Mehr als Matrosen

Arbeiten in der maritimen Wirtschaft

Die maritime Industrie – dazu gehören Schiff- und Bootsbau, maritime Zulieferer sowie Meeres- und Offshore-Technik – nimmt nach wie vor eine Schlüsselstellung in der deutschen Wirtschaft ein. Derzeit sind in der maritimen Wirtschaft rund 400.000 Arbeitskräfte beschäftigt. Die Hälfte davon arbeitet in den Bereichen Seeschifffahrt, Schiffbau sowie deren Zulieferindustrien. Die andere Hälfte entfällt auf die Häfen und deren notwendige Infrastruktur. Der jährliche Umsatz wird auf rund 50 Milliarden Euro geschätzt. Genügend Gründe also, diesen Wirtschaftsbereich näher vorzustellen. Denise Dede, Leiterin des Geschäftsbereichs maritime Wirtschaft bei der SCOPE Engineering GmbH, stellt die fünf Berufsbereiche in der Branche einmal kurz vor, zeigt die Einflüsse der Digitalisierung und gibt einen kurzen Ausblick in die Zukunft.

Bild: Thomas Ernsting / LAIFSchiff_Bau_Rohbau_Werft

Für ein außenhandelsorientiertes Land wie Deutschland ist eine leistungsstarke, international wettbewerbsfähige maritime Wirtschaft von großer Bedeutung. Was aber bedeutet es, in der maritimen Wirtschaft beschäftigt zu sein? Welche Arbeitsfelder gibt es und was sind die aktuellen Bedrohungen für den Arbeitsmarkt?

Die Branche hat sich in den vergangenen Jahren rasant und trotz vieler Widrigkeiten recht positiv entwickelt. Jedoch fürchtet die Industrie neben politischen Entwicklungen wie Handelsembargos oder Exportstopps auch andere Entwicklungen, wie z.B. die fortschreitende Digitalisierung. Diese stellt den Wirtschaftszweig vor große Herausforderungen und wirkt sich spürbar auf die Arbeitswelt und die Beschäftigten aus.

Um sich einen Überblick über die unterschiedlichen Arbeitsbereiche der maritimen Wirtschaft zu verschaffen, sollte man diese in fünf Bereiche unterteilen:

  • Klassische Seefahrtsberufe wie Kapitän, Leiter der Maschinenanlage und Schiffsmechaniker
  • Häfen und die damit zusammenhängende Logistik
  • Schiffbau, Meerestechnik beziehungsweise Meeresforschung
  • Küste und Küstenschutz
  • Marine

Allein die klassischen Seefahrtsberufe umfassen ganz unterschiedliche Ausbildungen, mit denen man nach Abschluss als Schiffsmechaniker, Binnenschiffer oder Fischwirt arbeiten kann. Nautische und technische Studiengänge an Hochschulen ermöglichen entweder eine Karriere als Kapitän oder als Ingenieur für Schiffsbetriebstechnik, Entwicklungsingenieur, Bauingenieur oder Konfigurationsmanager. Aber auch Projektmanager für die Marine, Techniker für den Schiffbau und Konstrukteure werden gesucht.

Reedereien und Schifffahrt
Auch wenn der Gesamtgeschäftsbereich der maritimen Wirtschaft einen tendenziellen Aufschwung erlebt, steckt die Schifffahrt weiterhin in der Krise. Und das nun schon seit Jahren. Im internationalen Bereich haben sich diverse Reedereien auf den Weltmeeren vereint und so haben es einzelne Reedereien schwerer, wettbewerbsfähig zu bleiben. Zudem leidet die Schifffahrt seit bald neun Jahren unter Überkapazitäten und niedrigen Frachtraten, weil die Reeder in der Erwartung weiteren Wachstums zu viele Schiffe bestellt hatten. Um wettbewerbsfähig zu bleiben, ließ man in Deutschland bereits die Indienststellung übergroßer Containerschiffe schrumpfen. Somit besitzt Deutschland zwar weiterhin rund 2.800 Handelsschiffe, stellt 6,2 Prozent des Weltmarkts und die viertgrößte Flotte weltweit, die Finanzierung von Neubauten ist aber weiterhin ein Problem. Für Beschäftigte bedeutet das, sich weiterhin auf unsichere Zeiten einzustellen. Besser sieht es da im Bereich Hafen und Hafenlogistik aus. Denn kaum ein Bereich wächst so stark wie die Logistik. Und kaum einer sucht so dringend gute Leute.

Hafen und Logistik
Im Bereich Hafen und Logistik locken vielfältige Jobs und beste Perspektiven. Ein gutes Beispiel ist hierfür der Hamburger Hafen. Hier haben das allgemeine Wachstum der Güterumschlagsmengen sowie die Zunahme besonders großer Schiffe, die mehr Ladung auf einmal nach Hamburg transportieren, zu personellen Engpässen geführt. Der Hafen bietet vielfältige Einsatzmöglichkeiten und Chancen für Beruf und Bildung – besonders auch für Quereinsteiger, die zwischen Kränen und Containern Arbeit finden können. Abgeschlossene Studiengänge im Seeverkehr oder in Betriebswirtschaftslehre, Erfahrung als Logistiker und Projektkoordinator, aber auch Ausbildungen als Fachkräfte für Hafenlogistik, Schifffahrtskaufleute oder Kaufleute für Groß- und Außenhandel führen zu guten Arbeitsplätzen im Hafen oder bei dessen Zulieferbetrieben. Wichtig ist, dass die Digitalisierung vor allem diesen Bereich, die maritimen Logistikketten, verändert und weiterhin verändern wird. Denn Unternehmen sehen sich damit konfrontiert, nach digitalen Lösungen rund um die Logistik zu suchen, um ganzheitliche, smarte Logistikprozesse zu schaffen. Experten auf diesem Gebiet oder Arbeitnehmer, die sich in diesem Bereich weiterqualifizieren und weiterbilden, haben langfristige Karrieremöglichkeiten.

Bild: Thomas Ernsting / LAIFSchiff_Werft_Verladung

Werften: Schiffbau und Meerestechnik
Ein ähnlich großer Geschäftsbereich innerhalb der maritimen Wirtschaft ist der Schiffbau, zusammen mit der Meerestechnik bzw. -forschung. Hierfür relevante Ausbildungsberufe sind die des Bootsbauers oder Segelmachers. Als Studiengänge kann man beispielsweise Schiffbau, Maschinenbau oder auch Meeresforschung wählen. Schiffbau-Studierende zum Beispiel können später auf Werften arbeiten oder bei Zulieferern, die Navigationssysteme oder Kräne herstellen. Aber auch Elektroingenieure oder Innenarchitekten sind in diesem Bereich gefragt, wenn es beispielsweise um den (Innenaus-)Bau von Schiffen geht. Auf Wachstumskurs befindet sich das Segment Meerestechnik, in dem deutsche Unternehmen bislang nur einen kleinen Weltmarktanteil abdecken. Dazu gehören die Verfahren zur Öl- und Gasgewinnung, sowie zur Gewinnung von mineralischen Rohstoffen am Meeresboden, Offshore-Windenergieanlagen, Umwelt- und Sicherheitstechnik sowie Aquakultur.

Auch hier gilt, dass sich mit dem Einzug neuer Technologien die Berufsbilder – und die Herausforderungen verändern werden. Klassische Berufe werden teilweise wegfallen, dafür entwickeln sich neue. Für die Automatisierung von Prozessen braucht man „clevere Köpfe“. Weiterbildungen im Bereich Automatisierungstechnik, Elektrotechnik oder Projektmanagement sind hier wohl besonders wichtig.

Offshore: Küste und Küstenschutz
Der „Arbeitsmarkt Küste“ ist sehr weitreichend. Er umfasst einerseits Ausbildungen zum Wasserbauer – die zum Beispiel Deiche warten – aber auch Bauingenieure, die Küstenschutzkonzepte entwickeln, und vor allem Qualitätsmanager für den Bau von Offshore-Plattformen sind sehr gefragt. Neben Umspannplattformen für Offshore-Windparks bauen deutsche Werften beispielsweise Wartungsschiffe zur Reparatur und Versorgung der Anlagen. Hierfür werden händeringend Ingenieure, Konstrukteure und Techniker gesucht. Gerade weil viele Werften mit den Riesendocks in Asien nicht mehr mithalten können, sehen sie in diesem neuen Markt ihre Chance. Und das nicht ohne Grund: Vor der deutschen Küste sind neben den 72 bestehenden 448 Windkraftanlagen im Bau. 8235 weitere wurden bereits genehmigt. Das beflügelt nicht nur die Hersteller von Windrädern, sondern auch eine ganze Zulieferindustrie.

Bild: Thomas Ernsting / LAIFSchiff_Meer_Sonne

Marine: Alternative zur zivilen Seefahrt
Viele der bereits genannten Berufe zählen zur zivilen Seefahrt. Im marinen Umfeld gibt es allerdings auch Karrieremöglichkeiten, sei es im U-Bootbau oder bei der Wasserschutzpolizei. Ein Blick in die Stellenausschreibungen vieler namhafter deutscher Unternehmen oder deren Kooperationspartner lohnt sich. Oft werden hier Projektmitarbeiter eingesetzt, die dann vielfältige Entwicklungsmöglichkeiten haben und sich auf Grund Ihrer speziellen Projekterfahrung langfristig von Mitbewerbern absetzen. Was alle diese Berufe verbindet ist eine gewisse Affinität zum Wasser. Die Herausforderung, der sich alle Teilbereiche der maritimen Wirtschaft stellen müssen ist die Digitalisierung.

Digitalisierung
Bislang galt: Wann immer in der Menschheitsgeschichte technischer Fortschritt Arbeit überflüssig gemacht hat, sind an anderer Stelle neue Arbeitsplätze entstanden – und am Ende war die Gesellschaft insgesamt wohlhabender. Das soll auch für die maritime Wirtschaft gelten. Aber als sicher kann man in einem steten Prozess des Wandels wohl kaum einen Arbeitsplatz bezeichnen. Wenn, dann sind im Kontext der Automatisierung von Verfahren wohl nur jene Jobs wirklich sicher, die besonders menschliche Fähigkeiten verlangen – zum Beispiel Menschenkenntnis, Verhandlungsgeschick oder Überzeugungskraft.

Prognose? „Über den Wind können wir nicht bestimmen, aber wir können die Segel richten.“
Der Vorzeigebereich der maritimen Wirtschaft, die Offshore-Industrie ist ein großes Feld. Viele Plattformen und Bohrinseln müssen gebaut, mit Spezialschiffen versorgt und von Fachpersonal gewartet werden. Neue Technologien bergen beides – Herausforderungen und große Chancen. Es lohnt sich also, sich mit Trends und zukünftigen Entwicklungen der Arbeitswelt auseinanderzusetzen und vielfältige Projekterfahrung zu sammeln. Wer sich in der maritimen Wirtschaft beruflich weiterentwickeln oder gar neu positionieren möchte, hat dazu jede Möglichkeit und wird von einer Umschulung, Zusatzqualifikation, Spezialisierung oder Weiterbildung profitieren.

Bild: SCOPE Engineering

Bild: SCOPE Engineering

Über die Autorin
Denise Dede leitet bei SCOPE Engineering den Geschäftsbereich maritime Wirtschaft. Als Projektmanagerin im Maritimen Cluster Norddeutschland baute sie zuletzt ihren ursprünglichen Schifffahrtshintergrund in den letzten Jahren auf die gesamte maritime Wirtschaft aus.
SCOPE Engineering ist ein spezialisierter Engineering-Partner, Projektspezialist und im deutschsprachigen Raum operierendes Beratungsunternehmen mit dem Schwerpunkt auf sicherheitskritische und regulierte Branchen.

 

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