer seine Ingenieurgeschichte.

Herr Proszamer, wie sind Sie zu dem Beruf gekommen?
Proszamer: Bereits in der Schule lagen meine Stärken in den naturwissenschaftlichen Fächern. Auch in meiner Jugend drehte sich alles um die motorisierte Fortbewegung. In der Freizeit wurde viel geschraubt und optimiert. Was liegt also näher als die praktischen Erfahrungen mit einem fahrzeugtechnisch orientierten Studium weiter zu vertiefen?

Also habe ich Maschinenbau an der FH Esslingen studiert. Schon für meine Diplomarbeit habe ich mich mit Schwingungstechnik –genauer gesagt mit Kurbelwellenschwingungen– beschäftigt. In meinem beruflichen Werdegang bin ich der Automotive-Branche immer treu geblieben. Zunächst war ich als CAD- Konstrukteur für Motorkomponenten und später als Projektleiter eines fünfzehn-köpfigen Konstruktionsteams tätig.

Im Anschluss habe ich sechs Jahre als Technischer Leiter eines Werkzeugbaus für Blechunform-Werkzeuge geführt. 2003 wechselte ich als Technischer Leiter zu der euro engineering AG in die Niederlasssung Stuttgart. 2005 bin ich zusätzlich Account Manager geworden. Seit dem widmete ich mich dem Aufbau des Kompetenzfeldes Noise, Vibration, Harshness (Geräusch, Vibration, Rauheit) oder kurz NVH. Das führte Anfang 2015 zu dem neuen eigenverantwortlich agierenden Standort Sindelfingen/Maichingen.

Was ist Ihre genaue Aufgabe bei der euro engineering AG?
Proszamer: Ich bin sowohl als stellvertretender Niederlassungsleiter der euro engineering AG in Stuttgart als auch als Standortleiter für unser NVH-Kompetenzcenter verantwortlich. Seit über zehn Jahren unterstützen wir einen Automobilhersteller in vielfältigen Themen der Schwingungstechnik. Das bedeutet wir optimieren Geräusch, Vibration und Rauheit (Noise, Vibration, Harshness, kurz NVH). Denn die hör- und fühlbaren Komponenten tragen immer mehr zur Fahrzeugqualität bei. Jedes motorisierte Fahrzeug ist Schwingungen ausgesetzt, die durch die Bewegung des Motors sowie durch die Fahrt entstehen. Je weniger von den Schwingungen in den Fahrgastraum gelangen, umso komfortabler ist das Fahrerlebnis für die Insassen – und damit die subjektiv wahrgenommene Fahrzeugqualität. Ich sorge also mit rund 30 Akustik-Experten für mehr Ruhe im Fahrzeug.

Wie gehen Sie dabei vor?
Proszamer: Um zu analysieren, wo störende Geräusche entstehen, wird ein sogenanntes Erprobungsfahrzeug mit umfassender Messtechnik ausgestattet. Es wird über spezielle Teststrecken, öffentliche Straßen oder auf stationäre Prüfstände geschickt. So erhalten wir Daten über die Anregungsarten und deren Verbreitung innerhalb und außerhalb des Fahrzeuges. Wir werten sie auf Basis des Soll-Ist-Abgleichs aus und erarbeiten Lösungsansätzen. Sieben Tage bis vier Wochen vergehen, je nach Messumfang, von den ersten Vorbereitungen bis zur abgeschlossenen Analyse. Im nächsten Schritt erörtern wir dann gemeinsam mit dem Hersteller, ob und wie die Ursache direkt behoben werden kann. Oder ob lediglich die Auswirkung abgeschwächt werden soll. Nicht zuletzt ist das immer auch eine Kostenfrage.

Etwa ein Jahr vor Produktionsstart wird eine NVH-Analyse des Gesamtfahrzeugs durchgeführt. Einzelne neue Komponenten hingegen testen wir bereits früher separat und lassen sie beispielsweise ins Vorgängermodell einsetzen. Wir analysieren bereits nach knapp einem Jahr nach dem Entwicklungsbeginn –etwa drei Jahre vor Produktionsstart– das neue Modell in der computergestützten Simulation. Hierbei pflegen wir die vom Hersteller zur Verfügung gestellten Fahrzeugdaten in das Programm SEA ein und berechnen dort unter anderem die Schalldruckverteilung im Fahrzeug. So können wir nicht nur früh erkennen, welcher Geräuschpegel in der Fahrgastzelle herrscht, sondern auch quantitative Aussagen treffen, welche Modifizierung sich wie auf den akustischen Komfort auswirkt.

Was reizt Sie besonders an Ihrem Job?
Proszamer: …Jeden Tag etwas Neues. Kein Tag ist wie der Vorherige. Die Technik entwickelt sich ständig weiter. So ändern und erweitern sich zum Beispiel die Anforderungen an die NVH-Belange hinsichtlich der Elektrifizierunng des Antriebsstranges.

Als weitere Komponente ist hier die eigenverantwortliche Führung und Ausbau unseres Komptenzcenters inkl. der damit verbundenen Mitarbeiterführung und deren Weiterentwicklung zu nennen.

Beschreiben Sie uns den Moment als Sie wussten: Ich werde Ingenieur!
Proszamer: Genau in dem Moment als ich die Früchte meiner praktischen Arbeit in der Optimierung meines Mofas ernten durfte aber ich nicht verstanden habe, warum die Maßnahme eigentlich zum Erfolg geführt hat. Mein gutes technisches Grundverständnis gepaart mit einer ausgeprägten Intuition verlangte nach einem theoretischen Hintergrundwissen.

Frage an euch: Und welche Ingenieurleistungen begegnen euch im Alltag? …

Das Interview führte: Andrea Kreitsch
Position beim VDI: Presse-Volontärin
Aufgaben beim VDI: Presse- und Öffentlichkeitsarbeit, interne und externe Kommunikation

 

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