Im Interview Dr.-Ing. Marc Pauwels

Was ist eigentlich die Wertanalyse?

Die Wertanalyse wird 70 Jahre alt. Aber was genau ist überhaupt eine Wertanalyse? Das haben wir Dr.-Ing. Marc Pauwels, Vorsitzender des VDI-Fachbereichs Value Management/Wertanalyse, gefragt. Im Interview erklärt Pauwels außerdem, warum diese Methodik so erfolgreich ist, wie sie die Arbeitswelt verändert hat und ob Deutsche und Amerikaner sie unterschiedlich anwenden.

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Marc Pauwels im Interview zum Thema Wertanalyse & Value Management

Herr Pauwels, können Sie kurz beschreiben, was Wertanalyse bzw. Value Management ist?
Die Wertanalyse ist eine ganzheitliche Methodik, um bestehende Produkte, Prozesse oder Dienstleistungen zu optimieren bzw. diese neu zu entwickeln. Das Value Management ist die europäische Weiterentwicklung der Wertanalyse, deren Hauptschwerpunkt in der Ausweitung der Wertanalyse auf die Führungsebene von Unternehmen liegt. Beide Methoden basieren auf den wertanalytischen Grundelementen: Ganzheitlichkeit, Werte- und Funktionenkonzept sowie interdisziplinäre Zusammenarbeit.

VDI-Video: Wertanalyse einfach erklärt

Die Wertanalyse feiert in diesem Jahr ihr 70. Jubiläum bzw. wird seit 50 Jahren in Deutschland angewendet. Was würden Sie sagen macht gerade diese Methode so erfolgreich?
Wertanalyse/Value Management wird beständig angewendet aufgrund der Projekterfolge, die Unternehmen mit Wertanalyse erzielen. Die Stärken liegen dabei in oben genannten Grundelementen. Die Funktionenanalyse ist kreativer Katalysator, die interdisziplinäre Zusammenarbeit wird gestärkt und vertieft und der Projektaufwand ist skalierbar. Gerade bei der heutigen Marktdynamik mit immer kürzeren Produktlebenszyklen stehen Effizienz und Erfolg im Fokus. Genau das bietet die Wertanalyse und manchmal zeigen die Projekte auch auf, dass die Unternehmen sich die notwendige Zeit nehmen müssen, um zum langfristigen Erfolg zu finden.

Zum Jubiläum der Wertanalyse hat der VDI die Festschrift „70 Jahre Wertanalyse – Persönliche Einblicke“ herausgebracht. Schaut mal rein.

Wo liegt das größte Potenzial?
Das größte Potenzial liegt ebenfalls in den Grundelementen, im Wesentlichen im Denken in Funktionen und in der Kommunikation. Das Denken in Funktionen, „Was tut mein Produkt“, „was soll es tun“ und „was zahlt mein Kunde dafür“ bewahrt Unternehmen vor Fehlentwicklungen und zentriert auf die Kundensicht. Die Funktionenanalyse lenkt weg vom Denken in Lösungen und schafft damit die Grundlage zur Innovation.

Darüber hinaus benötigen Unternehmen bei der schnellen Marktdynamik, steigender Komplexität, z.B. durch die Faktoren Internationalisierung, kürzere Produktlebenszyklen, schnelle Technologie-Entwicklung und höhere Diversifikation, eine funktionierende interdisziplinäre Zusammenarbeit. Es ist heutzutage kaum noch möglich, mit einer Person oder auch mit einer Abteilung komplexe Projekte zu bearbeiten. Also müssen die Personen bzw. die Abteilungen miteinander reden und auch zusammenarbeiten. Hier muss natürlich genau die richtige Balance gefunden werden, um die Effizienz der Besprechungen im richtigen Verhältnis zum gewünschten Ergebnis zu halten.

Hat die Wertanalyse auch die Arbeitswelt verändert?
Das hat sie definitiv! Früher war es absolut üblich, dass die unterschiedlichen Abteilungen mit ihren Fachleuten fast ausschließlich ihre Aufgaben bearbeitet haben und die Teilergebnisse an die Kollegen der anderen Abteilungen übergeben haben. Heute ist Teamarbeit fast schon Standard und startet bereits in den Schulen.

Sie arbeiten vielfach in internationalen Projekten. Bemerken Sie Unterschiede in der Anwendung in verschiedenen Ländern/Kulturkreisen? Wenn ja, welche?
Für die Zusammenarbeit der Menschen in den Teams gilt natürlich alles, was im Bereich der interkulturellen Kommunikation beschrieben wird. Menschen unterschiedlicher Kulturen können sich unterschiedlich verhalten. Darauf muss man sich einstellen. Aber interessanterweise haben sich auch die Anwendungsfelder der Wertanalyse unterschiedlich entwickelt. Um nur zwei Beispiele zu nennen: In den USA ist die Wertanalyse sehr stark im Bereich der Bauprojekte zu finden. Dies liegt sicherlich auch an dem Bundesgesetz, das für Projekte mit öffentlichen Geldern ab einem bestimmten Wert den Einsatz der Wertanalyse fordert. Dies gibt es in Deutschland nicht. Dafür werden hier die meisten Projekte im Bereich von Produkten durchgeführt, also im Maschinenbau, Anlagenbau, aber auch bei Konsum-Produkten oder Komponenten.

Wie steht Deutschland im internationalen Vergleich in Bezug auf die Wertanalyse dar?
Sehr gut. Alleine im Bereich der VDI-Mitglieder haben sich fast 4.000 Personen dem Fachbereich Value Management/Wertanalyse zugeordnet. Mehrere hundert Personen lassen sich jedes Jahr im Bereich Wertanalyse/Value Management ausbilden und fast alle großen Unternehmen wenden die Wertanalyse an. Damit nehmen wir international einen sehr guten Platz ein.

Wie wird sich die Wertanalyse in Zukunft weiterentwickeln?
Da sehe ich zwei unterschiedliche Bereiche. Zum einen die weitere Vernetzung der Fachleute und Verbände. Beispielsweise haben SAVE International, die US-amerikanische Vereinigung der Wertanalytiker und der VDI anlässlich des Jubiläums auf unserer internationalen Wertanalyse-Tagung in St. Georgen am 10. Mai einen Kooperationsvertrag unterschrieben. Zum anderen sehe ich die Ausweitung der Anwendungsfelder und hier speziell die Anwendung der Wertanalyse auf Bauprojekte. Hier besteht in Deutschland sicher noch ein großes Potenzial und mit Blick auf die letzten Großprojekte sicher auch Bedarf.

Daniela HeinDas Interview führt: Dr.-Ing. Daniela Hein
Position im VDI: Geschäftsführerin VDI-Gesellschaft Produkt- und Prozessgestaltung Fachbereich Value Management/Wertanalyse

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