Der Ingenieur in der Digitalen Transformation

„Ingenieure made in Germany brauchen eine Kompetenz-Mischung“

In unserer Reihe „Der Ingenieur in der Digitalen Transformation“ interviewen wir Ingenieure aus der Praxis und fragen sie, wie die Digitalisierung ihr Berufsbild verändert. Wie arbeiten Ingenieure in der Arbeit 4.0, welche Qualifikationen brauchen sie für die digitalisierte Arbeitswelt? Diese Woche sprachen wir mit Dr. Dirk Barenbrock von der Daimler AG.

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Herr Barenbrock, erläutern Sie doch einmal Ihre Tätigkeit bei Daimler, wie sieht Ihr typischer Arbeitsalltag aus?

Ich bin in der Mercedes-Benz PKW-Entwicklung tätig und kümmere mich um die Betriebsfestigkeit von Fahrzeugkarosserien. Dazu gehört zum Beispiel, sicherzustellen, dass Fahrzeuge im Kundenbetrieb geforderte Mindestlaufstrecken ohne Schaden überstehen oder Türen auch nach hohen Betätigungszahlen noch beanstandungsfrei funktionieren. Vom Produkt aus gesehen also eine ganz klassische Disziplin der Mechanik. Was hat das mit Digitalisierung zu tun? Um die große Vielfalt an Baureihen effizient entwickeln zu können, beruht diese Arbeit schon heute ganz wesentlich auf digitalen Methoden, wie z.B. Simulationen mit der Finite Elemente Methode.

Was ist das für eine Methode?

Die Finite Elemente Methode ist eine Simulationsmethodik, die es erlaubt, Fahrzeugbeanspruchungen im Kundeneinsatz oder auch schon während des Produktionsprozesses am Computer zu berechnen und so Schwachstellen im Produkt frühzeitig zu erkennen und zu beheben. Klassische Anwendung findet Sie neben der Betriebsfestigkeitssimulation z.B. auch in der Crashberechnung.

Bild: privatbarenbrock-db4-002Können Sie beschreiben, inwieweit in Ihrem Umfeld die Digitalisierung vorangeschritten ist?

Vielleicht kann man das an einem einfachen Beispiel deutlich machen: Das Feld der Betriebsfestigkeitsentwicklung ist klassisch versuchsgetrieben, ein Entwurf wird konstruiert und anschließend erprobt. Aus den Erprobungsergebnissen heraus werden Ideen für Verbesserungen generiert und wieder getestet. Wenn man nun bedenkt, dass allein zur Herstellung des Werkzeugs für ein Bauteil oft Monate vergehen, kann man sich vorstellen, dass eine Fahrzeugentwicklung allein auf dieser Basis nicht möglich ist. Aus diesem Grund wird ein Großteil der Erprobungen auch in Form von Simulationen durchgeführt. So lässt sich die Anzahl der Verbesserungen in kürzester Zeit vervielfachen. Für die Entwicklung der Betriebsfestigkeit unserer Karosserien erfolgen zum Beispiel in vielen Fällen fünfhundertmal mehr Simulationen als Erprobungen.

Das bedeutet also, durch Simulationen arbeiten Sie weitaus zeiteffizienter. Eine ketzerische Frage, die auf die vielfach geäußerte Befürchtung abzielt, im Zuge der Digitalisierung gingen Jobs verloren: Konnte so Arbeitskraft eingespart werden?

Ein aus meiner Sicht weit verbreitetes Vorurteil. Für mein Umfeld kann ich sagen, dass insgesamt nicht weniger Menschen mit der Thematik Betriebsfestigkeit beschäftigt sind als noch vor einigen Jahren. Die Simulation zielt vielmehr darauf, Fahrzeuge schneller zu entwickeln und die Zielkonflikte im Produkt zwischen kundenrelevanter Funktion sowie Kosten und Gewicht bestmöglich aufzulösen.

Wie beurteilen Sie die weitere Entwicklung in Ihrem Umfeld? Gibt es Grenzen der Digitalisierung?

Wie aus dem Beispiel hervorgeht, sind digitale Simulationstechnologien ein Schlüssel zur Beschleunigung der Entwicklungszyklen in der Automobilindustrie. Nun sind Simulationen immer Abbilder der Realität mit mehr oder weniger großen Vereinfachungen. Wir arbeiten täglich daran, die Qualität und Genauigkeit unserer Simulationsergebnisse weiter zu verbessern und so die Anzahl notwendiger Erprobungen weiter zu reduzieren. Grenzen sehe ich allerdings dort, wo es um den Nachweis und die Freigabe sicherheitsrelevanter Funktionen geht.

Wenn sich die Entwicklungsarbeit immer stärker in das Themenfeld Simulation verschiebt, ist es dann für angehende Ingenieure sinnvoll, sich mit Grundlagenfächern wie „Mechanik“ auseinander zu setzen?

Aber unbedingt. Gute Kenntnisse in den Grundlagenfächern sind weiterhin unabdingbar. Wie soll ein Ingenieur die Ergebnisse seiner Simulationen beurteilen oder verbessern können, wenn er die zugrundeliegenden Mechanismen nicht versteht?

Was denken Sie, bereitet die heutige Ingenieurausbildung die Ingenieure der Zukunft denn ausreichend auf die Digitale Transformation vor? Falls nicht, wo sehen Sie Defizite?

Neben einer guten Grundlagenausbildung ist es meines Erachtens sicherlich wichtig, aktuelles Wissen zu digitalen Themenfeldern zu vermitteln, um einerseits Absolventen einen guten Start in das Berufsleben zu gewähren und andererseits den Wunsch der Unternehmen an schnell produktiv einsatzbaren Mitarbeitern zu erfüllen. In einer sich schnell wandelnden Arbeitswelt ist es jedoch erforderlich methodische Kompetenzen zu lehren, die es Ingenieuren erleichtern, sich auch im späteren Berufsleben ständig weiterzuentwickeln.

Was sind Ihrer Meinung nach die Chancen bzw. Herausforderungen für Ingenieure „Made in Germany“?

Meines Erachtens werden sich in einer digitalisierten Welt nicht diejenigen behaupten, die – überspitzt formuliert – nur gut programmieren können. Mittelfristig werden sich meines Erachtens diejenigen durchsetzen, die Digital-Kompetenzen mit klassischen Ingenieurstugenden wie z.B. dem Verständnis für Mechanik verbinden und zudem Soft Factors wie z.B. gute Teamfähigkeit erfüllen. Diese Kompetenz-Mischung ist meines Erachtens der Schlüssel für einen erfolgreichen Wandel des Industriestandorts Deutschland.

Annika_LanderAutorin: Annika Lander
Position im VDI: Referentin politische Öffentlichkeitsarbeit im VDI e.V.

 

 

 

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Die Interviewreihe im Rahmen des VDI-Jahresthemas „SMART GERMANY – Arbeit in der Digitalen Transformation“ beleuchtet den Einfluss der Digitalisierung auf das Berufsbild Ingenieur. Wie arbeiten Ingenieure in der digitalisierten Arbeitswelt? Weitere Informationen zu #Arbeit40 finden Sie unter http://www.vdi.de/arbeit40.

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