Mentalitäts- und Kulturwandel in Deutschland

„Den Satz „Ja, aber nur wenn…“ kenne ich nur aus Deutschland.“

Nicht alles ist eine Frage des technischen Könnens. Erfolg in der Digitalen Transformation ist auch eine Sache von Kultur und Mentalität. Dr. Kurt D. Bettenhausen, Vorsitzender des Interdisziplinären Gremiums Digitale Transformation (IGDT) im VDI, kennt beide Seiten des Atlantiks, die typisch deutsche und die typisch amerikanische Arbeitsweise und Kultur. Sind unsere Ingenieure mit ihrer Mentalität ausreichend und richtig für die digitale Zukunft vorbereitet? Darüber haben wir mit ihm gesprochen:

Kurt D. Bettenhausen_BlogDeutschland hat es einer UN-Studie zufolge erstmals unter die zehn innovativsten Länder der Welt geschafft. Reichen die Offenheit gegenüber neuen Technologien und der Wille zur Innovation aus, um Deutschland auch künftig wirtschaftlich an der Spitze zu halten?
Grundsätzlich ja, aber es gibt immer Bereiche, in denen wir noch einen Zahn zulegen müssen und können. Alle heutigen Umfragen – seien es von BMWi, VDI oder anderen – zeigen, dass Deutschland in der Akzeptanz und in der Anwendung digitaler Technologien sowie in Bezug auf das Entwickeln neuer Geschäftsmodelle in dieser Transformation der Technologien und Märkte enorme Zuwachsraten hat. In der jüngsten Umfrage des VDI gab beispielsweise die Prozessindustrie mit 76 Prozent an, dass Industrie 4.0 einen hohen Einfluss auf ihre zukünftige Entwicklung haben wird und laut BMWi ist auch der Mittelstand zu 58 Prozent überzeugt, dass neue Geschäftsmodelle wie Cloud-basierte Services Wachstum bringen werden. Deutschland war immer von ingenieurmäßigem Handeln und hoher Innovationskraft geprägt – dieses Mal jedoch haben wir nicht von Anfang an zu den Treibern der Entwicklung gehört. Wir sind aber nun dabei, auf die Überholspur zu wechseln.

Das IMD World Competitiveness Center hingegen, das jährlich rund 70 Kriterien bewertet (u.a. Economic Performance, Governance / Business Efficiency und Infrastructure) bescheinigt Deutschland gerade einmal den 12. Rang. Auffällig sind die Parallelen zum Ranking der UN-Studie in Bezug auf die Länder, die vor uns stehen: China, Schweiz, USA, Singapur, Schweden, Dänemark und auch Irland und Norwegen. Können wir schnell genug von diesen Ländern lernen?
Vor allem gilt: Nicht kopieren, sondern kapieren. Wir können natürlich von anderen Ländern lernen, und vieles müssen wir nicht neu erfinden. Aber wir müssen uns auf unsere Stärken besinnen: Solide Grundlagen, schnelle Umsetzung, absoluter Wille zum Erfolg. Zusätzlich braucht es einen Baukasten grundlegender Bausteine, an denen wir nicht vorbeikommen:
•    Flächendeckender, schneller Breitbandausbau ist die Basis zur Einbindung aller Beteiligten.
•    Eine nutzerfreundliche, internetbasierte Verwaltung mit geringen bürokratischen Hürden für die Gründung von Unternehmen.
•    Einzug digitaler Technologien in die Schulen – sowohl in die Nutzung als auch in die Lehre.
Digitalisierung bedeutet lebenslange Weiterbildung – diesen Kulturwandel zum lebenslangen Lernen müssen wir jetzt initiieren. Und wir müssen lernen, in Geschäftsmodellen, Plattformen und Smart Services zu denken! Auch das bedeutet einen Wandel in unserer Kultur. Dazu werden wir Unternehmen und Führungskräfte brauchen, die sich mit neuen Geschäftsmodellen erfolgreich am Markt positionieren und als Vorbilder dienen. Außerdem muss diese Art zu denken bereits in den Universitäten integriert sein – und höchstwahrscheinlich auch bereits in den Schulen.

Die großen Trendthemen der technischen Zukunft mit milliardenschweren Investitionen und hohen Wachstumsraten sind mobiles Internet, künstliche Intelligenz, Internet of Things, Cloud Technologie, Robotik und selbstfahrende Autos. Sind wir für einen globalen Wettbewerb in diesen Bereichen gerüstet?
Ja, das sind wir. Aufgrund unserer beschränkten Größe werden wir es aber nicht schaffen, allein aus Deutschland heraus in allen diesen Bereichen eine führende Position einnehmen zu können – hier werden wir mindestens auf europäischer Ebene denken, fühlen und handeln müssen. Weltweit arbeiten etwa 1.000 Unternehmen mit Hauptfokus auf künstlicher Intelligenz, davon sitzen 500 in den USA, 60 in Großbritannien und weniger als 10 in Deutschland. Da die deutschen Firmen auch nicht 50 mal so groß sind wie die amerikanischen, wird das schwer mit dem Erreichen der globalen Wettbewerbsfähigkeit. Gleichzeitig haben wir über unsere weltweit verteilte, installierte Basis in der Automation, im Maschinen- und Anlagenbau sowie bei Automobilen die Flotte schon im Feld. Deren Daten gilt es jetzt “nur” auszuwerten. Es wird Zeit, dass wir damit endlich in der Fläche beginnen und dieses Feld nicht kampflos anderen überlassen.

Ist der Nachwuchs aus unseren Universitäten fit für den neuen, digitalen Arbeitsmarkt?
Auch hier ein deutliches Ja. Ich selbst habe in Deutschland eine hervorragende Ausbildung erhalten und bin darauf auch im angemessenen Rahmen stolz. Trotzdem haben wir derzeit mehrere Herausforderungen zu meistern: Seit der Einführung des Bachelor-Master-Systems haben sich verschiedene Erwartungen nicht erfüllt, z.B. eine höhere Durchlässigkeit zwischen den Universitäten zu erreichen, oder eine bessere Anerkennung vergleichbarer Leistungen, um z.B. Ortswechsel oder auch Auslandsaufenthalte zu ermöglichen. Im Gegenteil: Fast 3.000 Studiengänge in Deutschland bieten einen Abschluss im Bereich der Ingenieurwissenschaften. Manche Universitäten verfolgen die Strategie sechs zu vier (Bachelor zu Master-Semestern), andere sieben zu drei – da gestaltet sich nicht nur ein Wechsel schwierig, sondern es ist bei dieser Unübersichtlichkeit für junge Leute, die mit hoher Motivation aus den Schulen kommen, fast unmöglich, sich für den „einen richtigen“ Studiengang zu entscheiden.

Wir benötigen außerdem mehr Grundlagen- und Methodenwissen und mehr Praxistauglichkeit der übergeordneten Skills. Ein schlechtes Betreuungsverhältnis kommt in Deutschland leider erschwerend hinzu. Die vormals hohen Abbrecherquoten konnten in der letzten Zeit auf knapp über dreißig Prozent gesenkt werden. Das ist ein Erfolg. Allerdings sind die praxisrelevanten Soft Skills im Ingenieurstudium kaum etabliert. Richtig argumentieren und gutes Kommunizieren, die Fähigkeit, als Maschinenbauingenieur einen Software-Ingenieur zu verstehen oder gar gemeinsam Probleme zu lösen, während des Studiums reale Projekte aus Unternehmen kennenzulernen, wie es in den USA im Rahmen längerer Werkstudenten-Tätigkeiten üblich ist. All das kommt in Deutschland zu kurz.

Wir müssen in Bezug auf wirtschaftliches Denken, auf die Vermittlung von Softwarekenntnissen und in Bezug auf die Kompetenzen, in interdisziplinären, heterogenen und internationalen Teams zu arbeiten, noch vieles lernen. In den Empfehlungen zur Zulassung zu den Top-Universitäten der USA steht beispielsweise der Satz „Zeige, dass Studieren nicht dein alleiniger Auftrag ist, dass du keine Studiermaschine bist.“ Das könnte auch hierzulande unsere starre „Disziplinenfokussiertheit“ aufbrechen. Das alles ist nicht unmöglich und kann auch in kurzer Zeit geschehen, aber hier wird ebenfalls ein Umdenken stattfinden müssen.

Noch eine Frage zum Abschluss: Sie sagten einmal, Berufsanfänger aus asiatischen Ländern haben einfach mehr Biss, wenn sie in die Unternehmen kommen. Können wir diesen Biss erlernen?
Mir liegen zwei Dinge besonders am Herzen: Vielfalt und gesunder, sportlicher Wille zum Erfolg. Wenn ich mir meine Teams in den USA anschaue und dort Mitarbeiter aus über 20 Ländern finde, die alle über unterschiedliche Kompetenzen zur Lösung von Problemen verfügen, dann kommen da eben auch vielfältige Lösungen heraus. Die gleiche Vielfalt finde ich trotz erheblicher Anstrengungen bei der Einstellung und Kultur in Deutschland nur schwer. Aus weltweiten Einstellungs- und Personalentwicklungsgesprächen nehme ich einiges an Eindrücken mit. Den Satz “Ja, aber nur wenn…” höre ich weltweit gar nicht, genau genommen nur in Deutschland. Wir müssen uns da schon die Frage stellen, ob unser Wille zum Erfolg ausreichend ausgeprägt ist, oder ob wir unseren ererbten Wohlstand lediglich verwalten. Wer als junger Erwachsener freiwillig und selbstbestimmt durch einen harten Auswahlprozess internationaler Elite-Universitäten gegangen und bereit ist, dafür auch noch Geld zu bezahlen, der hat vielleicht doch mehr Biss als jemand, der “studieren geht”, weil “alle anderen eben auch studieren gehen”.

csm_Dirzus_Dr._Dagmar_02f2677e23Das Interview führte: Dr.-Ing. Dagmar Dirzus
Position im VDI: Geschäftsführerin der VDI/VDE-Gesellschaft Mess- und Automatisierungstechnik

VDI-Jahresthema 2017: „SMART GERMANY – Arbeit in der Digitalen Transformation“
Mit der Digitalen Transformation steht ein Strukturwandel bevor, der die Art und Weise, wie Menschen leben, arbeiten und wirtschaften fundamental verändern wird. Unter dem Motto „SMART GERMANY – Arbeit in der Digitalen Transformation“ widmen wir uns im Jahr 2017 mit unserem Jahresthema der Frage, wie Menschen in der digitalen Ökonomie lernen, arbeiten und sich bestmöglich aus- und weiterbilden können. Teil unserer Kampagne zur Arbeit der Zukunft wird nicht nur eine Analyse des Berufsbilds „Ingenieur 4.0“ sein, es erwarten Sie außerdem zahlreiche Publikationen, Beiträge im VDI-Blog, FAQ und im Jahr der Bundestagswahl auch spannende politische Einblicke. Auch der Deutsche Ingenieurtag am 11. Mai 2017 steht ganz unter dem Motto Arbeit 4.0. Weitere Informationen finden Sie unter http://www.vdi.de/arbeit40.

6490-dit-2007-key-visual-smart-germany-vdi-blog-702x363px

Kommentare & Pingbacks

3 Gedanken zu “„Den Satz „Ja, aber nur wenn…“ kenne ich nur aus Deutschland.“

  1. „die Offenheit gegenüber neuen Technologien“

    Bitte? Keine Bevölkerung ist so technophob wie die deutschen Bundesbürger. Abseits der MINT-Berufe und Unternehmen leben wir im technologischen Mittelalter.

Schreibe einen Kommentar zu Robert Weinberger Antworten abbrechen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*