#dit17: Arbeit 4.0 aus Sicht der Gewerkschaft ver.di

„Wir brauchen eine Humanisierungsoffensive für die Digitalisierung“

Auf dem Deutschen Ingenieurtag 2017 ist bei der Podiumsdiskussion zu „SMART GERMANY – Arbeit in der Digitalen Transformation“ Lothar Schröder aus dem ver.di-Bundesvorstand dabei. Er sieht der Digitalisierung der Arbeitswelt nicht nur positiv entgegen und befürchtet eben auch Gefahren und Risiken.

Bild: Thomas Ernsting/ LAIF170203_vdi_sg17-kampagne_702x363-v1_blog_beitragsbild

Herr Schröder, welche Gefahren und Risiken für die Arbeitnehmer befürchten Sie?

Bild: Kay HerschelmannLothar SchröderAn erster Stelle fragen wir nach den Jobs und der Beschäftigungsbilanz. Es gibt Modellrechnungen, denen zufolge in hochentwickelten Ländern innerhalb der kommenden zwei Jahrzehnte nahezu die Hälfte der bestehenden Tätigkeiten durch Fortschritte der Digitalisierung gefährdet sein könnte. Nicht nur im Bereich Geringqualifizierter, auch im mittleren Qualifikations- und Entgeltbereich drohen viele Arbeitsplätze zu entfallen. Insbesondere sind Tätigkeiten von Automatisierung bedroht, die keine oder wenig so genannte kreative oder soziale Intelligenz erfordern. Ich zweifle nur daran, dass die Beschäftigungsbilanz ausgeglichen sein wird und ich bin davon überzeugt, dass wir von einer Ungleichzeitigkeit ausgehen müssen. Erst wird Produktivitätsfortschritt Jobs kosten, später könnte Wachstum Jobs bringen. Sicher kommt es darauf an, wie wir die Umstellung steuern. Gleichzeitig werden im Zuge der Digitalisierung natürlich neue Jobs entstehen.

Für viele Erwerbstätige verändern sich Arbeitsinhalte grundlegend, auch kann Arbeit mittels technischer Arbeitsmittel wie Smartphone und Tablets räumlich und zeitlich flexibel erfolgen. Digital vernetzte Arbeit bietet einerseits die Möglichkeit erweiterter Freiräume für die autonome Beschäftigung, Ort und Zeit der Arbeitserledigung frei zu wählen. Auf der anderen Seite geht die Digitalisierung der Arbeitswelt oft aber auch mit Entgrenzungen der Berufs- und Privatsphäre und Gefährdungen mittelbarer Steuerung mit feinziselierten Kennziffern einher. Aufgrund steigender Arbeitsintensität und Verantwortung haben vor allem die psychischen Belastungen zugenommen.

Der Fortschritt digitaler Vernetzung totalisiert das Zählbare und ermöglicht die Überwachung, Steuerung und Selektion von Daten durch private Unternehmen, staatliche Sicherheitsbehörden und Arbeitgeber in einem bislang unvorstellbaren Ausmaß. Als Nutzer von Online-Diensten liefern wir den Unternehmen unterschiedlichste Daten über uns, unsere Interessen, Kontakte und Vorlieben. Das ist alles auch beruflich vermeidbar: Auch in der Arbeitswelt hinterlassen Beschäftigte mehr und mehr digitale Spuren, die vom Arbeitgeber zu einer umfassenden Kontrolle genutzt werden könnten. Die Gefährdungen, die sich aus derlei Praktiken für die Persönlichkeitsrechte von Beschäftigten ergeben, erfordern rechtliche, technische und organisatorische Schutzmaßnahmen, welche unter anderem in einem zeitgemäßen Beschäftigtendatenschutzgesetz geregelt werden müssen.

Welche Rolle kann Ihrer Ansicht nach die Politik bei der Gestaltung der Arbeit der Zukunft spielen?

Deutschland braucht einen politisch begleiteten und moderierten Prozess des digitalen Wandels. Es darf keine ungesteuerte Entwicklung der Digitalisierung geben. Wenn die Transformation erfolgreich sein soll, braucht es Vertrauen in die digitale Zukunft unserer Gesellschaft. Dazu bedarf es klarer Regeln. Wer auf Deregulierung setzt, nährt Argwohn, schafft Akzeptanzprobleme und verzögert Transformationsprozesse. Wir brauchen von der Politik ein attraktives Zielbild für eine smarte, digitale Gesellschaft, bestimmt andere Regeln. Dazu muss ein Update für die Mitbestimmung gehören.

Wie wird die digitale Transformation die Arbeitswelt in Deutschland und global verändern?

Die Veränderungen werden gewaltig sein – ob positiv oder negativ, hängt davon ab, wie wir den Wandel gestalten. Deshalb muss der Zusammenhang von Guter Arbeit, Guten Dienstleistungen und Gemeinwohlorientierung in den Blick genommen werden. Es ist eine  gesamtgesellschaftliche Gestaltungsaufgabe, an der sich ver.di intensiv beteiligt. Die Janusköpfigkeit der Digitalisierung, ihre faszinierenden Möglichkeiten und eminenten Risiken, die neue Schutzbedürftigkeit und die Hoffnungen von Beschäftigten auf neue Freiheit verbunden mit dem Wunsch nach Sicherheit in der digitalen Welt – das verlangt nach gestaltender Einflussnahme auf die Entwicklung. Für ver.di liegt die zentrale Herausforderung der kommenden Jahre darin, die unübersehbaren Risiken des digitalen Umbruchs zu bewältigen und seine großen Chancen für soziale und humane Innovation auszuschöpfen, um Gute Arbeit und Gute Dienstleistungen zu sichern und so die Voraussetzungen für nachhaltiges Wachstum zu verbessern. Uns geht es darum, zu verhindern, dass sich amerikanische Datenalgorithmen eine goldene Nase verdienen, ohne dass Digitalisierungserträge dorthin umverteilt werden, wo gesellschaftlicher Bedarf besteht, in der Pflege und Erziehung, in der Bildung, der Infrastruktur und bei der Länge der Arbeitszeit.

Was muss in Deutschland passieren, damit die Digitalisierung erfolgreich umgesetzt werden kann?

Es braucht Investitionen in gesellschaftlich notwendige Dienstleistungen, um mögliche Arbeitsplatzverluste zu kompensieren. Beschäftigungsfähigkeit wird einer der wichtigsten Schlüssel für unsere Kolleginnen und Kollegen zur Abwendung von Rationalisierungsfolgen sein. Also braucht es Bildungsressourcen in den Betrieben. Der Staat könnte mit einer geförderten Bildungsteilzeit unterstützen. Wir brauchen eine zielgerichtete Förderung beschäftigungswirksamer Innovationen.

Um die Chancen der Digitalisierung für die Beschäftigten zu erschließen, brauchen wir eine Humanisierungsoffensive – verbindliche Gefährdungsbeurteilungen, ein Recht auf Nichterreichbarkeit, ein Recht auf Telearbeit und ein Beschäftigtendatenschutzgesetz, das den Namen verdient. Wir brauchen eine Modernisierung der Mitbestimmung.

Marco Dadomo_3Das Interview führte: Marco Dadomo
Aufgaben im VDI: Pressesprecher

 

 

 

VDI-Jahresthema 2017: „SMART GERMANY – Arbeit in der Digitalen Transformation“
Mit der Digitalen Transformation steht ein Strukturwandel bevor, der die Art und Weise, wie Menschen leben, arbeiten und wirtschaften fundamental verändern wird. Unter dem Motto „SMART GERMANY – Arbeit in der Digitalen Transformation“ widmen wir uns im Jahr 2017 mit unserem Jahresthema der Frage, wie Menschen in der digitalen Ökonomie lernen, arbeiten und sich bestmöglich aus- und weiterbilden können. Teil unserer Kampagne zur Arbeit der Zukunft wird nicht nur eine Analyse des Berufsbilds „Ingenieur 4.0“ sein, es erwarten Sie außerdem zahlreiche Publikationen, Beiträge im VDI-Blog, FAQ und im Jahr der Bundestagswahl auch spannende politische Einblicke. Auch der Deutsche Ingenieurtag am 11. Mai 2017 steht ganz unter dem Motto Arbeit 4.0. Weitere Informationen finden Sie unter http://www.vdi.de/arbeit40.

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Kommentare & Pingbacks

5 Gedanken zu “„Wir brauchen eine Humanisierungsoffensive für die Digitalisierung“

  1. „Es braucht Investitionen in gesellschaftlich notwendige Dienstleistungen, um mögliche Arbeitsplatzverluste zu kompensieren“ – klingt das nicht allzu sehr nach Beschäftigungstherapie? Wenn Dienstleistungen gesellschaftlich notwendig sind, dann investieren wir doch darin, weil sie eben notwendig sind, oder?

    Es ist mir klar, dass ein Verdi-Vertreter immer auf Kompensation aus sein muss. Es könnte sich jedoch als fatal erweisen, Besitzstandswahrung unter Auflage althergebrachter Strukturen zu fordern. Wollen wir wirklich Jobs, die es nur gibt, weil es eben Jobs geben muss? Oder sollte nicht jeder tatsächlich einen wertbringenden Beitrag leisten können, der arbeitet?

    Stets als oberstes Ziel die Kompensation von Arbeitsplatzverlusten zu haben wird Verdi auch nicht retten, und unsere Gesellschaft schon dreimal nicht.

    Könnten wir da mal bitte etwas weiter und eher an den Grenzen unserer Box denken?

  2. Hallo Herr Dr. Schlosser,

    danke für Ihren Kommentar. Was Sie „Beschäftigungstherapie“ nennen, hat schon ein bisschen was von klassischem Keynesianismus, oder? ;-) Insofern: Ganz persönlich stimme ich Ihrer Ansicht zu der gewerkschaftlichen Position zu Arbeit 4.0 zu. Ich denke auch nicht, dass wir Tätigkeiten, die sich auf Grund technologischen Fortschritts verschieben, künstlich am Leben halten sollten. Auf der anderen Seite ist es verständlich, dass sich Ver.di für die Rechte von Arbeitnehmern und die seiner Mitglieder einsetzt. Das ist nunmal legitimer Organisationszweck. Als VDI versuchen wir außerdem, in der Debatte um die digitale Arbeitswelt möglichst viele und vor allem unterschiedliche Stimmen zu Wort kommen zu lassen. Auch das gehört zu dem von Ihnen erwähnten „an den Grenzen unserer Box denken.“ Es lebe die Debatte!

    Viele Grüße aus dem VDI
    Annika Lander

  3. Meiner Meinung nach ist es ebenfalls wichtig, über den Tellerrand hinaus zu blicken und beide Seiten – nämlich die Vor- UND Nachteile der Arbeit der Zukunft – zu beleuchten. Außerdem ist es aus meiner Sicht nicht nur verständlich, sondern wichtig, dass sich ver.di für die Rechte von Arbeitnehmern einsetzt. Definitiv wird es ja so sein, dass zunächst eine Lücke entstehen wird, und Menschen aufgrund der Digitalisierung ohne Arbeit sein werden. Hier muss frühzeitig agiert werden, damit es nicht zu einer gesellschaftlichen Katastrophe kommt. Insofern ist eine Kompensation von Arbeitsplatzverlusten eine mögliche Lösung, dem temporär entgegen zu wirken.

    Sie sehen, auch wir hier im VDI haben unterschiedliche Meinungen zu dem Thema. ;-)

    Viele Grüße
    Hanna Büddicker

  4. Mal so ganz grundlegend: Warum soll der Mensch überhaupt arbeiten? Diese Frage wird viel zu wenig gestellt. Erst wenn diese beantwortet ist kann man über das wie reden. Denn schlussendlich geht es oft tatsächlich nur um Besitzstandswahrung und Konsum.

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