International Studieren

Deutsche Ingenieurausbildung auf malaysisch

Mit Malaysia verbinden viele Sonne, Strand und Palmen. Doch der Staat in Südostasien ist mehr als ein Urlaubsparadies. Malaysia beheimatet sowohl die Automobilhersteller Perodua, Proton und Sapura als auch internationale Konzerne wie Bosch, Mercedes-Benz, Volkswagen, Honda und Toyota. Für qualifizierte Ingenieure gibt es vor Ort Bedarf – einen besonderen, wenn sie nach deutschem Vorbild ausgebildet wurden.

Das ist an der Technischen Universität Malaysia Pahang (UMP) der Fall. Sie hat ein Doppelabschlussprogramm mit der Hochschule Karlsruhe. Was eine internationale Hochschulkooperation bringt und worauf es bei der Ingenieurausbildung ankommt wollten wir von Prof. Dr. Robert Weiß wissen. Als Prodekan und Studiendekan der Fakultät Maschinenbau und Mechatronik der Hochschule Karlsruhe kümmert er sich um den Austausch und fördert die internationale Ausbildung als Vorsitzender des VDI-Bezirksvereins Karlsruhe.

Bild: UMPprof-weiss-mit-preistraegern

Der Vorsitzende des VDI BV Karlsruhe bei der Übergabe der Urkunden mit den beiden Preisträgern Kok Wee Lim (links) und Mohamad Amilhasan bin Shafie (rechts)

Prof. Dr. Weiß, der VDI Bezirksverein Karlsruhe ehrt jedes Jahr Ingenieurabsolventen Ihrer Hochschule für besondere Leistungen. Im Dezember 2016 wurden erstmals auch die besten Absolventen des Studiengangs Mechatronik an der UMP ausgezeichnet. Sie waren bei der Preisverleihung dabei und kommen auch gerade von einer Reise nach Malaysia zurück. Was hat Sie an der Leistung der UMP-Absolventen am meisten beeindruckt?
Die Studierenden an der UMP in Malaysia müssen verschiedenen Hürden überwinden: Ihre Schulabschlussnote muss besser als 2,3 sein und sie müssen innerhalb von zwei Jahren so gut Deutsch lernen, dass sie einer Vorlesung in deutscher Sprache folgen können. Ein Teil der Vorlesungen (und auch die Klausuren dazu) wird von den Professoren der Fakultät Maschinenbau und Mechatronik der Hochschule Karlsruhe vor Ort in Malaysia angeboten – in deutscher Sprache. Die Vorlesungen der Professoren der UMP finden auf Englisch statt. Somit studieren die Malaysier in zwei Fremdsprechen. Aus meiner Sicht sehr beeindruckend.

Für die Studierenden ist es am Anfang auch nicht leicht, sich an die deutsche Disziplin zu gewöhnen. Die in Deutschland geforderte Pünktlichkeit und Zuverlässigkeit ist für die Studierenden aus Malaysia gewöhnungsbedürftig. Aber alle sind bereit sich zu engagieren, weil sie wissen, dass sie einen ganz besonderen Studiengang haben, der sich von den normalen Studiengängen abhebt.

Bild: Maurice Kettner prof-kettner-und-ump-studis

Ein deutscher Professor lehrt in Malaysia: Prof. Dr.-Ing. Maurice Kettner und UMP-Studierende

Warum wurde gerade Malaysia für das Doppelabschlussprogramm ausgewählt?
Malaysia hat in Asien eine sehr zentrale Lage und ist als Mitglied der ASEAN Staaten von besonderer strategischer Bedeutung. Es gibt sehr viel deutsche Industrie in Malaysia und der Staat fördert die Bildung und Ausbildung der Bevölkerung sehr stark.
Das Programm würde es nicht geben, wenn nicht der Rektor der UMP YH Prof. Dato’ Dr. Daing Mohd Nasir Daing Ibrahim in dieser Kooperation von Anfang an eine besondere Chance gesehen hätte. Er hat die Kooperation gefördert und weiter ausgebaut. Aber auch die deutsche Botschaft in Malaysia unterstützt uns und verschiedene Firmen vor Ort wie Mercedes oder Bosch geben Stipendien für ausgezeichnete Studierende.

Was bringt ein Doppelabschlussprogramm den Studierenden und wer eignet sich besonders dafür?
Der Vorteil für die Studierenden liegt in der besonderen Ausbildung nach dem deutschen Fachhochschulmodell. Im Gegensatz zu den „normalen“ Studiengängen in Malaysia wird im Doppelabschlussprogramm eine Vielzahl von Laboren angeboten, so dass jeder Studierende in der Lage ist, neben den theoretischen Inhalten auch die Praxis zu studieren. Zusätzlich müssen alle Studierenden eine große Projektarbeit im Team durchführen. Ganz besonders wichtig ist uns die enge Kooperation mit der Industrie. Die Studierenden machen ein komplettes Praxissemester in einer Firma und arbeiten dort in Projekten mit. Die Abschlussarbeit wird inzwischen ebenfalls in der Industrie angefertigt. Das gibt es nur in unserem Doppelabschlussprogramm. Durch die engen Kontakte zur Industrie erhalten die Studierenden nach ihrem Abschluss sehr schnell eine Stelle als Ingenieur. Aus der Sicht des VDI fördern wir hier natürlich die Kontakte zur deutschen Industrie vor Ort.

Ingenieurstudierende bleiben meist im Heimatland. Gehen die Karlsruher Studierenden während ihres Studiums an die UMP? Welches Feedback bekommen Sie von den Studierenden und warum lohnt es sich für Studierende den Schritt ins Ausland zu wagen?
Durch die enge Kooperation mit identischem Curriculum können wir einen Studierendenaustausch sehr einfach gestalten. Wir haben in jedem Semester zwischen einem und sieben Studierenden an der UMP. Allerdings sind das nicht nur Mechatroniker, sondern auch Studierende der Fahrzeugtechnologie. Dieser Studiengang wird an der UMP auch angeboten – die Studierenden werden erstmals in 2017 abschließen (und auch da wird der VDI-BV Karlsruhe die besten Absolventen auszeichnen!). Die Studierenden, die aus dem Auslandssemester von der UMP zurückkommen, sind durchwegs begeistert von der neuen Erfahrung und geben das auch an ihre Kommilitonen weiter. Auch das ist ein ganz wesentlicher Grund für die rege Teilnahme am Studierendenaustausch der HsKA Studierenden. Durch den Aufenthalt in einem Land wie Malaysia mit völlig unterschiedlicher Kultur und Religion profitieren die Studierenden überproportional – das honorieren auch die Firmen in Deutschland.

Bild: Maurice Kettner prof-kettner-mit-maschinenbau-studis

Prof. Dr.-Ing. Maurice Kettner (3. von rechts, Hochschule Karlsruhe), Dekan der Fakultät Maschinenbau der UMP – Prof. Dr. Rizalman (2. von rechts, UMP) und Studierende der Hochschule Karlsruhe und der UMP am Verbrennungsmotorenprüfstand der UMP in Malaysia

Was sind Ihrer Meinung nach die wichtigsten Stärken der deutschen Ingenieurausbildung und wie muss sie sich verändern, um den kommenden Anforderungen z.B. der Digitalen Transformation gerecht zu werden?
Die deutsche Ingenieurausbildung ist hervorragend und international sehr hoch angesehen. Sie basiert auf den Erfahrungen und dem Wissen von Professoren mit umfangreicher Erfahrung aus Forschung und Entwicklung. Gerade die Professoren der Hochschulen für angewandte Wissenschaften müssen, neben der wissenschaftlichen Qualifikation auch den Praxisbezug vor der Berufung nachweisen – in der Regel durch mindestens drei Jahre Berufserfahrung in der Industrie. Im Landesverband Baden-Württemberg hatten wir zwei große Veranstaltungen unter dem Titel „Ingenieure made in Baden-Württemberg“, wo wir die Ingenieurausbildung diskutiert haben. Die Ausbildung an den Universitäten und Hochschulen ist auf einem hohen Niveau, muss aber den neuen Herausforderungen der Digitalen Transformation angepasst werden. Beispielsweise muss auch ein Maschinenbauingenieur in der Zukunft mit den neuen Medien, der vernetzten Produktion und der allgegenwärtigen Elektronik und Software umgehen können. Im Bereich der Fahrzeugtechnik kommen neue Herausforderungen wie autonomes Fahren, Elektromobilität und die damit verbunden Sensorik und Aktorik auf die Ingenieure zu – das muss sich in der Ausbildung natürlich widerspiegeln Hier sind Anpassungen notwendig, um fit für die Zukunft zu sein.

Warum und wie setzt sich der VDI-Bezirksverein für angehende Ingenieure ein?
Wer, wenn nicht der VDI sollte sich dafür einsetzen, auch in Zukunft in Deutschland Ingenieure zu haben die auf einem Top-Niveau ausgebildet sind? Die Ingenieure bilden das Rückgrat der deutschen Industrie und sind maßgeblich am Wohlstand unseres Landes beteiligt. Durch die Ingenieurlücke kann dieser Wohlstand in Zukunft gefährdet sein. Es ist somit nach meiner Auffassung eines der Hauptaufgaben des VDI den Nachwuchs zu fördern und für ein Ingenieurstudium zu begeistern. Im VDI BV Karlsruhe sind wir uns da im Vorstand einig. Deshalb haben wir einen VDIni Club, wir haben die VDI-Zukunftspiloten und wir haben ein sehr aktive Gruppe „Studenten und Jungingenieure“, die übrigens den Bundeskongress der Studenten und Jungingenieure letztes Jahr sehr erfolgreich und engagiert an der Hochschule Karlsruhe organisiert haben. Das macht mir Mut, denn ich sehe die neue Generation an Ingenieuren rückt nach und will sich bereits früh von Technik begeistern lassen.

becker_cathrin_blogDas Interview führte: Cathrin Becker
Position beim VDI: Pressereferentin
Aufgaben beim VDI: Presse- und Öffentlichkeitsarbeit, interne Kommunikation

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