Einblick in Erstellung und Nutzung

Wie wende ich Richtlinien richtig an?

Als anerkannte Regel der Technik sind die VDI-Richtlinien ein unverzichtbares Hilfsmittel für Ingenieure und Techniker. Ob für den Sanitär- oder den RLT-Bereich, der Fertigungsmesstechnik oder den Umweltschutz – die Anwendungsbereiche sind so vielfältig wie die Nutzerinteressen selbst. Und das hängt mit ihrer Erstellung zusammen.

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Erstellung
Wer nicht normt, wird genormt. Einfach ausgedrückt ist das ein guter Grund, weshalb man sich als ehrenamtlicher Mitarbeiter beim VDI bei der Erstellung einer VDI-Richtlinie beteiligen sollte. Jeder kann bei der Erstellung einer Richtlinie aktiv werden, und je bunter die Mischung, desto größer ist am Ende der Nutzen für den Anwender. Denn damit die spätere Richtlinie möglichst viele Aspekte zum jeweiligen Thema abdeckt, ist die Meinungsvielfalt des Ausschussgremiums ausschlaggebend. Aus diesem Grund umfasst das Gremium in der Regel zwischen 10 und 20 Mitglieder, damit alle sogenannten interessierten Kreise an der Erstellung der Richtlinie teilhaben können.

Der Entstehungsprozess einer VDI-Richtlinie, den die VDI 1000 regelt, ist genau festgelegt, wie der Beitrag „was VDI-Richtlinien eigentlich sind“ erklärt. In der Praxis sieht dies so aus, dass sich das Gremium beim ersten Treffen über den geplanten Inhalt der Richtlinie bespricht und eine Gliederung festlegt. Bis zum nächsten Treffen – im Jahr kommt man zwischen zwei bis vier Mal zusammen – haben Mitglieder zu den ihnen zugeteilten Punkten gegebenenfalls Hausaufgaben zu machen. Es ergeben sich vielfältige Aspekte, denn wenn es zum Beispiel um Brandschutz in Hochregallagern geht, sind die Blickwinkel eines Architekten, die eines Betreibers und die eines Sachverständigen völlig unterschiedlich. Dennoch müssen alle Sichtweisen in der Richtlinie vereint werden. Dies geschieht sukzessiv in den Sitzungen. Je nach Umfang der Richtlinie liegt nach durchschnittlich 10 bis 15 Treffen, also nach 24 bis 36 Monaten, der Entwurf der Richtlinie vor. Der Ausdruck „Entwurf“ bedeutet nicht zwangsläufig, dass sich am Inhalt noch gravierende Änderungen ergeben werden. Er sagt lediglich aus, dass in den darauffolgenden 3 bis 9 Monaten noch Einspruch gegen den Inhalt erhoben werden kann. Dieses öffentliche Einspruchsverfahren ist eine weitere Möglichkeit, quasi an der Erstellung einer VDI-Richtlinie teilzunehmen.

Nutzen
Ein gutes Beispiel für Nutzen und Sinn einer VDI-Richtlinie ist die VDI/GS1 4489 Blatt 1 mit dem Titel „Kennzeichnung von Paletten mit Auto-ID-Elementen – Mehrwegholzpaletten des Euromaßes (800 mm × 1200 mm)“. Warum dafür eine Richtlinie, wenn man den Datenträger doch einfach nur gut sichtbar an der Palette anbringen braucht? Zum einen, weil es Paletten in verschiedenen Maßen und aus unterschiedlichen Materialen gibt. Und das gilt es bei der Wahl des Auto-ID-Elements zu berücksichtigen. Deshalb ist die VDI-Richtlinienreihe auch in mehrere Blätter unterteilt. Zum anderen kann eine schnelle und fehlerfreie Abwicklung logistischer Prozesse nur dann erfolgen, wenn die verwendeten Kennzeichnungen mit den entsprechenden Auto-ID-Systemen kompatibel sind und eine Mindestleistungsfähigkeit aufweisen. In der internen Lagerhaltung hat man in der Regel keine Kompatibilitätsprobleme. Eine Palette dient aber auch dazu, Ware bis ans andere Ende der Welt zu transportieren. Und auch dort muss die Kennzeichnung eindeutig und reibungslos erfasst werden können. Hätten Sie etwa daran gedacht, dass, bedingt durch die Außenlagerung, die Feuchtigkeit im Holz variiert und damit die Leistungsfähigkeit einer RFID-Kennzeichnung beeinflusst? Die Stärke dieses Effekts ist abhängig von der verwendeten RFID-Frequenz. Die scheinbar triviale Richtlinie weist also nicht nur auf Besonderheiten des Materials hin, sondern vergleicht auch sowohl die möglichen Auto-ID-Techniken als auch die unterschiedlichen Anbringungsmöglichkeiten. Wann bringe ich eine Kennzeichnung außen an der Palette an, wann ist es sinnvoller, sie zu integrieren? Damit gewährleistet ist, dass die Kennzeichnung auch einwandfrei funktioniert, beschreibt die Richtlinie entsprechende Prüfverfahren. Mit der Definition der verschiedenen Begriffe und der Illustration der unterschiedlichen Kennzeichungstechniken und Anbringungsorte erläutert die Richtlinie umfassend den Stand der Technik, der eben weitaus mehr ist, als einen Zettel sichtbar an die Palette zu tackern.

Dieser Aufbau, bestehend aus Anwendungsbereich, Definitionen, Erläuterung der unterschiedlichen Techniken, Vorgehensweisen und Prüfverfahren mit abschließender Dokumentation ist charakteristisch für VDI-Richtlinien. Die Antworten auf wer, wo, was, wann, wie und warum sind also in VDI-Richtlinien enthalten, egal aus welchem Themenumfeld sie stammen. Das macht ihre Anwendung auch so einfach, denn entweder wird das Problem/die Besonderheit direkt beschrieben, oder der Anwender kann es aufgrund von Erläuterungen oder Definitionen für seinen Fall selbst erkennen. Viele Richtlinien enthalten im Anhang auch Tabellen oder Checklisten, die dabei helfen, empfohlene Vorgehensreihenfolgen einzuhalten oder Probleme beispielsweise mittels eines Baumdiagramms zu lösen.

Iris_LindnerAutorin: Iris Lindner
Die Diplom-Ingenieurin (FH) ist für uns in Sachen Berichterstattung rund um die VDI-Richtlinien in den sozialen Netzwerken unterwegs

 

 


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Kommentare & Pingbacks

Ein Gedanke zu “Wie wende ich Richtlinien richtig an?

  1. Sehr gut beschrieben worden, was es mit VDI Richtlinien auf sich hat.
    Vielen Dank für diesen Beitrag. Informationen wurden sehr gut aufbereitet, meiner Meinung nach.

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