Auf die sensitiven Bioindikatoren warten neue Aufgaben

Flechten als Klimawandelzeiger

Der Klimawandel wirkt sich offenbar schon heute auf die belebte Umwelt aus, doch ein Nachweis dafür ist sehr schwer zu führen. Mit einem Biomonitoring mit Flechten lassen sich die Effekte allerdings über längere Zeiträume belegen. Der VDI hat erstmalig eine Richtlinie zum Thema entwickelt.

Bild: Stappertitelbild-flavoparmelia-soredians_foto-stapper

Klimawandelzeiger Flavoparmelia soredians

Warum Flechten?
Viele unterschiedliche Lebewesen reagieren auf den Klimawandel. Eine dieser Gruppen sind die Flechten. Eine Flechte besteht aus einem Pilz, der mit einem oder sogar mehreren Partnern zusammenlebt, die Photosynthese betreiben können (Grünalge und/oder Cyanobakterium). Flechten reagieren aufgrund ihrer Biologie empfindlich auf Umweltveränderungen. Die Aktivität ihrer Lebensvorgänge hängt eng mit dem Licht-, Wasser- und Nährstoffangebot zusammen. Seit einigen Jahren beobachten Spezialisten, dass die Flechtenpopulationen sich verändern. In Deutschland werden immer häufiger Flechten erfasst, die bisher nicht in den betreffenden Gebieten beobachtet wurden. Diese Arten haben eines gemeinsam: Sie sind für milde, ozeanische oder warme Klimagebiete charakteristisch. Es sind sogenannte Klimawandelzeiger. Gegenwärtig sind 45 Flechtenarten als solche eingestuft. Nach einer neuen Richtlinie des Vereins Deutscher Ingenieure (VDI 3957 Blatt 20) werden diese Arten nach einem standardisierten Verfahren kartiert. Es werden geeignete Bäume auf ihren Flechtenbewuchs untersucht, ähnlich einer immissionsbezogenen Flechtenkartierung. Einige Jahre später wird das wiederholt und die Veränderung des Flechtenaufwuchses begutachtet.

Bild: Johnblattflechten_foto-john

Blattflechten

Bild: WindischKlimawandelzeiger Punctelia jeckeri

Klimawandelzeiger Punctelia jeckeri

 

 

 

 

 

 

 

Erste Erfahrungen mit dem Klimawandel-Biomonitoring
Aus einigen Gebieten Deutschlands liegen erste Untersuchungen zum Thema vor. Ein Klimafolgenmonitoring mit Flechten ist für Düsseldorf veröffentlicht. Der Biologe Dr. Norbert Stapper stellt fest: „Die mittlere Anzahl der Klimawandelzeiger pro Baum, der so genannte Klimawandelzeiger-Index, hat sich seit 2001 verdreifacht! Insbesondere im Westen von Nordrhein-Westfalen hat der Klimawandel die Zusammensetzung der Flechtenpopulationen bereits deutlich verändert.“

In einem landesweiten Projekt des Bayerischen Landesamts für Umwelt, das von Prof. Dr. Ute Windisch geleitet wurde, stieg der Klimawandelzeiger-Index innerhalb von 15 Jahren an zwei von 25 Probenahmeflächen signifikant an. Vor Ort wurden 2011 mehr Klimawandelzeiger mit einer größeren Häufigkeit an den Bäumen gefunden als 1996 zu Beginn der Untersuchung. „Auch in Hessen sind Flechten anerkannte Klimafolgenindikatoren. Hier wird regelmäßig untersucht, ob die Areale der Flechten sich als Folge des Klimawandels verändern“, erklärt Prof. Windisch.

Der Botaniker Dr. Volker John berichtet aus einer grenzübergreifenden Studie für das Ministerium für Umwelt des Saarlands: „Wir haben kleinräumige Differenzierungen des Klimawandelzeiger-Indexes dokumentiert, die maßgeblich zur Erstellung von Wirkungs- und Trendkatastern beitragen.“

Bild: John/ Stapper/ WindischVeränderung des Klimawandel-Index in Deutschland seit 1996. Zusammenfassende Darstellung von Ergebnissen aus Studien einiger Mitglieder der VDI-Arbeitsgruppe "Wirkungsfeststellung an Niederen Pflanzen", welche die Richtlinie 3957 Blatt 20 entwickelt haben

Veränderung des Klimawandel-Index in Deutschland seit 1996. Zusammenfassende Darstellung von Ergebnissen aus Studien einiger Mitglieder der VDI-Arbeitsgruppe „Wirkungsfeststellung an Niederen Pflanzen“, welche die Richtlinie 3957 Blatt 20 entwickelt haben

Veränderung des Klimawandel-Index in Deutschland seit 1996. Zusammenfassende Darstellung von Ergebnissen aus Studien einiger Mitglieder der VDI-Arbeitsgruppe „Wirkungsfeststellung an Niederen Pflanzen“, welche die Richtlinie 3957 Blatt 20 entwickelt haben

Nutzen des neuen Verfahrens
Mit dem Verfahren lassen sich Wirkungen des Klimawandels nachweisen, bewerten und dokumentieren. Im Sinne eines „Frühwarnsystems“ zeigen Flechten Veränderungen der Biodiversität an. Auch kommunale oder regionale Behörden können bei der Öffentlichkeitsarbeit unterstützt werden, wenn Maßnahmen zur Milderung von Klimawandelfolgen geplant werden.

Bild: privatwindischAutor: Prof. Dr. Ute Windisch
Technische Hochschule Mittelhessen
Fachbereich Life Science Engineering
Fachgebiete Biologie, Ökologie und Biomonitoring

Ehrenamtliche Tätigkeit beim VDI: Arbeitsgruppe „Wirkungsfeststellung an Niederen Pflanzen“

Kommentare & Pingbacks

2 Gedanken zu “Flechten als Klimawandelzeiger

  1. Ich beobachte seit einigen Jahren wie das Gesträuch und viele Bäume in BaWü zunehmend von erbsgrünen Flechten überzogen wird, und hatte auch vermutet, dass dies mit der Klimaerwärmung, oder vielleicht dem Milieu des Regenwassers und der Böden zusammenhängt.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.


*